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Relaunch: Die neue „Wirtschaftswoche“

Die traditionsreiche "Wirtschaftswoche" hat sich einem selbst verordneten Rebrush unterzogen. In deutlich reduzierterer Optik kommt der Prestigetitel der Verlagsgruppe Handelsblatt heute an die Kioske: "Wir müssen künftig konzentrierter sein", gab Chefredakteur Roland Tichy im Vorfeld die Parole der Überarbeitung aus. Tatsächlich schmeckt der Krisencocktail: Zumindest die heutige Ausgabe beweist, dass weniger durchaus mehr sein kann.

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Die traditionsreiche „Wirtschaftswoche“ hat sich einem selbst verordneten Rebrush unterzogen. In deutlich reduzierterer Optik kommt der Prestigetitel der Verlagsgruppe Handelsblatt heute an die Kioske: „Wir müssen künftig konzentrierter sein“, gab Chefredakteur Roland Tichy im Vorfeld die Parole der Überarbeitung aus. Tatsächlich schmeckt der Krisencocktail: Zumindest die heutige Ausgabe beweist, dass weniger durchaus mehr sein kann.

Es ist kein Geheimnis: Wie kaum ein zweites Segment leiden die Wirtschaftsmagazine unter dem Sog der Finanzmarktkrise. Blanke Ironie, mag man meinen, sind doch Qualitätstitel wie „Capital“, „manager-magazin“ oder die „Wirtschaftswoche“ erste Anlaufstelle für Orientierung in den Wirren der Weltwirtschaftskrise.

Doch auf die verzichten nach dem heftigsten Kurssturz der vergangenen zwei Jahre offenkundig immer mehr Leser und Anzeigenkunden, was allerdings nur bedingt überrascht, wurden doch vor allem der Finanz- und Automobilsektor von der Krise besonders hart getroffen. Das gilt erst recht für die „Wirtschaftswoche“ selbst: So dramatisch wie keiner anderen Publikumszeitschrift sind den Düsseldorfern in den ersten acht Monaten des Jahres die Anzeigen weggebrochen.
Nach einer Erhebung der Zentralen Anzeigenstatistik (ZAS) des VDZ hat die „Wirtschaftswoche“ inzwischen happige 37,2 Prozent eingebüßt hat – und mit einem Minus von 658,03 Anzeigenseiten gar den „Focus“ in der Negativbilanz überholt. „Wir werden in diesem Jahr nicht schwarz sein“, gab Chefredakteur Roland Tichy vergangene Woche dann auch nicht mehr überraschend zu, 2009 Verluste schreiben zu müssen.
 
„Die Leichtigkeit des ‚anythings goes‘ der 80er und 90er ist vorbei“

Was ein Jahr nach der Lehman-Pleite bleibt, ist die Erkenntnis, dass alles weniger geworden ist – die Aktienkurse, das eigene Vermögen, die Anzeigenkunden, der Seitenumfang. Dieses Lebensgefühl nach dem Aufprall hat sogar den äußerst selbstbewussten „Wirtschaftswoche“-Chefredakteur geprägt, der um die Jahrhundertwende in TV-Spots noch wie ein Tausendsassa durch die Redaktionsräume der „Telebörse“ stürmte. „Die Leichtigkeit des ‚anythings goes’ der 80er und 90er ist vorbei“, resümiert Tichy. „Eine Zeitschrift muss auch den neuen Zeitgeist repräsentieren“, erklärte der 54-Jährige Anfang des Monats im Branchenmagazin „Wirtschaftsjournalist“.
Und der sieht im Zeitalter der kollektiven Gewinneinbrüche, Massenentlassungen und Konzernzusammenbrüche vor allem so aus: puristisch, reduziert, auf das Wesentliche zurückgenommen. „Die Postmoderne mit Hellblau und Babyrosa ist vorbei. Vorwärts zur Eleganz“, ruft Tichy die Tugend des Neubeginns aus.

Optischer Rebrush für die weibliche Zielgruppe: „Eher aufgeräumt, klar und elegant“
Der zeichnet optisch durch dezentere Überschriften in einer feineren Typografie aus, mit der Tichy vor allem die weiblichere Zielgruppe gewinnen will, wie er der „w&v“ verriet: „Frauen mögen es eher aufgeräumt, klar und elegant“. Für diese neue Klarheit hat Artdirektor Holger Windfuhr gesorgt, der auf Balken, farbige und dicke Headlines verzichtet.

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Auch beim Inhalt legte Tichy Hand an. So wurde die Heftstruktur gestrafft, Inhalte verdichtet „und das Blatt mit neuen Rubriken und Darstellungsformen für die Leser noch werthaltiger und nutzwertiger“ gemacht.

Die wichtigsten Änderungen: Der Geldanlage-Teil wurde komplett überarbeitet, aktuelle Börsen-Entwicklungen in der Rubrik „Trends der Woche“ analysiert. Darüber hinaus führt das Ressort „Technik und Wissen“ zwei neue Rubriken ein: Die Kolumne „Was bringt`s?“ und „Der Test“. Ärgerlich allerdings: Der durchaus umfangreiche Kursteil, mit nützlichen Kennzahlen 52-Wochen-Hichs und-Tiefs, die Dividenden- oder Jahresentwicklungen wurden bs auf den Dax komplett ins Internet verlegt.
Inhaltlich kaum Korrekturbedarf beim Krisenmahner

Inhaltlich besteht bei den Düsseldorfer dabei eigentlich kaum Korrekturbedarf. In der Vehemenz unerreicht, warnte die „WiWo“ tatsächlich so früh und umfassend wie kaum ein anderes deutsches Wirtschaftsmagazin vor den kommenden Verwerfungen an den Finanzmärkten.

Die Berichterstattung, symbolträchtig durch einen Brandherd an der Wall Street gekennzeichnet, zog sich durch das vergangene Jahr lange bevor Lehman kollabierte. „Seit über einem Jahr warnt die Wirtschaftswoche vor den Folgen der Finanzkrise“, begann Tichy sein Editorial in der Woche nach der Lehman-Pleite.

Dass die Krise längst noch nicht vorbei ist, ist für Tichy Konsens. „Es wird wieder besser, aber es wird nicht wieder gut – daher wird alles ein bisschen karger werden müssen. Das ist halt so“, gibt der 54-jährige „WiWo“-Chefredakteur die Parole aus. Dass die ‚karger’ nicht ‚weniger’ bedeuten muss, beweist die vorliegende Ausgabe. Die Reduktion aufs Wesentliche – sie ist durchaus gelungen.

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