ARD & ZDF: Politik und Proporz

Wird über die Schwachstellen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks diskutiert, ist das P-Wort nicht weit: Proporz. Der Einfluss oder der versuchte Einfluss von politischen Parteien auf ARD und ZDF sind in vielfacher Hinsicht dokumentiert. Vor allem bei hochkarätigen Personalfragen taucht das böse P-Wort mit unschöner Regelmäßigkeit auf. Zuletzt beim hysterischen Streit um die Vertragsverlängerung von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Bei der ARD kommt dann auch noch der Sender-Proporz hinzu.

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Und der sorgt dafür, dass nicht immer die augenscheinlich beste Lösung auch die naheliegendste ist. Beispiel „Anne Will“. Als ein Nachfolge-Format für die Talkshow von „Sabine Christiansen“ im Ersten gesucht wurde und die ARD sich von Wunsch-Kandidat Günther Jauch (u.a. wegen des Porporzes) eine Absage einhandelte, gab es zwei Not-Kandidaten. Der WDR brachte das erfolgreiche und innovative Format „Hart aber Fair“ mit Frank Plasberg aus dem Dritten Programm ins Spiel. Der NDR verfügte aber traditions- und proporzgemäß über den Sendeplatz am Sonntagabend nach der „Tagesschau“ und war auch nicht gewillt, diesen herzugeben.

Die Folge war eine unwürdige Rangelei mit einem ARD-typischen Kompromiss. Der NDR setzte „Anne Will“ als Christiansen-Nachfolgerin durch. Der WDR stimmte nur zu, wenn dafür „Hart aber fair“ auch im Ersten untergebracht wurde. Die Folge: „Hart aber fair“ musste verkürzt werden und die „Tagesthemen“ können mittwochs nach „hart aber fair“ wieder nicht um 22.15 Uhr beginnen. Merke: Es geht bei der ARD nicht unbedingt immer um das beste Programm für den Zuschauer, sondern auch darum, dass kein Sender im Verbund an Macht verliert.

Weitaus schlimmer aber als solche Spielchen sind die Einflussversuche der Politik. Der jüngste und spektakulärste Fall ist der Versuch des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), eine zweite Amtszeit des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender zu verhindern. Nun ist es so, dass fast jedem Spitzenmann oder jeder Spitzenfrau im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Rundfunkräten oder sonstigen Gremien ein Etikett „rot“ oder „schwarz“ angeklebt wird, ob man will oder nicht. ZDF-Intendant Markus Schächter gilt eindeutig als CDU-nah, also schwarz. Brender soll angeblich 2002 gegen die Kanzlerkandidatur Edmund Stoiber von der CSU geschossen haben. Das machte ihn im schwarzen Lager suspekt. Andererseits hat Brender auch den abgewählten SPD-Kanzler Gerhard Schröder nach der Wahl 2005 verbal zurechtgestutzt. Brender lässt sich in der parteipolitischen Farbenlehre nicht eindeutig zuordnen, das macht ihn unberechenbar und unbeliebt bei der Politik. Man mag es kaum glauben, aber viele einflussreiche und gut bezahlte Menschen verbringen offenbar große Teile ihrer Lebenszeit mit solchen Überlegungen.

Man darf auch nicht vergessen, dass der mittlerweile sakrosankte ZDF-Intendant Markus Schächter erst nach einem von ihm selbst als „Achterbahn- manchmal Gruselbahnfahrt“ bezeichneten Parteiengeschacher als Kompromiss-Kandidat aufs Schild gehoben wurde. Schächter hat sich seither mit großem Geschick im undurchsichtigen Proporz-Dickicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems bewegt und seine Position parteiübergreifend gefestigt. Für Nikolaus Brender gilt das nicht. Die Diskussion im seinen Posten dürfte nach der Bundestagswahl wieder aufflammen. Und wieder wird der Parteien-Proporz dabei eine große Rolle spielen.

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