„Tatort“-Chefin: Wie tief ist der Sumpf?

Der NDR-Drehbuchskandal und die Folgen: Seit Ende vergangener Woche ermittelt die Staatsanwaltschaft offiziell gegen die suspendierte Fernsehspielchefin Doris Heinze wegen des Verdachts auf Betrug. Doch das strafrechtliche Verfahren ist nur ein Teilaspekt des Falls. Aus Mediensicht relevanter ist das Schattenreich, in dem die NDR-Führungskraft wohl unkontrolliert walten konnte. Hierüber gibt es kaum Greifbares, und die wenigen namentlichen Bekenntnisse sind genauso alarmierend wie die Mauer des Schweigens.

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Das „Hamburger Abendblatt“ beschreibt ein Kartell der Sprachlosigkeit in der Autorenszene. Viele scheinen Angst zu haben, dass die Macht der „Tatort“-Verantwortlichen fortdauert, obwohl der NDR Heinze kaltgestellt hat. Und auch bei den Öffentlich-Rechtlichen ist der dringende Wunsch zu verspüren, zur Tagesordnung zurückzukehren und bloß nicht am System zu rütteln.
Zwar heißt es beim NDR, man werde künftig die Verwendung von Pseudonymen ohne Zuordnung von Echtnamen nicht mehr zulassen, doch eine Neuerung ist dies nicht: Die Vorschrift gibt es seit langem, nur nahm es damit offenbar nicht so genau. Dass die Aufklärung der Machenschaften beim Sender zuvorderst als interne Aufgabe gesehen und dementsprechend mit dem Leiter der Innenrevision besetzt wird, spricht ebenfalls Bände. Denn es geht um mehr als die Bezifferung eines materiellen Schadens, den der NDR lediglich auf eine eher niedrige fünfstellige Summe taxiert.
Halten wir fest: Ein „Tatort“-Kommissar, der ins Fettnäpfchen tritt und seine Rolle los wird, indem er das unter Pseudonym von der Ober-Frau verfasste Drehbuch abkanzelt. Ein Drehbuch-Autor, der behauptet, dass alle schon seit Jahren über  die umtriebigen Praktiken Bescheid wussten. Schon diese beiden Indizien würden gewöhnlich genügen, das ganze Prozedere von A bis Z zu durchleuchten. Aber selbst wenn dies intern geschehen sein sollte, so fehlt das Bekenntnis des Senders, dass hier ganz augenscheinlich der Kontrollmechanismus über fast ein Jahrzehnt versagt hat.
Und zumindest beim NDR redet keiner der Offiziellen darüber, dass sich ein Drehbuch ja nicht von selbst schreibt. Wo nahm die in Vollzeit als Fernsehspielmanagerin beschäftigte Doris Heinze die Zeit her, Skripte zu realisieren, für die Autoren gewöhnlich Monate brauchen? Schrieb sie vielleicht auch oder sogar vornehmlich in ihrer Arbeitszeit? Wie hoch wäre der Schaden über die Jahre dabei? Und wie sieht eigentlich konkret das Auswahlverfahren bei den Filmstoffen und Drehbüchern aus? Wer außer Doris Heinze wirkte an den Entscheidungen mit?
Es ist deshalb folgerichtig, wenn der Bundesverbandes der Film- und
Fernsehschauspieler im Zusammenhang mit dem NDR-Drehbuchskandal von einem „Fehler im System der Öffentlich-Rechtlichen“ sprechen. Vorstandsmitglied Hans-Werner Meyer forderte im Interview der „WAZ“ deshalb „strukturelle Änderungen“. Denn: „So lange das Film-Geschäft so organisiert ist wie
heute, werden Fälle wie Heinze immer wieder passieren.“ Das Problem
sei dabei gar nicht die „eine Redakteurin, die sich selbst Aufträge
zuschanzt, sondern dass es in der Branche keinen echten Wettbewerb
gibt.“ Meyer weist darauf hin, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihre Filme hauptsächlich über ihre Tochterfirmen produzieren lassen.
Das Ergebnis ist eine kreative Inzucht, deren Folge unter anderem ein schleichender Qualitätsverlust ist, der dem Anspruch der Öffentlich-Rechtlichen diametral entgegensteht. Die wahre Frage, die es auch im Interesse der Gebühren zahlenden Zuschauer aufzuklären gilt, ist nicht die nach dem Ausmaß der kriminellen Energie einer Einzelnen, sondern die nach der Vetternwirtschaft mit System. Diese beschränkt sich nicht auf die Abteilung Fernsehspiel und nicht auf den Norddeutschen Rundfunk. Wie tief der Sumpf ist, drüber kann nur spekuliert werden.
Ohne den Einzelfall der „Tatort“-Chefin zu sehr strapazieren zu wollen, ist es doch auffällig, dass der Marktanteil der Öffentlich-Rechtlichen im Gesamtprogramm in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten ständig gesunken ist. 1993 betrug dieser noch 34,7 Prozent, aktuell liegt dieser allen Gebührenerhöhungen zum Trotz nur noch bei 23,3 Prozent. Liegt es wirklich daran, dass Quote und Qualität nicht vereinbar sind, wie es die Köpfe der gebührenfinanzierten Sender kolportieren?
Für die Öffentlich-Rechtlichen ist der NDR-Drehbuchskandal ein Betriebsunfall. Die Aufräumarbeiten konzentrieren sich auf die Unfallstelle, nicht aber auf den eigentlichen Gefahrenherd: Betriebsblindheit.

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