„Dein Spiegel“ ist auch was für Große

Mit "Dein Spiegel" wagt der Hamburger Spiegel-Verlag ein Experiment: Eine Art "Spiegel" für Kinder zwischen neun und zwölf Jahren. Das Heft wird 150.000 mal gedruckt und kostet erwachsene 3,40 Euro. Bei pädagogisch so wertvollem Content greifen aber sicher Papa und Mama gerne in den Geldbeutel. Das Heft kommt zudem ohne die sonst üblichen Gimmicks aus, mit denen Kinderzeitschriften ihren Verkauf ankurbeln. Bei Erfolg könnte "Dein Spiegel" in Serie gehen. Wir haben uns die Premieren-Ausgabe des Junior-"Spiegel" genauer angeschaut.

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Mit „Dein Spiegel“ wagt der Hamburger Spiegel-Verlag ein Experiment: Eine Art „Spiegel“ für Kinder zwischen neun und zwölf Jahren. Das Heft wird 150.000 mal gedruckt und kostet erwachsene 3,40 Euro. Bei pädagogisch so wertvollem Content greifen aber sicher Papa und Mama gerne in den Geldbeutel. Das Heft kommt zudem ohne die sonst üblichen Gimmicks aus, mit denen Kinderzeitschriften ihren Verkauf ankurbeln. Bei Erfolg könnte „Dein Spiegel“ in Serie gehen. Wir haben uns die Premieren-Ausgabe des Junior-„Spiegel“ genauer angeschaut.

Jetzt hat also auch der „Spiegel“ ein Heft für kleine Klugscheißer. Nein, nein, das ist natürlich fies formuliert und geht fast komplett an der Sache vorbei. „Dein Spiegel“ ist da, zunächst als einmalige Ausgabe, bei Erfolg wird der „Spiegel“-Junior aber sicher öfter am Büdchen anzutreffen sein. Konzipiert wurde „Dein Spiegel“ für Jungs und Mädels zwischen neun und zwölf Jahren. „Geo“ aus dem Schwester-Verlag Gruner + Jahr hat schon lange mit „GEOlino“ einen Ableger für Kinder auf dem Markt und stellt just zum Verkaufsstart von „Dein Spiegel“ in Hamburger mit „GEOmini “ den neusten kleinen Streich für Erstleser ab fünf Jahren vor. Die Verlage, so scheint es, nehmen den Kampf um die ganz junge Zielgruppe mit Vehemenz auf.

Aber werfen wir einen Blick auf „Dein Spiegel“. Klassische Magazinthemen und komplexe Zusammenhänge sollen für die jungen Leser verständlich und unterhaltsam aufbereitet werden. Damit man ganz nah dran ist, wurden einige Leser-Reporter aus der Zielgruppe verpflichtet. Ja, und sogar ein bisschen Spaß darf am Ende sein. In Form von Rätseln und einem Comic.

Titelthema ist, wir sind beim „Spiegel“!, der Wahlkampf, hier genannt: „Das Wahltheater – Merkel gegen Steinmeier“. Da gehört schon eine große Portion Vertrauen in die politische Bildung der Jugend dazu, ausgerechnet dieses Thema zum Aufmacher bei einer Kinderzeitschrift zu machen. Im Heft drinnen ist die Geschichte mit einer doppelseitigen Fotomontage illustriert, die Merkel und Steinmeier beim wilden Boxkampf zeigt. Wenn der echte Wahlkampf doch nur auch so dynamisch wäre… Was folgt, ist eine gute Erklärung des Themas, eine Achtjährige fragt Parteien und zwei Kinderreporter befragen SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Interviews von Kinderreportern sind eigentlich immer ein Lesegewinn, nicht zuletzt auch für die Großen. Fragen wie „Was war das Ekligste, was Sie auf Ministerreisen essen mussten – und wo?“ (Hammelaugen in Asien) oder „Wenn Sie und Frau Merkel keine Politiker wären, könnten Sie dann befreundet sein?“ (eher nicht) würde man sich auch manchmal in Interviews von den großen Reportern wünschen. Nett auch, als sich Steinmeier um eine Antwort drücken will, als die Kinder fragen „Wenn Sie die Wahl verlieren, was machen Sie dann?“ – prompt folgte die Nachfrage: „Und wenn doch?“ Steinmeier seinerseits sollte öfter so reden, wie er mit Kindern spricht. Deutlich verständlicher und sympathischer als sonst nämlich.

Weiter geht’s durch die Welt. Es wird erklärt, was Piraten heute so anstellen und was sie von ihren berühmten Vorgängern in der Geschichte und von Filmfiguren wie Jack Sparrow unterscheidet. Dazu gibt’s natürlich eine Infografik. Oma Obama wird vorgestellt („Die erste Oma“), es gibt reichlich Tier-Content, eine Rätsel-Doppelseite. Im Wirtschafts-Ressort, ja auch das gibt es, wird erklärt wie Kinder-Stars vermarktet werden und wie der Staat mit dem Geld umgeht.

Zu Guterletzt gibt’s dann noch einen Manga-Comic, ein Schweini-Interview und ein paar Witze.

Was einem unter professioneller Betrachtungsweise zuerst auffällt, sind die vielen Anzeigen. Edeka wirbt für gesunde Ernährung, Daimler für eine Familien-Kutsche, Boss für Kinder-Klamotten. Auf der hinteren Umschlagseite ist sogar Werbung für ein Luxus-Resort auf Mauritius. Und da wird dann schon klar, wie „Dein Spiegel“ eigentlich funktionieren könnte. Das ganze ist vielleicht weniger ein Magazin für die Kinder selbst, sondern für Erziehungsberechtigte mit Bildungsanspruch und dickem Geldbeutel. Die Anzeigen im Heft richten sich fast ausschließlich an Erwachsene. Und auch inhaltlich wirkt „Dein Spiegel“ so, dass Papa und Mama aus dem besseren Viertel verständig mit dem Kopf nicken können und sagen: „Ja genau so soll es sein.“ Vielleicht ist „Dein Spiegel“ ja auch was, womit sich Kinder in der Schulklasse befassen können oder angeleitet von Mama und Papa. Dass sich die Kids wirklich dafür interessieren, dass ihre Lieblinge wie Miley Cyrus von einem Konzern gelenkte Püppchen sind, oder ob sie das Wortspiel mit der „ersten Oma“ kapieren, darf doch bezweifelt werden.

Für Kinder scheint die hier gebotene Kost fast schon zu anspruchsvoll und ernsthaft. Sogar der Manga-Comic dreht sich um ein Mädchen, dessen Eltern ihre Arbeit verloren haben. Sozialkritik bis zur vorletzten Seite. Ein bisschen weniger „Spiegel“-Gene und ein bisschen mehr sinnfreier Spaß hätten das Magazin gewiss kinderfreundlicher gemacht. So dürften vor allem große Leute mit hohen Ansprüchen dem „Spiegel“ für die Kleinen das Meiste abgewinnen können. Das ist ja aber auch nicht das Schlechteste.

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