Bluewater-Fiasko: Filmemacher blamiert dpa

Am Anfang war es ein Selbstmord-Anschlag in den USA, am Ende der (schlechte) Scherz eines Kino-Regisseurs, der am Donnerstag vor allem deshalb bundesweit Wellen schlug, weil die Deutsche Presse-Agentur flächendeckend auf den Promotion-Gag hereinfiel. Die dpa vermeldete das vermeintliche Attentat durch deutsche Rap-Musiker in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater. Dabei berief sie sich auf einen TV-Sender und exklusive Filmaufnahmen sowie den örtlichen Feuerwehr-Sprecher: beide gibt es nicht.

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Der Berliner Schauspieler Jan Henrik Stahlberg („Muxmäuschenstill“) hatte die Verwirrung ausgelöst, um seinen neuen Film „Shortcuts to Hollywood“) zu promoten. In seinem Auftrag erhielt dpa einen Anruf mit dem Hinweis auf das angebliche Attentat.
Um 9.38 Uhr verbreitete die dpa unter Bezug auf den Sender vpk-tv die erste Meldung, wonach es in der Kleinstadt Bluewater zu einem Selbstmordanschlag gekommen sei. Es habe zwei Explosionen gegeben. Die Täter seien vom Sender als „arabisch-stämmig“ beschrieben worden.
Tatsache ist, dass es zwar den kalifornischen Ort gibt, allerdings nicht den Sender. Und Tatsache ist offenbar auch, dass „der Sender“ sich zuvor telefonisch an die dpa gewandt hatte. Dort hätte man durchaus misstrauisch werden können, denn der Informant sprach bestes Deutsch und gab sich als Rainer Petersen aus.
Um 9.59 Uhr folgt eine weitere Meldung der dpa zum Thema: Ein „Sprecher der Feuerwehr in der Kleinstadt Bluewater an der Grenze zum Bundesstaat Arizona“ habe der Deutschen Presse-Agentur bestätigt, dass es gegen 23 Uhr Ortszeit in einem Restaurant zwei Explosionen gegeben habe.
Und wieder waren die dpa-Rechercheure auf einen Trick hereingefallen. Sie waren bei ihren Nachforschungen im Internet auf die Website Bluewatercity.com hereingefallen. Doch die war – wie aufmerksame Beobachter schnell bemerken – tatsächlich nicht das Web-Portal des Wüstennestes, sondern eine eilig ins Netz beförderte Fakesite. Unter der Mosquito & Vector Control-Notrufnummern sind weitere Safety-Hotlines angeben. Diese führten zwar zu Anschlüssen in die USA, waren aber nach Berlin zurückgeleitet worden. Anrufer waren mit Telefonisten aus dem Freundeskreis des Schauspielers von Jan Henrik Stahlberg verbunden, die sie auch schon mal auf gut Deutsch mit „Jaaa, hallo?“ begrüßten. Allein drei „Rainer Petersen“ sollen in der Telefonzentrale der Aktionisten gesessen haben, um investigative Nachfragen zu bedienen.  Warum die dpa da nicht misstrauisch wurde, ist zur Stunde unklar.
Um 10.06 Uhr kam schließlich aus dem dpa-Ticker das Dementi: „TV-Berichte über einen Anschlag … scheinen falsch zu sein. Ein Polizeisprecher in Bluewater dementierte, dass es einen Anschlag gab.“ Aber auch diesmal kam das Dementi tatsächlich von den Film-Aktionisten. Die dpa hatte die ganze Zeit über nicht mit einer einzigen echten offiziellen Stelle gesprochen.
Damit nicht genug. Um 10.48 Uhr folgte ein weiterer, nun schon bizarrer Agenturbericht, der ebenfalls ausschließlich von gefakten Quellen gespeist war. „Entwarnung in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater“ heißt es darin, und dann wird – wieder unter Berufung auf den falschen TV-Sender und die nicht existenten Polizisten und Feuerwehrsprechern – dass „drei deutsche Rapper mit Bombenattrappen“ eine Restaurant gestürmt hätten, um Aufmerksamkeit zu erlangen: „Ein Sprecher der örtlichen Polizei bestätigte der Deutschen Presse-Agentur dpa, dass die drei Männer festgenommen wurden.“
Für die Kunden hatte dpa noch einen Hinweis parat. „Achtung Redaktionen: Bei den drei deutschen Rappern soll es sich nach Angaben des Senders um die Berlin Boys handeln.“ Es war den Redakteuren dabei nicht aufgefallen, dass die auf Youtube verlinkte Sequenz des angeblichen Privatsender-Feeds tatsächlich eine Endlosschleife eines billigst hergestellten Videos war. Die Nachrichter-Sprecherin des fiktiven TV-Kanals war zudem keine Unbekannte: Aus der kalifornischen Provinz berichtete die deutsche Soap-Darstellerin Julia Horwath („Alisa“). Alle Film-Schnipsel des Anschlag-Videos waren zudem aus dem schon auf der Berlinale gezeigten Kinofilm zusammengeschnitten worden.

Stahlberg zu MEEDIA: „Alles war von A bis Z eine Werbeaktion.“
Jan Henrik Stahlberg wurde 1970 in Neuwied (laut Wikipedia) geboren. Bekannt wurde der Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur durch die Rolle des Weltverbesserers „Mux“ in dem Film  „Muxmäuschenstill“ (2002). Die Regie führte Marcus Mittermeier. Für „Short Cut to Hollywood“ arbeiten die beiden ein zweites Mal zusammen. Der Film feierte bereits am 8. Februar 2009 während der Berlinale seine Premiere.
Der Filmverleiher Senator distanzierte sich nach Bekanntwerden der Aktion von dieser Form der Promotion, die Deutsche Presse-Agentur hat eine Erklärung angekündigt.
Zwar tappten auch weitere Medien in die Promotion-Falle, doch niemand lag so konsequent und unermüdlich falsch wie die Deutsche Presse-Agentur. „Vor zwei Tagen meldete die dpa, sie wolle sich künftig zunehmend für User Generated Content öffnen“, lästerte das Bildblog, um angesichts der Bluewater-Meldungen anzufügen: „Warum? Das ist doch, wie sich heute gezeigt hat, längst der Fall.“

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