„Psychologie heute“ – die Wundertüte

Viele große Zeitungen und Zeitschriften verlieren Leser, Auflage und Anzeigen. Fragt man nach Erfolgsstories, hört man von Experten meist nur "Landlust", "Zeit" und "Neon". MEEDIA begab sich auf die Suche nach erfolgreichen Zeitschriften, die nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. Und wir haben sie gefunden, die "stillen Auflagen-Stars". Fünf Magazine, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch eines gemeinsam haben: Erfolg in Zeiten der Krise. In Teil eins stellen wir "Psychologie heute" vor.

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„Psychologie heute“ erscheint im badisch-beschaulichen Kleinstädtchen Weinheim an der Bergstraße. Der Beltz Verlag ist spezialisiert auf Kinder- und Jugendbücher sowie auf Ratgeberliteratur zu den Themen Pädagogik, Psychologie und Weiterbildung. An Zeitschriften erscheinen in dem Verlag neben „Psychologie heute“ die Fachtitel „Pädagogik“, „Sonderpädagogische Förderung“, „Zeitschrift für „Pädagogik“ und „Supervision“. „Psychologie heute“ der mit Abstand populärste Titel, was Aufmachung, Themenmix und Auflage angeht.


Die Auflage von „Psychologie heute“: hoher Anteil an Einzelverkauf plus Abo

Die Zeitschrift erscheint seit nunmehr 35 Jahren und kostet aktuell 5,90 Euro pro Ausgabe. Ein stolzer Heftpreis. Ein Blick in den MEEDIA-Analyzer zeigt, dass das Heft eine lupenreine Erfolgsgeschichte ist. Der Gesamtverkauf lag im 2. Quartal 2009 bei 91.740 Exemplaren. Davon wurden 55.450 Hefte im Einzelverkauf abgesetzt und 35.814 im Abo. Der Anteil der Sonderverkäufe beläuft sich auf verschwindend geringe 476 Exemplare. Zu Boom-Zeiten hätten Verlagsmanager großer Häusern über solche Zahlen wahrscheinlich milde gelächelt. Heutzutage würde sich mancher nach einer solchen Auflage bei einem Heftpreis von 5,90 Euro die Finger schlecken. So ist das Heft denn auch hoch profitabel. Seit 25 Jahren verdiene „Psychologie heute“ Geld, verrät Chefredakteur Heiko Ernst. Die durchschnittliche Umsatzrendite liege bei satten 20 Prozent.

Der Großteil des Gewinns wird dabei tatsächlich über den Verkauf hereingeholt. Das Verhältnis Vertriebs- zu Anzeigenerlösen beziffert der Chefredakteur mit sechs zu eins. Dementsprechend resistent ist „Psychologie heute“ gegen konjunkturelle Verwerfungen, wie sie große Teile der Branche derzeit erleben. Und was die Auflage-Tendenz angeht, auch da kann der Verlag nicht meckern. In den vergangenen zwölf Monaten stieg der Einzelverkauf um 24 Prozent, die sonstigen Verkäufe wurden nochmals um 18 Prozent zurückgenommen. Im Fünf-Jahres-Trend legte der Einzelverkauf um 17 Prozent zu, der Gesamtverkauf um sechs Prozent. Die Abo-Zahlen gingen innerhalb der vergangenen fünf Jahre um sechs Prozent zurück, was durch den gestiegenen Einzelverkauf aber überkompensiert wurde.

Was sind die Erfolgsfaktoren für „Psychologie heute“? „Wissenschaft wird verständlich und kritisch aufbereitet, der für nicht nur für Laien unübersichtliche Psychomarkt wird kritisch ’sortiert‘. Wir besitzen eine hohe Glaubwürdigkeit und eine besondere Nase für neue Trends und Strömungen in der Gesellschaft“, sagt Chefredakteur Heiko Ernst. „Psychologie heute“ greife individuellen Befindlichkeiten und Probleme in der „unübersichtlichen, digitalisierten, beschleunigten Gesellschaft auf“.

Blättert man das Heft durch, so fallen einem in der Tat sehr viele Themen auf, die auch anderswo, vor allem in klassischen Frauenzeitschriften stehen könnten. Ein Interview dreht sich um das Reiz-Thema Pubertät, es wird der Frage nachgegangen „Ist nächtlicher Hunger krankhaft?“, ein Artikel befasst sich mit so genannten „Gipfelerfahrungen“, besonderen Momenten, die das Leben prägen, oder es geht um die psychischen Belastungen, wenn bei Schwangeren eine Behinderung des Babys diagnostiziert wird. Aber auch Männer werden fündig im psychologischen Füllhorn der Zeitschrift: „Stolz ist kein negatives Gefühl“, Unglücklichsein am Arbeitsplatz, „Kreativität kann man lernen“. Dazu gibt es Buchbesprechungen, Interessantes zu Filmen aus psychologischer Sicht, in der aktuellen Ausgabe zu dem hervorragenden Streifen „Memento“, und viele viele Kästen mit Praxis-Tipps und Psycho-Tricks.

„Psychologie heute“ profitiert davon, dass sich fast jedes menschlich, emotionale Thema aus psychologischer Sicht beleuchten lässt. Dadurch ergibt sich eine schier unerschöpfliche Themenfülle. Die populäre, aber seriöse Aufmachung spricht dabei interessierte Laien an, ohne Profis abzuschrecken. Der seriöse Anspruch wird dadurch untermauert, dass unter jedem Artikel ausführliche Verweise auf psychologisch, wissenschaftliche Fachpublikationen zum Thema zu finden sind. Jede Ausgabe widmet sich zudem einem Schwerpunkt besonders ausführlich. In der aktuellen Ausgabe: „Hoffnung“. Zusätzlich zu den Stamm-Lesern werden auf diese Weise Gelegenheitskäufer angesprochen. Die Aufmachung von „Psychologie heute“ ist dabei sehr zurückhaltend. Das Layout ist unaufgeregt, man könnte es auch langweilig nennen. Aber das ist nur ein Hinweis darauf, dass es hier in erster Linie auf den Text, auf den Inhalt und weniger auf die Verpackung ankommt.

„‚Psychologie heute‘ bietet Orientierung, Einordnung, Vertiefung, Erklärung – indem sie den Bogen schlägt von den Erkenntnissen der aktuellen Forschung (z.B. Gehirnforschung, Psychosomatik, Bindungsforschung, Medienwirkungsforschung, Positive Psychologie usw.) zur Lebenssituation des Einzelnen“, erläutert Chefredakteur Heiko Ernst den Anspruch des Magazins. Die Internet-Präsenz des Magazins wird derzeit ausgebaut. Man will mehr aktuelle Inhalte draufpacken. Aber schon jetzt würde das Online-Angebot in starkem Maße Abonnements generieren, so Ernst.

"Psychologie heute"

Auflage: 91.740 (2. Quartal 2009)
Erscheinungsweise: monatlich
Heftpreis: 5,90 Euro
Verlag: Julius Beltz GmbH & Co KG, Weinheim
Website: www.psychologie-heute.de
Erfolgsfaktoren: großes Themenspektrum, weitgehend unabhängig von Anzeigen, hohe Vertriebserlöse, seriöses Image, fundierte Inhalte, gleichermaßen attraktiv für Abonnenten und Gelegenheitskäufer

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