„Was Machtfülle im TV anrichten kann“

Der Fall Doris Heinze beschäftigt nach wie vor die Branche. Wie war es möglich, dass die Fernsehspielchefin des NDR Drehbücher von ihrem Ehemann und sich selbst unter falschen Namen unterbringen konnte? Herrscht unter freien Drehbuchautoren ein Klima der Angst? Und was hat der Fall Heinze mit der Ära Günter Struve zu tun? MEEDIA sprach darüber mit Sebastian Andrae, freier Drehbuchautor (u.a. "Mit Herz und Handschellen", "SOKO 5113") und Vorstand beim Verband Deutscher Drehbuchautoren.

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Im Fall Doris Heinze ist mittlerweile die Rede davon, dass in Drehbuchautoren-Kreisen ein Klima der Angst herrsche – ist das so?

Was heißt das überhaupt: „in Drehbuchautoren-Kreisen“? Es ist ja so, dass man als Autor erst einmal alleine, seltener im Team, arbeitet. Die Schnittstellen zur Produktionsfirma und zu Redaktionen werden meist nur aufgesucht, wenn man seine Sachen, seine Entwürfe bespricht. Als Autor ist man vom Entscheidungskomplex einer TV-Produktion also immer ein Stück weit entfernt. Und wer den Gesamtkomplex nicht überblickt, der traut sich vielleicht auch nicht unbedingt zu, definitive Vorwürfe zu äußern. Ich würde eher fragen: Was ist mit den Produzenten-Kreisen? Warum kommt aus dieser hoch organisierten Gruppe kein Beitrag zur Nachbearbeitung dieser Krise?

Klar, Autoren arbeiten meistens für sich im stillen Kämmerlein. Aber man tauscht sich ja auch aus oder organisiert sich. Wie zum Beispiel im Verband der Drehbuchautoren, dessen Vorstand sie angehören. Was ist dort mit dem Klima der Angst?

Der Verband hat jedenfalls keine Angst. Wir hoffen sogar, dass die ganze Geschichte produktive Folgen für die Branche hat. Dass die Diskussion jetzt dazu führt, dass wieder mehr kreative Kräfte in den Redaktionen, in den Schreibstuben, auf den Sets freigesetzt werden. Einzelne Autoren halten sich mit namentlichen Äußerungen im Moment vielleicht eher zurück. Aber ich erinnere noch einmal an das Wesen dieses Skandals: Unsere Berufsgruppe wurde ja gerade vom Zentrum der Mauscheleien ferngehalten. Autoren wurden ausgegrenzt und ersetzt.

Hat Sie persönlich denn der Fall Doris Heinze überrascht?

Ja.

Aber es heißt, sehr viele in der Branche hätten etwas gewusst oder zumindest geahnt…

Das hat mich, ehrlich gesagt, auch überrascht, dass so viele angeblich etwas gewusst haben. Ich bin seit Mitte 2007 im Vorstand des Verbands der Drehbuchautoren und Frau Heinze war zumindest seit dieser Zeit kein Thema. Womöglich hatten die, die Gerüchte kannten oder mehr, da auch schon resigniert.

Beim NDR spricht man von einem kriminellen Einzelfall – ist das so?

Das hoffe ich doch sehr! Was Frau Heinze getan hat, wird nun von der Staatsanwaltschaft untersucht; wir warten das Ergebnis ab. Allerdings sieht man an diesem Fall auch exemplarisch, was die Machtfülle einzelner Personen im TV-System anrichten kann. Es gibt auch in der fiktionalen Unterhaltung eindeutig eine Verschiebung der Machtbalance weg von den Redakteuren hin zu einigen wenigen Entscheidern in den Sende-Anstalten. Diese Leute haben dann offenbar die Macht, ihren persönlichen Geschmack absolut zu setzen, Unliebsames abzuwürgen, Leuten zu drohen. Das sollte nicht möglich sein. Macht sollte kein Faktor bei der Programmgestaltung sein, es sei denn, um die Kreativen und damit auch das Profil des Senders gegen Einflüsse von außen zu schützen.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Fall Heinze und einer mangelnden Programmqualität?

