Anzeige

Springer-Tribunal: 68er greifen Döpfner an

Einen Tag nach der Absage des für Oktober geplanten sogenannten Springer-Tribunals durch den Konzern haben ehemalige Aktivisten der 68er-Unruhen die Kritik von Vorstandschef Mathias Döpfner und "Welt"-Chefredakteur Thomas Schmid zurückgewiesen. In einem am Sonntag veröffentlichten Beitrag für Spiegel Online behaupten u.a. Daniel Cohn-Bendit und Schriftsteller Peter Schneider stattdessen: Der "Bild"-Verlag "mit klaren Geschäftsinteressen" habe "den Dialog nie ernsthaft gewollt".

Anzeige

Die ehemaligen Leitfiguren der Studentenbewegung argumentieren dabei, dass die angekündigte ergebnisoffene Aufklärung der Rolle des Verlags bei der Radikalisierung des Konflikts schon von daher in Zweifel zu ziehen sei, weil Döpfner kurz zuvor eine Entschuldigung der Anführer bei Springer gefordert habe. Der Vorstandschef hatte dies erklärt, nachdem die Birthler-Behörde die Stasi-Tätigkeit des Polizisten enthüllt hatte, der die tödlichen Schüsse auf Benno Ohnesorg abgegeben hatte.
Weiter heißt es, dass der Dialog zwischen sehr ungleichen Parteien geführt worden wäre: „Die versprengten Aktivisten von einst sind inzwischen um die 70 und haben sich nach Kräften individualisiert. Keiner von ihnen kann oder will als Gesamt-68er im Hause Springer Rede und Antwort stehen. Ihnen gegenüber steht ein kompakter Konzern.“ Dass der öffentliche Eindruck, die Springer-Blätter hätten Ende der 60er Jahre eine „Pogrom-Stimmung“ gegen die Protestler geschürt, „aufgehellt“ werden sollte, sei legitim. Dafür sei das geplante Tribunal unter Vorsitz von Mathias Döpfner aber ungeeignet. Die Veranstaltung wäre zum „familientherapeutischen Unternehmen“ geraten.
Hart ins Gericht gehen die Autoren mit „Welt“-Chefredakteur Thomas Schmid. Der 63-Jährige, der bei den Studentenunruhen selbst zu den Radikalen zählte, habe den 68ern zu Unrecht eine „klägliche Verweigerungshaltung“ vorgeworfen: „Schmid hat versucht, seine Kandidaten durch die Behauptung, andere Kandidaten hätten längst zugesagt, zu einer Zusage zu bewegen. Da jedoch auch 70-jährige die Grundfunktionen eines Handys beherrschen, stellte sich bald heraus, dass es einen Konsens unter den sonst eher zerstrittenen 68ern gibt: Zu einer als „Springer-Tribunal“ getarnten Pro-Springer-Kampagne im Hause Springer geht man lieber nicht.“
Kritik an der Veranstaltung hatte es auch im Zusammenhang mit den eingeschränkten Möglichkeiten des Zugangs von unabhängigen Medien zum Tribunal gegeben. Ob und in welcher Form eine Aufarbeitung der Hintergründe stattfinden wird, ist offen.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige