Bluewater-Fiasko: dpa verschärft Regeln

Die Deutsche Presse-Agentur zieht Konsequenzen aus dem Bluewater-Debakel. Die hauseigenen Regeln, wie in ähnlichen Fällen mit exklusiven Meldungen umzugehen ist, werden verschärft. Durch eine Indiskretion war das Bildblog an ein internes Schreiben gelangt, in welchem der stellvertretende Chefredakteur Wolfgang Büchner „Sechs Lehren aus Bluewater“ formuliert. Die dpa nimmt offiziell zu der Angelegenheit keine Stellung, nach MEEDIA-Informationen steht die Echtheit des Rundbriefs aber außer Zweifel.

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Der Text von Büchner wurde im Intranet der dpa veröffentlich und enthält nicht nur Neuerungen. Vielmehr ist er ein Mix aus Standard-Grundsätzen („Richtigkeit geht immer vor Geschwindigkeit“) und neuen Direktiven wie zum Beispiel, dass der ortsansässige Korrespondent immer hinzugezogen wird, „unabhängig von der Uhrzeit.“

Hintergrund: Bei der Berichterstattung über den erfundenen Terroranschlag von Bluewater waren der Agentur – laut Büchner – „schwere Fehler unterlaufen“. Der Berliner Schauspieler Jan Hendrik Stahlberg hatte die Agentur-Journalisten mit einer Reihe von aufeinander verweisenden Websites, Telefonnummern und Videos am vergangenen Donnerstag über Stunden hinters Licht geführt und den Eindruck erweckt, dass sich in einer kalifornischen Kleinstadt namens Bluewater ein Selbstmord-Attentat ereignet habe. Tatsächlich handelte es sich um eine PR-Aktion für den neuen Kinofilm Stahlbergs.
Der ehemalige Chefredakteur von Spiegel Online schreibt weiter: „Vor allem wurde der einfache journalistische Grundsatz missachtet: Eine Story, die zu gut ist, um wahr zu sein, ist vermutlich genau dies: nicht wahr. Es ist absolut unplausibel, dass die dpa als einziges Medium exklusiv von einem Terroranschlag in den USA erfährt und dort nur ein lokaler TV-Sender darüber berichtet.“

Insgesamt sechs Punkte umfasst das Schreiben.

1. Grundsätzlich: „Im Wettbewerb mit der Konkurrenz geht Richtigkeit immer vor Geschwindigkeit“.

2. Organisation: Ab sofort will die dpa bei exklusiven Informationen immer zwei Mitarbeiter „zur Verifizierung von Informationen und Recherche“ freistellen.

3. Ortskompetenz: Der ortsansässige Korrespondent soll nun immer hinzugezogen werden. „Unabhängig von der Uhrzeit.“

4.
Recherche: Büchner fordert, dass es nun nicht mehr reicht, dass die lokalen Behörden einen Vorfall bestätigen. Ab jetzt soll immer mindestens eine übergeordnete Stelle die Information bestätigen. Dazu sind bei Auslandsthemen „unbedingt die großen nationalen Medien zu beobachten. Bestehen Zweifel an der Identität eines Anrufers oder an der Richtigkeit einer Telefonnummer, lohnt parallel der Weg über die Auskunft.“

5. Internetquellen: Der stellvertretende Chefredakteur will künftig jeden Mitarbeiter in die Lage versetzt, die Echtheit von Domains zu überprüfen. „Die dpa-infocom entwickelt ein neues, einfach zu bedienendes Überprüfungs-Tool, mit dem jeder Mitarbeiter einen ersten Plausibilitätscheck vornehmen kann.“

6. Transparenz: Büchner will die dpa-Kunden schneller informieren, wenn die Agentur Zweifel an der Echtheit bestimmten Informationen hat. „Auch wenn vielleicht noch viele Fragen ungeklärt sind – die Bezieher des dpa-Dienstes werden so früh wie möglich in einem Achtungshinweis informiert.“
Der vollständige Text ist beim Bildblog nachzulesen. Unterzeichnet ist der Brief, der das Datum vom 11. September trägt, übrigens lediglich mit „Wolfgang Büchner“. Unklar erscheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt, warum sich Chefredakteur Wilm Herlyn („Wir sind die Leuchttürme in der Nachrichtenflut“) zu der Recherche-Panne bislang nicht geäußert hat. Eine Entschuldigung, die dpa am Donnerstag verbreitete, war nicht namentlich zugeordnet. Die Agentur erklärte auf Nachfragen, dass interne Vorgänge auch internaufgearbeitet würden.

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