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ARD: Das seichte Erbe von „Mr. Süßstoff“

Geschmacklichen Entgleisungen und Niveau-Unterschreitungen bei Privatsendern lassen sich, manchmal zumindest, noch mit dem herrschenden Kommerz- und Quoten-Druck erklären. Aber auch bei ARD und ZDF mutieren manche Sendeformate zu einem teuren Abklatsch teils fragwürdiger Privat-Programme. Vor allem am Vorabend regiert zu oft der Flachsinn. Im letzten Teil der MEEDIA-Serie über die Auswüchse bei ARD und ZDF geht es um die Verflachung der Programmqualität im Namen öffentlich-rechtlichen Anspruchs.

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Die Kritik an der Verflachung des ARD-Programms entzündete sich in der Vergangenheit oft an der Person des ausgeschiedenen ARD-Programmdirektors Günter Struve. „Mr. Süßstoff“ wurde er in Branchenkreisen genannt. Wegen des Hangs, allzu süßlich-flache TV-Massenware ins ARD-Vorabend- und Abendprogramm zu hieven. Frei nach der Weisheit des RTL-Urgesteins Helmut Thoma: „Im Seichten kann man nicht ertrinken.“ Mit Volker Herres ist seit November 2008 zwar ein neuer Programmdirektor bei der ARD am Ruder, die Nachwirkungen der Süßstoff-Ära Struve sind aber noch immer zu besichtigen.

Beispiel Telenovelas und Soaps: Kein anderer Sender, auch kein privater, zeigt derart geballt Telenovelas und Soaps am Stück wie die ARD. Es geht werktags um 14.10 Uhr los mit dem Telenovela-Doppelpack „Rote Rosen“ und „Sturm der Liebe“. Unterbrochen von einer Tier-Doku und dem Krawall-Magazin „Brisant“ folgen dann um 18 Uhr dieSoap „Verbotene Liebe“, gefolgt von der Soap „Marienhof“, gefolgt von der Soap „Eine für Alle“. Letztere wird abgesetzt. Freilich nicht, weil die ARD der Meinung ist, dass fünf superseichte Formate am Vorabend zu viel sind, sondern weil schlicht die Quoten mies sind. Beim ZDF ist man mit den beiden Damen-Dramen „Alisa – Folge Deinem Herzen“ und „Bianca – Wege zum Glück“ noch vergleichsweise zurückhaltend.

Beispiel Tierdokus: Lustige Tiere aus dem Zoo sind eine sichere Bank. Bei der ARD brach geradezu eine Tierdoku-Manie aus. Kaum ein großer Zoo in Deutschland ohne eigene ARD-Doku. Die MDR-Produktion „Elefant, Tiger & Co“ läuft derzeit auch im Ersten. Das wahre Ausmaß des Tier-Reichs der ARD zeigt aber erst der Blick in die Dritten Programme. Da hätten wir: „Panda, Gorilla & Co“ (BR), „Giraffe, Erdmännchen & Co“ (HR), „Eisbär, Affe & Co“ (RBB), „Nashorn, Zebra & Co“ (SWR), „Elefant, Tiger & Co“ (MDR), „Leopard, Seebär & Co“ (NDR), „Wolf, Bär & Co“ (NDR), „Pinguin, Löwe & Co“ (WDR) und „Seehund, Puma & Co“ (Radio Bremen). Tierisches findet sich auch beim ZDF: „Dresdner Schnauzen“, „Ruhrpott Schnauzen“, „Nürnberger Schnauzen“, „Ostsee Schnauzen“, „Tierisch Kölsch“ und die „Tierischen Kumpel“.

Beispiel Vorabendprogramm: Überhaupt ist das Vorabendprogramm der beiden großen öffentlich-rechtlichen Sender kaum von dem eines Privatsenders zu unterscheiden. Höchstens dadurch, dass die Telenovela- und Soap -Dichte bei der ARD ein absolutes Alleinstellungsmerkmal ist. Außer der TV-Seife gibt es bei der ARD mit „Brisant“ eine Gebühren-TV-Version des RTL-Boulevardmagazins „Explosiv“, ein paar Kurzausgaben der „Tagesschau“ und das „Quiz“ mit Jörg Pilawa. Allzweck-Moderator Pilawa wechselt bald zum ZDF. Für Ersatz am Vorabend ist gesorgt: „Das Duell“, eine Promi-Gameshow. Beim ZDF gibt es mit „Hallo Deutschland“ ebenfalls ein Boulevard-Magazin und mit „Leute Heute“ sogar einen Klon von RTL „Exklusiv“. Dabei war es sogar mal noch schlimmer. Man erinnere sich an den Versuch, den radebrechenden Laufsteg-Trainer Bruce Darnell mit einer Styling-Show („Bruce!“) ins Erste zu hieven oder an die Trash-Kuppelshow „Ich weiß, wer gut für dich ist!“, mit der die ARD spielend jedes RTL-II-Niveau unterbot. Nur wahrscheinlich teurer produziert.

Beispiel Primetime-Trash: Zur Primetime fahren beide öffentlich-rechtlichen Sender bevorzugt Eigenproduktionen auf, die, von glorreichen Ausnahmen wie „Mogadischu“ abgesehen, Unterhaltung mit dem Tiefgang eines Schlauchbootes bieten. Beim ZDF darf beispielsweise der vom Privatsender ausgemusterte „Kommissar Rex“ weiter schnüffeln, die ARD sendet Filme wie „Mein Nachbar, sein Dackel & ich“. Und regelmäßig erklingen Schlager- und Volksmusikklänge,vorzugsweise präsentiert von Florian Silbereisen (ARD) und Carmen Nebel (ZDF). Den unbestrittenen Tiefpunkt öffentlich-rechtlicher Primetime-Soße sendete das Erste am 18. Oktober 2008 mit der Schlager-Schmonzette „Das Musikhotel am Wolfgangsee“. „Spiegel Online“ schrieb von einer „Playback-Parade vor fototapetenartigen Landschaften“ und kam zum Schluss: „Der dreisteste Missbrauch von Gebührengeldern seit langem.“ Derartige Extrem-Ausschläge hat es in der Ära von Volker Herres bislang nicht gegeben. Der alltägliche Programm-Flachsinn setzt sich aber bis heute fort. Und von den Köchen haben wir noch gar nicht geredet …

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