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Wirre Professoren-Kritik am Web-Manifest

Das Internet-Manifest, das eine Reihe mehr und weniger bekannter deutscher Online-Publizisten ins Netz gestellt haben, musste bereits Einiges an Kritik über sich ergehen lassen: Zu banal, zu wenig visionär lauteten die Vorwürfe. Nun haben sich in der Medienzeitschrift "Message" die Professoren Stephan Ruß-Mohl und Klaus Meier der Sache angenommen. Und zwar auf so wirre, teilweise offensichtlich falsche und argumentativ einfältige Art und Weise, dass man sich um die Zunft der Medien-Akademiker sorgt.

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Das Internet-Manifest, das eine Reihe mehr und weniger bekannter deutscher Online-Publizisten ins Netz gestellt haben, musste bereits Einiges an Kritik über sich ergehen lassen: Zu banal, zu wenig visionär lauteten die Vorwürfe. Nun haben sich in der Medienzeitschrift „Message“ die Professoren Stephan Ruß-Mohl und Klaus Meier der Sache angenommen. Und zwar auf so wirre, teilweise offensichtlich falsche und argumentativ einfältige Art und Weise, dass man sich um die Zunft der Medien-Akademiker sorgt.

Da ist zunächst Professor Stephan Ruß-Mohl, Leiter des European Journalism Observatory an der Università della Svizzera italiana in Lugano. Er hält den 17 Thesen des Internet-Manifests 17 eigene Thesen entgegen. Dabei verliert er mehr als einmal den roten Faden.

„Das Internet ist anders“ lautet die erste These des Manifests. Ruß-Mohl hält dagegen: „Das Internet ist anders… aber Journalismus im Internet ist nicht notwendig gratis.“ Blöd nur, dass nirgends im Manifest behauptet wird, dass Journalismus im Internet gratis sein muss. Es ist ja in der Tat so, dass das eigentlich niemand behauptet. Es gibt lediglich Menschen, die bezweifeln, dass Paid Content das von Verlagen herbeigesehnte Allheilmittel für fehlende oder nicht funktionierende Geschäftsmodelle ist. Ein gar nicht mal so kleiner Unterschiede. Selbst Google hält Bezahl-Inhalte erklärtermaßen für eine wichtige Ergänzung zum Inhalte-Mix im Internet. Ruß-Mohl stellt hier eine Gegen-These auf, die ins Leere läuft.

„Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche“, heißt es im Manifest. Ruß-Mohls Entgegnung: „Das Internet ist kein Medienimperium. … aber Medienimperien im Internet (Google, Microsoft & Co) sind die neuen Oligopolisten.“ Da rollen sich einem die Fußnägel hoch. Erstens bekommt Microsoft im Internet keinen Fuß in die Tür und kämpft sich nach wie vor eher erfolgslos ab, gegen Google online bestehen zu können. Microsoft ist ein Konzern, der nach wie vor in erster Linie Software auf CD-Roms verkauft. Das hat nix mit dem Internet zu tun. Und weder Microsoft noch Google sind Medien-Unternehmen im eigentlichen Sinne, geschweige den -Imperien. Beide Unternehmen stellen keine Inhalte her.
Ruß-Mohl plappert das typische Verleger-Missverständnis nach, laut dem Google der große Gegenspieler der Inhalte-Anbieter ist. Google bietet keine Inhalte an. Nicht einen einzigen. Google führt den Inhalten der Medien-Unternehmen Leser und Nutzer zu. Und verdient dabei sehr viel Geld. Dass mit dem Schlagwort vom „Medienimperium in der Jackentasche“ die technische Revolution durch das Internet gemeint ist, die es mittlerweile jedem Nutzer ermöglicht, selbst günstig zu publizieren, wird von Ruß-Mohl schlicht ignoriert.

Ruß-Mohl schreibt weiter: „Das Internet ist ein neuer Distributionskanal, der Interaktivität erleichtert. Daraus ergeben sich Chancen und Risiken für den Journalismus – ob mehr Chancen, hängt von der Zahlungsbereitschaft der Nutzer und nicht vom Internet als Technologie ab.“ Das ist nun keine Gegen-These, sondern eine eigene These von Ruß-Mohl. Aber egal, es ist trotzdem Unsinn. Wieso sollte es von der Zahlungsbereitschaft der Nutzer abhängen, ob sich mehr Chancen als Risiken für den Journalismus ergeben? Hier zeigt sich eine auf reine Bezahl-Modelle verengte Sicht. Paid-Content kann und wird sicher eine Rolle spielen, aber es gibt auch reine werbefinanzierte Angebote, die funktionieren (Spiegel Online, Bild.de). Vielleicht gibt es auch bald Misch-Angebote oder Stiftungsmodelle oder oder oder.

