Kindererziehung ist der neue Sex

Eine bewegte Medien-Woche neigt sich dem Ende zu. Diesmal im Rückblick: Eine Unterzeichnerin des Internet-Manifests rührt die PR-Trommel international in eigener Sache. Bei der großen Pressekonferenz zur Kooperation zwischen ProSieben und der ARD beim Eurovision Song Contest wird ganz tief in die Ironie-Kiste gegriffen. Der "Spiegel" lehrt uns: Erziehung ist der neue Sex, zumindest was die Magazin-Verkaufe angeht. Und bei der dpa hüllt man sich angesichts der peinlichen Bluewater-Ente lieber in Schweigen.

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Ach Gott, das Internet-Manifest. Die 17 Behauptungen von 15, ja was eigentlich, Web-Persönlichkeiten, sorgten für einigen Wirbel. Teile der werten Internet-Gemeinde schimpften, andere applaudierten. Wie man das halt so kennt im vielstimmigen Chor derjenigen, die da im Web unterwegs sind. Vielleicht am bemerkenswertesten an dem ganzen Manifest-Dingsbums ist, wie stark die Behauptungen international wahrgenommen wurden. Web-Guru Jeff Jarvis twitterte die Thesen, TechCrunch berichtete, und auch der renommierte und nicht nur bei der Community hoch geschätzte „Guardian“ rapportierte ausführlich in seiner Online-Ausgabe. „The ‚Internet Manifesto‘ bucks a trend and gets mainstream media attention“ hieß es da im „Digital Content Blog“ des „Guardian“, Sascha Lobo kam zu Wort und Herr Jarvis (der auch für den „Guardian“ eine Kolumne schreibt). Aber hoppla, wer hat das schöne Stück denn geschrieben: Mercedes Bunz. Die gerade eben erst von Tagesspiegel.de zum „Guardian“ entfleuchte Mit-Unterzeichnerin des Internet-Manifests. Nun muss man fairerweise sagen, dass Frau Bunz kein Geheimnis aus ihrer Involviertheit macht. In einer Klammer und vier dürren Worten erklärt sie, dass sie auch zu denen gehörte, die zum Manifest befragt wurden. Trotzdem bleibt ein Gschmäckle. Hätte sich da nicht ein anderer Autor finden lassen, lieber „Guardian „? Denn, wie heißt es in Behauptung Nummer 16 des Manifests so treffend: „Qualität bleibt die wichtigste Qualität“ und: „Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.“ In diesem Sinne…

War ja klar, dass die Pressekonferenz von Stefan Raab, ProSiebenSat.1 und der ARD zur gemeinsamen Vorauswahl des nächsten deutschen Eurovision-Song-Contest-Beitrags vor Ironie nur so triefen würde. Es ging schon los mit schrägen Fanfaren, und während der laufenden PK ließ vor allem Raab keine Gelegenheit aus, das gemeinsame Unterfangen als „historisches Großereignis“ auf einer Stufe mit „dem Fall des eisernen Vorhangs“ zu bezeichnen. NDR-Intendant Lutz Marmor und Song-Contest-Koordinator Thomas Schreiber blieb da nichts anderes übrig und auch sie tuteten kräftig ins Ironie-Horn. Das ganze Setting der PK war schon so etwas wie eine Parodie auf einen G8-Gipfel. Jede der Partien (öffentlich-rechtliche und private) hatte jeweils genau drei Vertreter entsandt, auch wenn einige auf dem Podium erkennbar überflüssig waren. Jede Seite hatte sogar noch eine eigene Moderatorin dabei. Das ist mal eine fein austarierte Public-Private-Partnership.

Auflagen-Hurra beim „Spiegel“. Das immer irgendwie aktuelle Reiz-Thema „Die große Sorge um die lieben Kleinen“ erzielte im Einzelverkauf über 406.000 Exemplare und war damit das am zweitbesten verkaufte Heft ohne DVD-Dreingabe des Jahres. Themen mit Kinder-Erziehung, beziehungsweise dem Mangel daran haben erkennbar Hochkonjunktur. Man weiß ja schon gar nicht mehr in wie vielen Interviews und TV-Beiträgen der Psychologe Michael Winterhoff seine Thesen von den „kleinen Tyrannen“ zum Besten gegeben hat. Mittlerweile hat er, so will es das Gesetz des Bestsellers, ein zweites „Kleine Tyrannen“-Buch hinterhergeschoben. Wer könnte es dem Mann verdenken? Jede Wette: Auch der zweite Band wird sich verkaufen, wie geschnitten Brot. In der Untersuchung, warum heutzutage das Thema Kinder-Erziehung, bzw. unerzogene Kinder so zieht, ist mindestens noch eine Doktor-Arbeit drin. Der Medien-Macher jedenfalls freut sich. Die frechen Kleinen haben die guten alten Traditions-Auflagenbringer Sex und Hitler ziemlich verdrängt. Man könnte auch mit dem berühmten „Augenzwinkern“ sagen: Kindererziehung ist der neue Sex.

Au Backe, da hat sich die dpa aber ein dickes Ei gelegt. Gemeint ist natürlich diese dumme Geschichte mit der Bluewater-Ente. Die Deutsche Presse Agentur fiel auf die Falschmeldung des Filmemachers Jan Henrik Stahlberg herein, der seinen Film „Short Cut to Hollywood“ bekannt machen wollte. Was ihm nun ja auch gelungen ist. Allerdings entwickelte die Ente eine Dynamik, die sich wohl auch der PR-Provo nicht hätte träumen lassen. Dank gefakter Websites und Twitter-Nachrichten schluckte die dpa die Ente von Anschlag im amerikanischen Bluewater, und zahlreiche andere Medien sprangen auf. Gleich mehrere Nonsens-Artikel setzte die Agentur in die Welt. Die Geschichte wurde erst nach Stunden zurückgezogen, die dpa hat sich entschuldigt und Besserung gelobt. Nicht ohne gleich noch ein bisschen bockig zu behaupten, man habe das mit dem Fake ja auch selbst schon herausgefunden. Klar. Aber warum hat man es den Kunden dann nicht früher mitgeteilt? Dass der Lapsus ausgerechnet passiert ist, nachdem der designierte dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner verkündet hat, die dpa müsse sich für User Generated Content öffnen und künftig mehr auf Blogger und Twitterer hören, verleiht der Geschichte noch eine gewisse Ironie. Wie peinlich die Sache ist, erkennt man allein daran, dass sich bei der dpa niemand namentlich zu dem Vorfall äußern will. Weder der noch amtierende Chefredakteur Wilm Herlyn, noch der designierte Chef Büchner wollten auf Anfrage etwas dazu sagen. „Unsere internen Abläufe besprechen wir auch intern, ebenso wie Konsequenzen, die wir ggf. ziehen müssen“, hieß es knapp aber bestimmt aus der dpa-Zentrale. Auch die Entschuldigung der dpa blieb anonym. Schade, aber menschlich leider verständlich.

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