NDR-Phantom: Nur ein Drehbuch war ein Hit

Der Skandal um die unter falschem Namen lancierten Drehbücher beim Norddeutschen Rundfunk ist in TV-Kreisen das Thema Nummer eins. Die "SZ" titelt mit "Tatort NDR", das Hamburger Abendblatt sieht beim Sender ein "System Heinze". Auch am Tag nach der Suspendierung der einflussreichen Fernsehspielchefin Doris Heinze steht die Aufklärungsarbeit im Vordergrund. Noch ist nicht klar, wie ihr Ehemann jahrelang Drehbücher unter Pseudonym lancieren konnte. Fest steht: Nur einer der Filme war ein Hit.

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Als in Kanada lebender Autor Niklas Becker (so die Legende des Heinze-Ehemanns) reichte Claus Strobel Stoffe beim NDR ein, die offenbar von seiner Ehefrau durchgewinkt und angekauft wurden. Vier Filme entstanden so zwischen 2001 und 2009, drei davon wurden auf dem attraktiven Primetime-Sendeplatz um 20.15 Uhr terminiert. Doch nur „Der zweite Blick“ erzielte in der Quotenbilanz einen hitverdächtigen Wert: Das Stück mit TV-Star Susanne von Borsody holte 4,6 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 16,2 Prozent.
Hier die Bilanz der unter Pseudonym eingereichten Drehbücher im Einzelnen:
„Vor meiner Zeit“: gesendet Mittwoch, 20. März 2002, 20.15 Das Erste / 2,66 Mio. Zuschauer, Marktanteil: 8,6%,
„Katzenzungen“: gesendet Mittwoch, 15. September 2004, 20.15 Das Erste / 1,92 Mio. Zuschauer, Marktanteil: 6,6%,
„Der zweite Blick“: gesendet Mittwoch, 2. August 2006, 20.15 Das Erste / 4,60 Mio. Zuschauer, Marktanteil: 16,2%,
„Fast ein Volltreffer“: gesendet Donnerstag, 27. November 2008, 23.15 Das Erste / 1,13 Mio. Zuschauer, Marktanteil: 10,7%
Das Erste liegt derzeit im 12-Monats-Durchschnitt bei 12,8%, hier kann also nur „Der zweite Blick“ als Erfolg gewertet werden.
Doch selbst bei diesem Film erhielt Becker alias Strobel (der eigentlich als Regisseur arbeitet) nicht eben schmeichelhafte Kritiken. So zitiert das „Hamburger Abendblatt“ einen Kommentar der „Süddeutschen“ zu dem Film mit Susanne Borsody aus dem Jahre 2006: „Niklas Becker hat mal als Scriptdoctor in Montreal gearbeitet, vielleicht sollte man sich ja Sorgen um den kanadischen Film machen. Oder doch um Niklas Becker…“
Die interne Aufklärung der Vorgänge wird erschwert durch ein komplexes „System der Vetternwirtschaft“ („SZ“), das die Praktiken der 60-Jährigen verschleiern sollte. Augenscheinlich gibt es Anhaltspunkte, dass Heinze weitere ihr nahestehende Personen begünstigt haben könnte und dass auch Produktionsfirmen in die Affäre verwickelt sind. Zudem überprüft die Innenrevision, ob es in Bezug auf abgerechnete, aber nie gesendete Drehbücher zu Betrugsdelikten gekommen ist.
In diesem Fall hätte Doris Heinze neben disziplinarischen und arbeitsrechtlichen Schritten auch mit strafrechtlichen Ermittlungen sowie Schadenersatzforderungen zu rechnen.

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