Im Manifest heißt es: „Das Netz verlangt Vernetzung.“ Ruß-Mohl schreibt: „Das Netz verlangt gar nichts… aber Vernetzung nützt den Nutzern.“ Ja, und? Was will uns diese wirre Replik sagen? Natürlich nutzt Vernetzung den Nutzern. Mit dem Wort „verlangt“ im Manifest sollte wohl zart darauf hingewiesen werden, dass viele Inhalte-Anbieter das Prinzip der Vernetzung zwar vielleicht als Lippenbekenntnis führen aber nicht umsetzen. Im Text von Herrn Ruß-Mohl findet sich bei Message.de beispielsweise kein einziger Link. Auch nicht zum Internet-Manifest. Schade. Es hätte dem Nutzer gewiss genützt.

Noch eine wirre Replik Ruß-Mohls: „Links lohnen… (viele, aber bei weitem nicht alle!), Zitate zieren (bitte mit Quellenangabe!).“ Ja, klar. Gerade Printmedien und Online-Angebote von Verlagen sollten sich das mit der Quellenangabe beim Zitieren vielleicht mal ins Stammbuch schreiben. Die Zitier-Kultur von Weblogs und reinen Online-Medien ist bei weitem transparenter und fortgeschrittener.

Und da wären wir auch schon beim Dauerbrenner Urheberrecht. Ruß-Mohl schreibt: „Das Urheberrecht wird bisher im Internet nicht hinreichend respektiert. Diebstahl ist Diebstahl – auch bei geistigem Eigentum, auch im Netz.“ Und auch sonst, könnte man hinzufügen. Hier wird wieder so getan, als sei der Diebstahl geistigen Eigentums eine Erfindung des Internet. Die Liste der Fälle, in denen Printmedien ohne Erlaubnis und Bezahlung Inhalte von Dritten übernommen haben, ist lang und wird länger. Hier ein aktuelles und besonders freches Beispiel. Dass Urheberrechte auch online gelten müssen, wird im „Internet Manifest“ nicht bestritten. Dass sie offline beachtet werden ist auch keine Selbstverständlichkeit.

Qualität – noch so ein Reizwort. Ruß-Mohl schreibt: „Das Internet ‚entlarvt‘ gar nichts. Journalismus, der aufklärt, Spin reduziert, Skandale enthüllt, Korruption eindämmt, kostet Geld und hat große, arbeitsteilige und leistungsfähige Redaktionen zur Voraussetzung.“ Das ist es wieder, das sattsam bekannte Hohelied auf den Qualitätsjournalismus, der investigativ recherchiert, Skandale noch und nöcher aufdeckt und den Mächtigen ausdauernd auf die Finger klopft. Doch darum geht es ja gar nicht. Niemand, auch nicht das Manifest oder dessen Autoren bestreiten, dass investigativer Journalismus richtig und wichtig ist, auch wenn man ihn zunehmend mit der Lupe suchen muss. Das Internet macht aber transparent, wenn beispielsweise dutzende Zeitungen tagtäglich mit der gleichen Agenturberichterstattung inkl. demselben Foto aufmachen, das Internet macht nachvollziehbar, wenn deutsche Edelfedern ohne Quellenangabe aus amerikanischen Zeitungen abschreiben. Ein Journalistik-Professor müsste doch so etwas eigentlich gut finden. Oder nicht?

Und schließlich schreibt Ruß-Mohl: „Alle für alle – das ist Populismus pur.“ Die Generation „Wikipedia“ sei oftmals erstaunlich naiv. Von blindem Vertrauen auf ungeprüfte Quellen ist die Rede. Woher weiß Herr Ruß-Mohl denn, dass da eine ganze Generation blind ungeprüften Quellen vertraut? Die eigene Erfahrung lehrt einen recht schnell, dass Wikipedia verdammt gute Informationen liefert. Dass man diese nachprüfen und/oder mit Vorsicht genießen muss, ist Bestandteil einer gewissen Medien-Kompetenz, die man sich im Laufe der Zeit hoffentlich erarbeitet hat. Aber das gilt genauso für Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge.

In einem zweiten Text setzt sich dann noch Klaus Meier, Professor am Institut für Journalistik der TU Dortmund, mit dem Manifest auseinander. Falls man das so nennen kann. Die Autoren hätten kein Manifest schreiben wollen, schäumt er, sondern nur „ihren dicken Hals abreagieren.“ Akademischer Diskurs von Allerfeinsten. Große Fragen des digitalen Zeitalters könnten nicht mit undifferenzierten Behauptungen beantwortet werden. Da hat er wohl Recht. Wie das geht mit „undifferenzierten Behauptungen“ hat sein Kollege Ruß-Mohl im gleichen Heft anschaulich gezeigt. Man kann vom „Internet Manifest“ halten, was man will, man darf und soll es auch kritisieren. Solche Kritiker wie Stephan Ruß-Mohl und Klaus Meier hat das Internet-Manifest aber nun wirklich nicht verdient.

PS: Hätte die Texte auch gerne vor Ort bei „Message“ kommentiert. Geht aber nicht. Die Kommentarfunktion gilt vielleicht als zu populistisch.

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