Frau Heinze ist natürlich nicht für alles verantwortlich, aber es gibt Verbindungslinien. Mittlerweile versuchen alle Sender, die privaten wie die öffentlich-rechtlichen, Zuschauer von einem Programmplatz auf den nächsten durchzureichen und den sogenannten Audience Flow sicherzustellen. In der ARD wurde das in der Ära des ausgeschiedenen Programmdirektors Günter Struve verstärkt. Aber wenn es nur noch darum geht, Programmplätze beherrschbar zu machen, dann werden die Programme auch vorhersehbar und austauschbar. Genau in dieses von ihr mitgeschaffene Umfeld hat Frau Heinze ja ihre unter Pseudonym geschriebenen, leichtgewichtigen Drehbücher platziert. Besonders schwer ist die Bewertung ihrer Gesamtwirkung als Person, weil sie gleichzeitig Premium-Produkte wie den „Tatort“ verantwortet hat.

Was müsste sich aus ihrer Sicht ändern?

Wir müssen bei TV-Produktionen klar zwischen den Entscheidern und den Autoren trennen. Es darf einfach nicht sein, dass derjenige, der über Drehbücher entscheidet, gleichzeitig selbst dazu berechtigt ist, welche einzureichen, zu welchen Konditionen auch immer. Die Gefahr, dass solche konzentrierte Entscheidungsmacht dann ausgenutzt wird, ist einfach zu groß. Man müsste der Kreativität und dem Mut in den Sendern wieder mehr Raum geben und die Entscheidungsgewalt zurück an die Redakteure reichen. Die deutschen Drehbuchschreiber sind nämlich viel besser als ihr Ruf. Man muss sie nur lassen und diesen kreativen Prozess mit Respekt für eigene Stimmen, eigene Perspektiven begleiten.

NDR-Intendant Lutz Marmor will jetzt einen Korruptionsbeauftragten installieren. Ein sinnvoller Schritt?

Das ist ein guter Ansatz, den wir begrüßen. Es reicht aber nicht, dass die Sender sagen: Übrigens, wir haben jetzt da jemanden, nächste Tür links, der hört Ihnen zu. Man müsste sicherstellen, dass ein solcher Korruptionsbeauftragter tatsächlich auch das Vertrauen von Leuten außerhalb des Senders genießt. Denn darum geht es ja. Wenn einem Autor oder einem Regisseur etwas auffällt, dann muss der auch das Vertrauen haben, sich an einen solchen Beauftragten zu wenden. Das liegt jetzt am NDR, ein solches Vertrauensverhältnis herzustellen.

Fördert das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem eine gewisse Selbstbedienungsmentalität? Von Privatsendern ist ein Skandal der Tragweite Doris Heinze jedenfalls noch nicht bekannt geworden.

Ich glaube, der eigentliche Unterschied ist: Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen viel stärker unter Beobachtung als Privatsender. ARD und ZDF sind an einen Staatsvertrag gebunden und haben einen höheren Anspruch, den sie selbst übrigens mit geschaffen haben. Darum wird bei Verfehlungen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern auch kritischer hingeschaut als bei Privaten. Das kann ja durchaus ein Ansporn sein. Hinzu kommt gerade in der Krise, dass Privatsender bei der Produktion von Programmen massiv auf Kosteneffizienz achten. Das führt dazu, dass teure fiktionale Programme immer stärker bei öffentlich-rechtlichen Auftraggebern konzentriert werden. Dort klopfen jetzt auch die Kreativen und Produzenten an, die vorher überwiegend für die Privaten gearbeitet haben. Und dort wartet dann nur eine Handvoll wirklicher Entscheidungsträger auf sie. Das Machtgefüge in der fiktionalen Unterhaltung verschiebt sich also noch weiter in Richtung Öffentlich-Rechtliche. Dies ist der wirklich zu diskutierende Kern der Affäre Heinze.

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