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G+J-Chef schießt gegen Facebook & Co.

Auf der Online-Vermarktermesse Dmexco hat Bernd Buchholz Social Media-Angebote ins Visier genommen. Gruner + Jahr bleibe seiner Linie des Qualitätsjournalismus treu und fange nicht an, wie Facebook & Co. "Kommunikation einfach nur zu organisieren". Der Vorstandschef weiter in seiner Keynote auf der Kölner Messe: „Ich sehe in der digitalen Welt die klassischen journalistischen Funktionen, wie Einordnung und Selektion von Informationen immer wichtiger werden.“ Facebook sei dagegen "nur eine Technologie".

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„The Challenges for Publishers in the digital Era“ – so lautete der Titel der Keynote. Und es wurde schnell klar, dass der G+J-Chef hier als Vertreter der Verleger und nicht als Bewunderer digitaler Errungenschaften aufgelaufen war. Auch wenn Bernd Buchholz den zulaufstarken Social Web-Angeboten nicht die Existenzberechtigung absprach, so redete er doch die mediale Bedeutung eher klein.

„Facebook und Twitter haben durchaus ihre Berechtigung im digitalen Mediengeschehen“, sagte Buchholz, „aber das klassische journalistische Handwerk bleibt unerlässlich in einer immer unübersichtlicher werdenden Medienflut“, so Buchholz. Demnach sei nicht mehr, wie noch vor Jahren, die Informationsbeschaffung das Problem für den Leser, sondern die Relevanz. Nachrichten danach zu gewichten, sei die Aufgabe der traditionellen Medienhäuser heute mehr denn je. Darauf konzentriere man sich am Baumwall.

Der Hamburger Verlag habe bei seinem Konzept den Herausforderungen der digitalen Welt zu begegnen den Nutzer im Blick, der mit relevanten Informationen versorgt werden will. Als Beispiel nannte Buchholz den Ausbau der eigenen Marken, etwa Brigitte: „Mit unserer Expand Your Brand-Initiative haben wir etwa Brigitte, insbesondere ihre Online-Dependance, zum Marktführer gemacht.“ Dies sei nur durch klassische journalistische Arbeit zustande gekommen, da man relevante Nachrichten nur durch Recherche, Selektion und Einordnung produzieren könne.

Dass Social Media-Angebote wie Facebook oder Twitter dies nicht böten, verdeutlichte Buchholz am Beispiel der Notwasserung eines Flugzeuges im Hudson River in New York. Via Twitter sei die Information zwar zuerst um die Welt gegangen, aber die anschließenden Fragen, etwa wie es dazu kam, wieviele Verletzte es gab und was mit dem Jet passiere, seien durch journalistische Arbeit aufgeklärt worden: „Social Media ist wichtig, bietet jedoch nur Informationen.“

Buchholz warnte zudem vor dem Hype um Social Media: „Das Beispiel Second Live hat gezeigt, wie schnell solche Angebote wieder eingehen können. Heute spricht keiner mehr über Linden-Dollars.“ Damit wolle er nicht sagen, dass es Angebnoten wie Facebook zwangsläufig auch so ergehen werde. Wer wisse heute schon, ob es Sites wie Facebook in zehn Jahren noch gebe.

„Aber traditionelle journalistische Arbeit ist für uns als Medienhaus die Kernkompetenz. Und nur damit können wir sichergehen, dass wir auch in der digitalen Welt weiterhin relevante Informationen produzieren.“ Und: „Facebook ist nur eine Technology, wir produzieren hochwertige Inhalte.“

Auch Google erntete Kritik des Vorstandschefs. Zwar sei die Suchfunktion des Internetkonzerns inzwischen unerlässlich auch für die journalistische Recherche. Aber inspirieren könne die Suche nicht. „Der Suche geht ja beereits ein relevantes Wissen voraus, das von einem Algorithmus nicht beschafft werden kann“, sagte Buchholz.

Zudem verwies Buchholz auf die Urheberrechts-Probleme mit Google. Er verwies auf die „Hamburger Erklärung“ und prophezeite, dass man zu einer für alle Beteiligten fairen Lösung käme. Die „Hamburger Erklärung“ wurde von  166 internationalen Verlagen unterzeichnet und beinhaltet die Forderung, an den Einnahmen von Google entsprechend der Trefferlisten bei der Suchfunktion beteiligt zu werden. Burdas neuen Newsaggregator Nachrichten.de, das die Urheber der verlinkten Artikel automatisch beteiligt, nannte Buchholzt „beispielhaft“.

Zum Thema Paid Content sagte Buchholz, dass man auch darüber bei Gruner + Jahr nachdenke. Allerdings sei man noch weit von praktikablen Lösungen entfernt. Außerdem müssten da alle Verlage an einem Strang ziehen, um das zu realisieren. Vorstellbar sei aber ein Micro-Payment-System, das Bezahlinhalte gegen äußerst geringe Beträge mit nur einem Mausklick ermögliche. Solange eine solche technologie aber noch nicht zur verfügung stehe, bleibe Werbung das einzige Erlösmodell der Verlage.

Bei mobilen Angeboten sei das einfacher durchzusetzen, erklärte Buchholz. Gerade G + J habe im Mobile-Sektor in Deutschland Pionierarbeit geleistet. Mit Vodafone und O2 habe man namhafte Player im deutschen Markt als Partner.

Abschließend erklärte Buchholz, dass Gruner + Jahr sich bei aller Kritik an neuen Internet-Trends dem Web nicht verschließe, was die Aquirierung erfolgreichen Seiten wie Chefkoch.de beweise. Insgesamt erzielten die G+J-Sites 400 Millionen Page Impressions. Aber auch künftig werde er alles daran setzen, mit Qualitätsjournalismus Werbetreibenden auch künftig ein hochwertiges Werbeumfeld zu bieten.
Vor allem die kritischen Anmerkungen zum Thema Social Web wurden auf der Dmexco, aber auch im  Web kontrovers diskutiert. „Mit dem erhobenen Zeigefinger wird er die verlorenen Umsätze nicht wieder einfangen können“, lautete eine Reaktion bei Twitter, ZEIT Online-Chefredakteur Wolfgang Blau hält die Position für „Schattenboxen“: „Bernd Buchholz bekämpft Positionen, die keiner mehr vertritt.“

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