„Unser Journalismus hat nicht versagt“

So umfassend wie kaum ein anderer europäischer Fernsehsender hat sich die britische BBC in dieser und der vergangenen Woche mit den Auswirkungen der Lehman-Pleite beschäftigt. In einem eigenen Programmschwerpunkt unter dem Titel "Aftershock" haben die internationalen Nachrichtenangebote der BBC über die Finanzkrise berichtet. MEEDIA sprach mit Richard Porter, Nachrichtenchef bei BBC World News, über die Folgen der Finanzmarktkrise, die Rolle des Wirtschaftsjournalismus und sensibler Berichterstattung.

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MEEDIA: Die Finanzmarktkrise ist ein Jahr alt geworden. Können Sie heute fassen, was seinerzeit passiert ist?
Richard Porter: BBC World News verfolgte die Krise bereits viel eher, bevor sie zu dieser weltweiten Erscheinung wurde, die jeder letzten Herbst sehen konnte. Zum Beispiel reisten wir bereits viel früher im letzten Jahr nach Island und berichteten über die aufkommenden Probleme – vor allen anderen internationalen Medien. Wir nahmen auch eine neue Wirtschaftssendung ins Programm auf, die sich speziell an ein europäisches Publikum richtet „World News Today Business Edition“. Das Programm ging bereits einige Monate vor dem Schock des Finanzsystems, der in September 2008 ausbrach, auf Sendung.
Reden wir über die Rolle der Medien: Wie beurteilen Sie die Berichterstattung während und nach der Lehman-Pleite?

Ich denke, wir haben sofort die Dimension der Geschehnisse erkannt und widmeten einen großen Teil unserer Sendezeit der Story, als sie sich abzeichnete. Sie wurde schnell zur größten Finanzstory unseres Lebens, und wir mussten dem in unserer Antwort darauf Rechnung tragen. Wir berichteten über die unmittelbaren Ereignisse, aber auch über die Ursachen und die möglichen Folgen und sammelten die Reaktionen aus aller Welt von unserem weltweiten Korrespondentennetzwerk.

Natürlich waren wir nicht die einzige Medienorganisation, die das getan hat, aber ich hoffe, wir konnten unsere Kernqualitäten Intelligenz, Unabhängigkeit und Präzision unter Beweis stellen. Nachrichtenzuschauer werden immer anspruchsvoller und haben Zugang zu einer großen Vielfalt von Nachrichtenangeboten. Deshalb ist es wichtig, unverwechselbar zu bleiben und den eigenen Werten treu zu bleiben.
Dem Wirtschaftsjournalismus wird gerne vorgeworfen, die aufziehende Finanzmarktkrise verharmlost zu haben. Teilen Sie den Vorwurf, unsere Zunft hätte versagt?

Ich glaube nicht, dass unser Journalismus versagt hat – wie ich bereits erwähnte, verfolgten wir die Story weit bevor sie zu dieser ausgeprägten Krise wurde, die im September 08 kulminierte. Aber diese Themen sind in der Berichterstattung sehr sensibel. Zum Beispiel, als die britische Bank Northern Rock ihre eigene Krise im Jahr 2007 durchlebte, wurde die BBC beschuldigt, das Problem anzuheizen, weil sie darüber als Exklusivstory berichtete. Aber die Idee, dass wir Informationen zurückhalten, über die privilegierte Menschen in der Finanzindustrie Bescheid wussten, hält der Prüfung nicht stand. Unsere Berichterstattung erfolgte sehr stark im öffentlichen Interesse, aber wir müssen ganz genau darüber nachdenken, wie wir diese Information präsentieren.
In den letzten beiden Septemberwochen und der ersten Oktoberwoche kannte die ganze Medienwelt nur ein Thema: Die Finanzmarktkrise. Was würden Sie in der Berichterstattung aus heutiger Sicht anders machen?
Ich glaube, dass wir damals einen tollen Job gemacht haben, aber ich wäre natürlich lieber an mehr Orten des Geschehens und schneller vor Ort gewesen, um über die Reaktionen berichten zu können. Ich hätte auch gern mehr Zugang zu einigen Schlüsselfiguren der Krise gehabt, aber sie haben nicht alle Interviews gegeben!

Die BBC widmete sich in dieser und der vergangenen Woche  in einer umfassenden Berichterstattung den Folgen der Finanzkrise. Was haben Sie angeboten?

Die internationalen Nachrichtenangebote der BBC – BBC World News, BBC World Service Radio und bbc.com/news berichten über die Finanzkrise in einem eigenen Programmschwerpunkt unter dem Titel „Aftershock“. Es handelt sich um eine Mischung aus Hörspiel, Nachrichtenberichterstattung und Programmschwerpunkten, die alle an das Thema der globalen Wirtschaft ankoppeln und zeigen, wie globale Ereignisse Veränderungen vor Ort ausgestalten. Das Einzigartige an unserem Nachrichtenschwerpunkt zu den Folgen der Krise sind die Erfahrungen von Menschen rund um den Globus – dies stellt den roten Faden unserer internationalen Berichterstattung dar. 

Die Finanz- beschleunigte auch die Medienkrise. Wo steht die Branche heute: Sehen Sie Licht am Ende der Tunnels?

Die kommerzielle Medienindustrie hat die Folgen der Rezession weitgehend in ihren Werbeeinnahmen gespürt. BBC World News wurde auch von dem Abschwung getroffen, aber wir haben einen Vorteil: Als internationaler Sender sind wir nicht von einem einzigen Markt abhängig. Außerdem haben wir auch Einnahmen aus der Distribution, so dass wir in gewisser Hinsicht von den schlimmsten Auswirkungen der Finanzkrise abgeschirmt waren.
Ihr Kollege Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche, erklärt zum Jahrestag: „Es wird wieder besser, aber es wird nicht wieder gut“. Teilen Sie die Einschätzung?
Niemand kann das genau sagen. Mit Sicherheit werden die öffentlichen Haushalte in vielen westlichen Ländern Jahre brauchen, bis sie sich erholen werden. Geldinstitutionen sind risikoscheuer geworden, so dass sich das Gebaren bei der Darlehensvergabe geändert hat. Aber es gibt auch viele Nationen, die weit weniger betroffen waren wie der Westen, deswegen muss ein weltweiter Sender, wie wir, die ganze Story berichten.
Was ist seit dem 15.9.2008 anders geworden, was wird nie wieder so sein wie früher?
Wer hätte vor 12 Monaten gedacht, dass die britische Regierung Mehrheitsaktionär einer der bekanntesten und größten Banken des Landes sein würde? So viel hat sich verändert – es ist fast unmöglich, die Frage in einem Absatz zu beantworten.

Was kann Medienbranche aus der Finanzkrise lernen?
Dass sogar in einer Welt mit mannigfaltigen Medienangeboten, wie Blogs und Social Media, traditionelle Medien eine enorm wichtige Rolle dabei spielen, Ereignisse von globaler Bedeutung zu erklären und zu analysieren.

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