Anzeige

Döpfner sagt Springer-Tribunal ab

Anfang Juli hatte der Vorstandschef von Axel Springer eine ebenso ungewöhnliche wie umstrittene Initiative gestartet: Vier Jahrzehnte nach den Studentenunruhen der 68er-Ära wollte Mathias Döpfner Protestler von einst zu einem öffentlichen Forum laden und die Geschichte quasi umkehren: Ziel des ursprünglich von den Kritikern 1968 angesetzten Springer-Tribunals war es, die Anstifterrolle des Konzerns bei den Krawallen nachzuweisen. Dazu kam es nie, und auch aus der Neuauflage wird nun nichts.

Anzeige

„Die maßgeblichen Akteure der 68er-Bewegung haben unser Gesprächsangebot leider zurückgewiesen und damit die Chance zur erneuten Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und die der damaligen Gegner vertan“, erklärte Döpfner am Sonnabend. Und weiter: „Bemerkenswert finden wir, dass ausgerechnet diejenigen, die immer den offenen Diskurs gefordert haben, diesen nun verweigern. Wir bedauern sehr, dass unser Interesse an einem ernsthaften Dialog – dazu gehören ausdrücklich auch die journalistischen Fehler, die unser Haus damals gemacht hat – nicht erwidert wird.“
Der Vorstandschef erklärte zudem: „Unser Wunsch war eine von Toleranz geprägte, ernsthafte Debatte, ein Austausch von Positionen mit dem klaren Ziel, das gegenseitige Verständnis durch mehr Wissen übereinander zu verbessern.“  Thomas Schmid, „Welt“-Chefredakteur und zu 68er-Zeiten selbst auf der Seite der Linken, ergänzte: „Mich enttäuscht diese klägliche Verweigerungshaltung. Doch damit ist die Diskussion nicht beendet. Wir werden es uns nicht nehmen lassen, über die damaligen Geschehnisse zu diskutieren, wann, wo und wie wir das für richtig halten.“
Ziel der ursprünglich im Februar 1968 geplanten Veranstaltung war, die Rolle des Axel Springer Verlags zu analysieren, die Zeitungen des Hauses als Organe politischer Hetze zu entlarven und die Enteignung des Verlags voranzutreiben. Das Tribunal war am 9. Februar 1968 zwar eröffnet, dann aber sofort vertagt worden: „Es wird voraussichtlich zu einem späteren Zeitpunkt in einer anderen Stadt (vorgesehen ist Hamburg) fortgesetzt“, so die Organisatoren damals. Dazu war es nie gekommen. Im Zuge der im Frühjahr 2009 erneut entfachten Debatte über die Rolle der Stasi, die 68er-Bewegung und die Medien des Springer-Verlags, hatte sich der Konzern entschlossen, mit dem „Springer-Tribunal 2009“ selbst ein Forum zu schaffen.
Die Debatte über Hintergründe und Ursachen der gewalttätigen Auseinandersetzungen waren nach den Enthüllungen über die Stasi-Mitgliedschaft des Polizeibeamten, der Benno Ohnesorg erschoss, neu entfacht worden. Zudem war die Rolle der Hamburger Verleger Bucerius und Augstein in die Diskussion geraten: Diese hatten Geldbeträge an die Studentenbewegung gespendet, die auch für die Anti-Springer-Kampagne verwendet worden waren. Schriftsteller Peter Schneider, seinerzeit selbst einer der Hauptakteure der Bewegung, hatte diese Vorgänge aus dem Jahr 1967 unter anderem in einem „FAZ“-Artikel publik gemacht, dabei aber fälschlicherweise auch behauptet, dass die Studenten auch von „Stern“-Gründer Henri Nannen „beträchtliche Geldbeträge“ erhalten hätten.
Es ist fraglich, ob angesichts solcher „Erinnerungslücken“ von maßgeblich Beteiligten eine sachdienliche Aufklärung überhaupt noch möglich gewesen wäre.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige