Zweite TV-Liga: Wie stark wird kabel eins?

Waren das noch Zeiten, als kabel eins vor allem an den Wiederholungen alter Edgar-Wallace-Schinken zu erkennen war! In den vergangenen Jahren hat sich eine Menge geändert. Seitdem der Sender im Konzern nicht mehr bloß als Zweitabspielstation benutzt wird, steigen die Marktanteile. Jetzt geht ProSiebenSat.1 noch einen Schritt weiter und macht kabel eins endgültig zum Serienkanal, der es in Sachen Programmexklusivität locker mit Vox aufnehmen kann.

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Das liegt zwar auch daran, dass Programmchef Jürgen Hörner vieles zugeschoben bekommt, das anderswo partout nicht funktioniert hat – aber vielleicht ist genau das die Chance für kabel ein, noch einmal zuzulegen. Das einzige Problem ist: Qualität bedeutet, vor allem wenn’s um US-Serien geht, nicht unbedingt eine hohe Quote. Die neue Staffel „24“ startete am Dienstag schwach. Womöglich wird es Zeit, die Serie im deutschen Fernsehen abzuhaken. Bis Mitte November hat kabel eins Zeit, das Gegenteil zu beweisen. Womöglich wird es „Lost“ genauso gehen, dessen 5. Staffel Hörner voraussichtlich im Frühjahr 2010 als Free-TV-Premiere zeigen kann. Die Fans der beiden US-Erfolge sind vermutlich längst auf DVD umgestiegen.

Damit ist Hörners Serienschatz aber noch nicht erschöpft: „Eleventh Hour“ startet am 10. Oktober, samstags um 21.15 clever in das Serien-Line-up aus „Without a Trace“ und „Medical Investigation“ eingebettet. Noch keinen Termin gibt’s für „Terminator: S.C.C.“, das ebenfalls von ProSieben zum kleinen Bruder wechselt. Außerdem kommen „Dark Blue“, „Southland“, „Castle“ und „Jericho“.

In Sachen Coaching und Factual Entertainment legt kabel eins ebenfalls nach: Im Oktober startet am Donnerstag das Dorfkneipen-Coaching „Wer wird Wirt?“ und im November wird „Der Immobilien-Fürst“ auf Hausbesitzer losgelassen, die ihr Eigenheim verkaufen wollen. Zur Planung gehört außerdem „Rosins Restaurant“, zu dem der Sender noch nichts Näheres kommuniziert – fest steht wohl, dass kabel-eins-Allzweckkoch Frank Rosin mit an Bord ist. Am Doku-Soap-Sonntag startet Ende September „Family Business – Wir sind Chef“, Ende November kehrt „Mein neues Leben XXL“ zurück. Und dann ist ja auch bereits die Fortsetzung des ProSieben-Abnehmflops „Biggest Loser“ angekündigt, die als „Biggest Loser – Couples“ einen zweiten Anlauf versucht, sich beim Publikum durchzusetzen. Ausgerechnet nachdem Kabel eins im vergangenen Jahr schon mit der Diätdokusoap „Jedes Kilo zählt“ sang- und klanglos gescheitert ist.

Dass Hörner sich in Sachen Musik-Entertainment wieder stärker einmischen will, ist eine kleine Überraschung – ebenso wie die Personalie, die damit zusammenhängt: Markus Kavka moderiert ab 28. Oktober eine Dokureihe über berühmte Rockgrößen. „Number One“ läuft dann mittwochs um 22.15 Uhr.

TV-Kurzcheck: kabel eins

– Die sichere Bank: In der Daytime scheint kabel eins mit seinen Sitcoms das richtige Gegenprogramm zum Doku-Soap-Trash der großen Sender gefunden zu haben.

– Die Risiken: Die teilweise arg harmlosen Doku-Soaps und Futter-Shows in der Donnerstags-Prime-Time.

– Die Tendenz: In der zweiten Generation hat Hörners Sender die größten Chancen, diese Saison noch einmal kräftig zuzulegen.

RTL II

Hallo? Haaallooo? Ist da noch jemand in Grünwald? Was ist bloß mit RTL II los, wo man so stolz darauf ist, durch seine Gesellschafterstruktur deutlich flexibler und innovativer sein zu können als das unter der Fuchtel von RTL möglich wäre? Aus diesem Vorteil hat Senderchef Jochen Starke in den letzten Monaten nichts gemacht. RTL II wirkt müde, vielleicht haben sich im Sender alle ein bisschen zu sehr auf die Renovierung des Designs konzentriert, das den Sender mit seinen wirren Bonbon-Farben seit einiger Zeit wirken lässt als sei er in die 80er Jahre zurückgebeamt worden. Die letzte RTL-2-„Innovation“ heißt: „Der Trödeltrupp“ – das spricht Bände.

