Das halb-transparente Merkel-Phantom

"Bild"-Chef Kai Diekmann gab auf der Grosso-Tagung Baden-Baden eine interessante Einschätzung ab, wieviel eine vollwertige Tageszeitung kosten soll - mehr als "Bild". Und der Klambt-Verlag kündigte für 2010 eine wahre Herkules-Leistung an: Eine neue Zeitschrift mit einer halben Million Startauflage. Und sonst: Wir können stoppen, wie lange es dauert, bis Harald Schmidt die Gremien-Gremlins der ARD ärgert und man darf sich wundern, wie Angela Merkel kurz vor der Wahl zum Medien-Phantom mutiert.

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Grosso-Tagung in Baden-Baden – das klingt nicht unbedingt nach purem Sex. Aber immerhin erweisen Jahr für Jahr Medien-Größen den Grosso-Fürsten durch persönliche Anwesenheit ihre Referenz. Immerhin will man ja am Kiosk auch eine schöne Platzierung haben. Diesmal war u.a. „Bild“-Chef Kai Diekmann nach Baden-Baden gereist und wetterte gegen einen Preiskampf am Kiosk. Zeitungen und Zeitschriften dürften sich keine Preisschlachten liefern, warnte er. Das ist Musik in Grossisten-Ohren. Denn je teurer die verkauften Print-Produkte sind, desto mehr verdient auch der Grossist. Diekmann wörtlich (laut dpa): „Wenn eine vollwertige Tageszeitung nur noch 80 Cent kostet und der Cappuccino dazu 2,50 Euro, dann stimmen die Verhältnisse nicht.“ Mal abgesehen davon, dass er den Zeitungs-Kaffee-Vergleich von seinem Boss Mathias Döpfner entlehnt hat – was meint Diekmann eigentlich mit „vollwertiger Tageszeitung“? Sein eigenes Blatt, die „Bild“-Zeitung, ja offenbar nicht – die kostet als Bundesausgabe 60 Cent. Noch.

Was fällt uns zum Thema ambitionierter Copy-Preis und Baden-Baden sonst noch so ein? Richtig, der Klambt-Verlag. Gegenüber der „FAZ“ konkretisierte Klambt-Verleger Lars-Joachim Rose seine Pläne für einen großangelegten Zeitschriftenstart im nächsten Jahr. Startauflage: 500.000 Exemplare, Heftpreis: über zwei Euro. Verkaufsziel: 200.000 Exemplare. Man ist geneigt, hinter jede Zahl ein doppeltes Ausrufezeichen zu setzen. Man kann Klambt zu soviel Verleger-Mut nur gratulieren. Den Großverlagen der Republik könnte es zu denken geben, dass das ambitionierteste neue Print-Projekt des nächsten Jahres vom vergleichsweise zwergenhaften Haus Klambt aus Baden-Baden kommt. Aber egal von wem: Hauptsache es tut sich was.

Das TV-Ereignis der Woche, zumindest in Feuilletonisten-Kreisen, war das Comeback von Harald Schmidt. Er blieb seiner Ankündigung treu: Die neue Show war alles Mögliche, aber nicht langweilig. Schmidt verlangte den Zuschauern einiges ab, wenn er etwa eine Parodie auf die Eingangs-Sequenz des Wald-und-Weiber-Schockers „Antichrist“ zeigte. Ohne den Lars-von-Trier-Schinken gesehen zu haben, erschloss sich der Witz nämlich rein gar nicht. Auch seine minutenlange Scholl-Latour-Parodie oder seine hastige Theater-Talk-Runde waren meilenweit vom Fernseh-Mainstream-Quatsch entfernt. Man kann von Schmidt halten, was man will, aber in dieser Form ist seine Sendung, eine der wenigen für die TV-Gebühren wirklich gut angelegt sind. Mal schauen, wann es den ersten Ärger mit den „Gremien-Gremlins“ (Copyright: Günther Jauch) gibt. Es gilt die Faustformel: Je vehemender Rundfunkräte aufjaulen, desto besser die Schmidt-Show.

Wenig in den Medien zu sehen war in dieser Woche von Angela Merkel. Die Kanzlerin ist kurz vor der Wahl zu einer Art Geisterwesen mutiert. Der eine blasse Auftritt in dem sogenannten TV-Duell. Dann hieß es nur noch: Merkel kommt nicht zur ZDF-Runde, Merkel kommt nicht zur ARD-Runde. Die ARD-Jugendwellen veranstalteten Interviews mit Merkel und Steinmeier. Merkel ließ anschließend verbieten, dass die Videos ihres Radio-Auftritts online gezeigt werden. Steinmeier ließ sich brav filmen und hatte keine Einwände, dass das auch gezeigt wurde. Dass der SPD-Kandidat nach den Merkel-Absagen an ARD und ZDF nicht mit dem B-Personal der CDU diskutieren wollte, ist verständlich. Als Wähler bekommt man die Kanzlerin im Fernsehen nur noch in diesen geisterhaften CDU-Spots zu sehen, wo sie vor riesiger Glasscheibe im Kanzleramt schon ganz halb-transparent in eine undefinierbare Weite blickt. Angela Merkel – das Medien-Phantom

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