MDR bringt Kika Plus und Kikaninchen

Der Rundfunkrat des MDR hat die Web-Projekte Kikaninchen.de und Kika Plus genehmigt. Damit tritt der Kika in direkte Konkurrenz mit den Online-Aktivitäten von Super RTL. In einer neuen Reihe befasst sich MEEDIA mit den Auswüchsen des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems, von Korruptionsfällen über Sender-Proporz, Gebührenverschwendung, Schleichwerbung bis hin zu Qualitätsproblemen. In einer ersten Folge geht es um die Online-Expansion.

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320.000 Euro hat der MDR laut „Spiegel“ für die Finanzierung der neuen Web-Angebote Kika Plus und Kikaninchen veranschlagt. In einem Gutachten des Adolf-Grimme-Instituts, das im Rahmen des Drei-Stufen-Tests erstellt wurde, war diese Summe allerdings als viel zu gering kritisiert worden. Vergleichbare Online-Angebote privater TV-Sender würden mit Kosten von 1,5 Millionen Euro pro Jahr taxiert, heißt es in dem Gutachten. Bei der Bewertung der neuen Kika-Angebote im sogenannten Drei-Stufen-Test hat die Finanzierung aber offenbar keine Rolle gespielt.

„Wir werden nicht mehr als die beantragte Summe ausgeben und sind sicher, dass das ausreicht“, sagt Kika-Programmchef Steffen Kottkamp auf die Kritik lapidar. Laut MDR wird der finanzielle Aufwand für Kikaninchen und Kika Plus festgeschrieben. Steigen die Kosten um mehr als zehn Prozent, muss dies dem Rundfunkrat erneut zur Prüfung vorgelegt werden. Nur, was soll der dann tun? Die angelaufenen Projekte nachträglich kippen? Wohl kaum. Es wird den Rundfunkräten nichts anderes übrigbleiben, als eventuelle Mehrkosten abzusegnen. Das höchste der Gefühle dürfte sein, dass wortreich erläutert wird, warum die steigenden Kosten unumgänglich sind und niemand etwas dafür kann.

Dass man sich beim MDR mit der Finanzierung von Projekten besonders befassen sollte, hat seinen Grund. Der Sender befindet sich in einem finanziell desolaten Zustand, der bei einem Privatunternehmen schon die Insolvenz oder einen harten Sanierungskurs nach sich gezogen hätte. Weil Gebührenzahler aus dem Sendegebiet wegziehen und aus sozialen Gründen ausfallen, verringern sich die jährlichen Gebühren-Erlöse des MDR um etwa 20 Millionen Euro. Am Ende der aktuellen Gebührenperiode bis 2012 droht ein Defizit von rund zehn Millionen Euro, obwohl bereits eingerechnet ist, dass der Sender seine kompletten Aktien-Rücklagen in Höhe von rund 107,7 Millionen Euro aufbraucht. Das tatsächliche Defizit liegt sogar bei rund 117,5 Millionen Euro. Wie es in der nächste Gebührenperiode ohne Rücklagen weitergehen soll? – Keiner weiß es. Doch die nächste Gebührenerhöhung wurde vorsorglich schon einkalkuliert. Das hat jüngst die „Magdeburger Volkstimme“, der interne Berechnungen des Senders vorliegen, vorgerechnet. Der Sender gibt auch keine Auskunft darüber, wieviel Gebührengeld mit den vielfach kritisierten Aktienspekulationen verloren ging. Stattdessen werden großzügig neue Kika-Online-Projekte mit verdächtigig günstigem Budget veranschlagt.

Das neue Online-Angebot Kikaninchen.de ist die Web-Variante der neuen Programmschiene Kikaninchen, die ab 5. Oktober von montags bis freitags zwischen 6.50 Uhr und 10.25 Uhr Vorschulkinder öffentlich-rechtlich berieseln soll. Damit tritt der öffentlich finanzierte Kika in Konkurrenz zum Privatsender Super RTL, der ebenfalls vormittags mit Toggolino eine auf Vorschulkinder ausgerichtete Programmschiene und ein entsprechendes, weitgehend kostenpflichtiges, Web-Portal betreibt. ARD und ZDF erklären die Nachahmung des Kinder-Kommerzkanals mit medienpädagogischen Zielen: „Mit dem neuen Angebot Kikaninchen unterstützt der Kinderkanal von ARD und ZDF Eltern bei der Medienkompetenzförderung ihrer Vorschulkinder. In einer von Medien geprägten Umwelt gehören Fernsehen und Computer zum Lebensalltag aller Altersgruppen – auch schon bei den Medienanfängern.“ Ob es überhaupt sinnvoll ist, die Medien-Auswüchse des kommerziellen Privat-TVs nachzumachen und Fernsehprogramme zielgerichtet bereits für Vorschulkinder anzubieten, sei dahingestellt.

Das Angebot Kika Plus ist dann so etwas wie eine eigene Kika-Mediathek. Hier sollen Kika-Sendungen auch noch nach der Ausstrahlung für eine gewisse Zeit abrufbar sein. Warum die Kika-Sendungen nicht in die bereits bestehenden, teuren Mediatheken von ARD und ZDF eingebunden werden, bleibt unklar.

Früher durften ARD und ZDF 0,75 Prozent Ihrer jährlichen Gebühreneinnahmen von zwischen sieben und acht Milliarden Euro für Internet-Angebote ausgeben. Diese Grenze ist mit der jüngsten Neufassung des Rundfunkstaatsvertrages gefallen. Allerdings wurde von privatwirtschaftlicher Seite ohnehin stets bezweifelt, dass man sich bei ARD und ZDF an die Deckelung hielt. Der Verdacht war, dass Überziehungen des Online-Budgets einfach beim Fernsehgeschäft eingerechnet wurden. Dank der insgesamt eher intransparenten Bilanzen von ARD und ZDF ließen sich diese Verdächtigungen nie bestätigen. ARD und ZDF haben aber auch wenig getan, sie auszuräumen.

Mit dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ist die Obergrenze weggefallen, ARD und ZDF dürfen theoretisch soviel Geld fürs Internet ausgeben, wie sie wollen. Allerdings nur in bestimmten inhaltlichen Grenzen, die durch den Drei-Stufen-Test definiert werden. Das heißt, in einfachen Worten ausgedrückt: Die Online-Angebote müssen dem öffentlich-rechtlichen Auftrag entsprechen (Stufe 1), sie dürfen den publizistischen Wettbewerb nicht behindern (Stufe 2) und müssen solide finanziert sein (Stufe 3). Das Ganze wird von den internen Rundfunkräten und Sender-Gremien selbst geprüft. Einer externen Prüfung verweigern sich die Anstalten bisher. Im Falle Kikaninchen.de und Kika Plus wurde neun Monate geprüft, bevor nun grünes Licht gegeben wurde. Der MDR-Rundfunkrat hat lediglich die Verweildauer der TV-Sendungen im Internet leicht gekürzt. Die wirklich kritischen Fragen, wie die der Finanzierung, wurden offenbar nicht beanstandet.

In der Tat erscheint es fragwürdig, warum ein öffentlicher Sender ein erfolgreiches privatwirtschaftliches Online-Angebot vom Konzept her fast spiegelbildlich mit Gebührengeldern nachbauen muss. Die Kritiker der öffentlich-rechtlichen Online-Expansion haben wieder neues Futter erhalten.

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