Buchholz stellt G+J auf neue „Plattform“

Bei Gruner + Jahr stehen in den kommenden Monaten einschneidende Veränderungen an, die gravierende Strukturveränderungen mit sich bringen. Sechs Tage, nachdem die Details der neuen Vermarktungssäulen bekannt geworden waren, informierte Vorstandschef Bernd Buchholz die Mitarbeiter über den Umbau des Kerngeschäfts und mögliche neue Geschäftsfelder. Konkrete Maßnahmen verkündete der CEO nicht, aber er machte deutlich, dass auch Redaktionen neu positioniert werden: als objektübergreifende "Plattformen".

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Die turnusmäßig zwei Mal im Jahr stattfindende „Informationsveranstaltung“ war am Mittwochnachmittag mit besonderer Spannung erwartet worden. Schließlich ist der Belegschaft bekannt, dass im laufenden Jahr rund 200 Millionen Euro eingespart werden müssen. Den Anfang machte Finanzvorstand Achim Twardy, der die angespannte Wirtschaftslage schilderte und ankündigte, dass Gruner + Jahr „höchstwahrscheinlich“ erstmals in seiner Geschichte im Gesamtjahr rote Zahlen schreibt. Von der Einsparsumme entfielen 60 Millionen Euro auf G+J Inland.
Vorstandschef Buchholz erklärte anschließend, dass die hohe Einsparsumme nicht von der Konzernmutter Bertelsmann vorgegeben worden sei: „Niemand aus Gütersloh hat diese Zahl vorgegeben.“ Grundlage seien Gespräche mit Chefredakteuren und dem Management gewesen: „Daraus haben die Zahl generiert, die wir nach Gütersloh gemeldet haben.“
Der 48-Jährige skizzierte die strategischen Maßnahmen der Vergangenheit, in der das reine Zeitschriftenhaus über Line Extensions sowie die „Expand your Brand“-Direktive neue Umsatzfelder geschaffen habe. Das sei nun nicht mehr genug: „Man hat jetzt die bittere Erkenntnis: Die Maßnahmen im Kerngeschäft reichen nicht aus, um die Verluste zu kompensieren.“ Grund dafür sei auch eine allgemeine „Niveauabsenkung“ im Zeitschriftengeschäft. Es gehe jetzt darum, die Profitabilität der früherer Jahre wieder zu erreichen und die Erlöse „aufs Vorkrisen-Niveau zurückzuführen“.
Für Buchholz bedeutet das mehr „als nur bei den Kosten sparen“. Neben dem Ausbau des Corporate Publishing, vermehrten Dienstleistungen für Kundenobjekte in Vertrieb und Vermarktung sowie „Professional Publishing“ strebt der Vorstandschef auch Neuordnungen im Redaktionsbereich an. Die Restrukturierung der Wirtschaftsmedien sei dabei „ein Modell, aber keine Blaupause“. Dennoch scheint klar, dass sich viele Redaktionen bei Gruner + Jahr darauf einstellen müssen, in Zukunft nicht mehr als autarke „Manufakturen“ (Buchholz) nur für einzelne Titel verantwortlich zu sein. Ziel sei vielmehr der „Aufbau von Plattformstrukturen“, bei denen „Kompetenzteams“ mehreren Abnehmern und auch externen Mandanten Inhalte zuliefern. Als Beispiel nannte Buchholz das Redaktionskonzept des österreichischen G+J-Magazins „News“.
Der Vorstandschef beschwor auch das große Geschäftspotenzial datenbankgestützter Infosysteme für professionelle Kunden. Buchholz nannte das Beispiel der Londoner Stil- und Mode-Trendforschungs-Agentur WGSN, die Marketing-Profis umfangreiche Dienstleistungen anbietet. Kosten für ein Jahresabo: derzeit 15.000 britische Pfund (umgerechnet 16.300 Euro). Zu den Kunden gehören Volkswagen, Lufthansa und Leo Burnett. WGSN ist Teil der Guardian Media Group und hat extrem
ehrgeizige Wachstumsziele. Offenbar will der G+J-Chef dieses Modell auch auf dem deutschen Markt etablieren.
Dass mit der Neuausrichtung das Kerngeschäft des Medienhauses vernachlässigt werde, ließ der Vorstandschef nicht gelten. „Jeder, der behauptet, Gruner + Jahr würde jetzt zum Marketing-Dienstleister“, so der CEO ganz Bernd-Buchholz-typisch, „der redet Bullshit.“

Nachtrag: Wohin die Reise beim Thema Kostensenkung im Extremfall gehen kann, zeigt das Beispiel der Motorpress-Ibérica, einer hundertprozentigen Tochterfirma der Motor Presse Stuttgart, die wiederum eine Mehrheitsbteiligung von Gruner + Jahr ist: Einen Tag nach der Mitarbeiterveranstaltung am Hamburger Baumwall teilte die Motor Presse am Donnerstagnachmittag mit, dass im Zuge einer „Neuausrichtung der Geschäftsaktivitäten“ 76 von insgesamt 246 Redaktionsmitarbeitern aus den Bereichen Automobil, Motorrad und Sport, Grafik, Test Center, Fotografie, Dokumentation und Unternehmenskommunikation ihren Arbeitsplatz verlieren – damit fällt fast jeder dritte Job weg. Zudem werden vier Magazine eingestellt.
Motorpress-Ibérica ist Teil von G+J International, wo im laufenden Jahr 60 Millionen Euro eingespart werden sollen.

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