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„NZZ“: erster Relaunch seit 1946

Was ist es nur, was die "Neue Zürcher Zeitung" zu etwas Besonderem macht? Dass die Zeitung aus der Schweiz kommt? Dass sie 230 Jahre auf dem Buckel hat? Dass der letzte wirkliche Relaunch 1946 erfolgte, als die Frakturschrift aufgegeben wurde? Von allem ein bisschen. Jetzt haben die Designer vom Kölner Gestaltungsbüro Meiré & Meiré Hand an die "alte Tante aus der Falkenstraße" gelegt und ihr, wie sich Chefdesigner Mike Meiré ausdrückte, "sanft in den Nacken geschlagen".

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Die Änderungen lesen sich unspektakulär. Ihre Bedeutung erkennt nur, wer im Hinterkopf behält, dass wir es mit der „NZZ“ nicht mit einer normalen Zeitung zu tun haben, sondern mit einer Institution, einem Presse-Denkmal. Das Layout wurde von vier auf fünf Spalten erweitert. Bis aufs Feuilleton. Die Hüter der „NZZ“-Kultur dürfen weiter vierspaltig schreiben. So schrullig kennt und liebt der Zeitungsfreund seine „NZZ“. Die Anzahl der Bücher, oder „Bünde“, wie der Schweizer sagt, wurde von fünf auf drei reduziert. Das macht flexibler, für die Berichterstattung und für die weniger werdende Werbung.

Das erste Buch widmet sich nun Politik und der stets hoch gelobten Auslandsberichterstattung der „NZZ“. Das zweite Buch ist Wirtschaft und Finanzen vorbehalten, das dritte dem Feuilleton. Hinzu kommen Sport sowie Zürcher und Schweizer Geschehen. Wobei die Lokale und regionale Berichterstattung eher zurückgefahren werden soll, zumindest in der internationalen Ausgabe. Die „NZZ“ ist halt eine Welt-Zeitung und kein Schweizer Käsblatt.

Neu ist außerdem eine Meinungs- und Debattenseite am Ende des ersten Buches. Die „NZZ“-Autoren dürfen nun sogar teilweise mit Namen und nicht mehr nur mit Kürzel zeichnen und auch Gastautoren werden zugelassen. Freilich nur, wenn sie zur „NZZ“ passen, wie es der St. Gallener „Privatbanquier“ Konrad Hummel zweifelsfrei tut. Wenn man branchenfremden oder Nicht-Schweizern die neue „NZZ“ vor die Nase hält und fragt „Und?“, dann erntet man meist ein Achselzucken: „Sieht aus wie immer…“ Eben nicht, Leute! Was bei der „NZZ“ so eine Art Design-Revolution ist und von treuen Lesern in Internet-Kommentaren schon als ein Ranschmeißerei an den verhassten Zeitgeist verteufelt wird, ist für „normale“ Menschen in der Tat mehr Evolution als Revolution. Für die „Neue Zürcher“ ist das aber schon sehr sehr viel.

Die Auflage (rund 143.000) ist zwar einigermaßen stabil aber die wegbrechende Werbung macht auch dem Schweizer Presse-Denkmal Sorgen. Die „NZZ“ musste in der jüngeren Vergangenheit auch Stellen abbauen und Zeilenhonorare kürzen. Das tut weh. Die „NZZ“ will sich darum auch geschäftsmäßig für die neue Zeit rüsten. Eine saftige Preiserhöhung steht wohl bevor und auch online soll der Schweizer Edel-Content bald was kosten. Nun sollen die Leser aber erst mal das neue Zeitungskleid verdauen. Über Geld wird später geredet.

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