Ein Feuerwerk spannender Programme ist für die kommenden Monate nicht zu erwarten. Die Ankündigung, eine „neue Hitparade“ etablieren zu wollen, reißt erstmal niemanden vom Hocker. Gerade sind die „Kochprofis – Next Generation“ gestartet, weil die alten Köche den Sender im Streit verlassen haben und künftig bei Vox brutzeln wollen. Die Neuen machen aber einen guten Eindruck und könnten dafür sorgen, RTL II zumindest am Montag ein wiederkehrendes Erfolgserlebnis zu bescheren. (Müssen sie ja auch, schließlich sollen ab Mitte Oktober ab 20.15 Uhr Doppelfolgen laufen.) Nach dem Riesenflop „Baustelle Liebe“ folgen in den kommenden Wochen am Dienstag neue Fälle von „Zuhause im Glück“, im Anschluss laufen nacheinander „Leben am Limit“, „Wunschkinder – Der Traum vom Babyglück“ und ab Dezember wieder die „RTL II Schicksalsreportage“. Mit ein bisschen Glück hält sich die neue „Heroes“-Staffel am Mittwoch auf dem Niveau dieser Woche. Und dann sollen die US-Serien „Californication“ und „Dexter“ auf neuen Sendeplätzen zurückkommen – letztere aber wohl erst im Sommer am späten Sonntagabend.

Und bis „Big Brother“ Anfang des Jahres wieder startet – zumindest sieht es derzeit danach aus -, wird es schwer für RTL II, beim Publikum nicht in Vergessenheit zu geraten.

TV-Kurzcheck: RTL 2

– Die sichere Bank: Ja, ach, „Big Brother“ auf ewig.

– Die Risiken: Das komplette Senderkonzept.

– Die Tendenz: Mit seiner fatalen Harmlosigkeit könnte RTL II in den kommenden Monaten richtig Probleme kriegen.

Vox

Vox wird seiner großen Schwester RTL immer ähnlicher – zumindest was die Programmstrategie im Krisenjahr angeht: Risikovermeidung pur. Die Fortsetzung von „Mein Restaurant“, einer der wenigen Innovationen des vergangenen Fernsehjahres, ist vorerst ausgesetzt – und wer weiß, ob das für Senderchef Frank Hoffmann nicht eine prima Gelegenheit ist, das nicht gerade günstige Format gleich ganz hinten runter fallen zu lassen. (Fast) Alles andere bleibt wie es ist, auf vielen Plätzen gibt es ja auch nichts zu meckern: US-Serien am Montag, Mittwoch und Freitag, dienstags wird erstmal weiter ausgewandert, am Donnerstag laufen Spielfilme – neu ist nur, dass Hoffmann am Samstag um 20.15 Uhr künftig öfter mit Dokumentationen aus dem Hause dctp experimentieren will, anstatt ausschließlich auf Filme zu setzen.

Fairerweise muss man aber auch die Ausnahmen in der Daytime erwähnen: Im Herbst soll der Talk „Frauenzimmer“ starten, in dem es um Themen aus Partnerschaft, Erziehung und Karriere geht, dazu testet Vox, wie eine tägliche Ausgabe von „Prominent!“ ankommt, das dann aber vermutlich nicht viel mehr sein wird als eine Zweitverwertung von „Exclusiv“ und „Explosiv“ bei RTL (ist es ja jetzt schon am Sonntagabend). Mit verhaltener Begeisterung lassen sich auch die neuen Dokusoaps auflisten: „Der VIP-Hundeprofi“, „Hilfe, mein Mann ist ein Heimwerker“ und die tausendste Großfamilien-Leier „Mehr geht nicht!“

Interessant wird hingegen, auf welchem Plätzchen Vox die ehemaligen RTL-II-Kochprofis antreten lässt, die sich jetzt „Die Küchenchefs“ nennen. Auf eine direkte Fehde mit den neuen Konkurrenten wird’s wohl kaum hinauslaufen, dann müsste Vox schließlich am Montag „CSI: NY“ verschieben. Dieses Risiko dürfte Hoffmann dann doch ein bisschen zu groß sein. Ende November verstärkt auf jeden Fall die Free-TV-Premiere der US-Serie „Burn Notice“ das Line-up am Montag (ab 22 Uhr). Und als kleinen Lichtblick schickt Vox auch „Boston Legal“ wieder on air: ab Oktober montags um kurz vor 11 am Abend. Wer Neues von Anwalt Denny Crane sehen will, muss künftig also etwas länger wachbleiben.

TV-Kurzcheck: Vox

– Die sichere Bank: Serien am Montag, Serien am Mittwoch, Serien, Serien, „Das perfekte Dinner“, Serien am Freitag usw.

– Die Risiken: Der Test mit Talk und Promimagazin in der Werktags-Daytime. 

– Die Tendenz: Senderchef Frank Hoffmann wagt wenig Neues, das bedeutet aber auch: Es kann wenig schiefgehen. Gute Aussichten, um den Marktanteil zu halten. Mit Höhenflügen ist erst mal Pause.

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