„Ein schmutziges Kapitel Mediengeschichte“

In Schwalmtal am Niederrhein kam es am gestrigen Dienstag zu einem gewalttätigen Familiendrama mit drei Toten. Der Täter verschanzte sich über Stunden in einem Wohnhaus und lieferte sich einen Nervenkrieg mit der Polizei. Wie bereits bei vielen ähnlichen Dramen, fand das Ereignis auch bei Twitter ein großes Echo. Doch diesmal entwickelte sich der Microblogging-Dienst zu einem echten Sicherheitsrisiko. Ein Zwitscherer hörte den Polizeifunk mit und veröffentlichte die taktischen Anweisungen.

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Während sich der vermeintliche Mörder für rund drei Stunden verschanzte, die Polizei mit ihm verhandelte, die Umgebung abriegelte und sich für einen Zugriff vorbereitete, twitterte der User mit Namen @JO31DH taktische Informationen wie “Polizei gibt im Amoklauf Notvarianten 1 und 2 frei” (Anmerkung: Dabei handelt es sich um polizeitaktikische Anweisungen.

Weitere Polizeifunk-Tweets:

  • “Weitere Einsatzkräfte werden durch die Hummel 9 abgesetzt” (Anmerkung: Hummel ist ein Polizeihubschrauber)
  • “Der Hubschrauber wird auf dem Pletschweg landen”
  • “Der Täter scheint da zu sein. Die Hummel musste umdrehen”
  • “Telefonat aus dem Haus von einer verletzten Person am Kopf verletzt”

Jede dieser Kurznachrichten hätte dem Täter wertvolle Informationen liefern können.

Hinter @JO31DH verbirgt sich ein Mann Namens Mark, der in Nettetal, rund 15 Kilometer vom Tatort entfernt wohnt. Seine gestrigen Twitter-Postings bezeichnete der Chefredakteur der „Rhein Zeitung“, Christian Lindner, als ein „ein kleines, schmutziges Kapitel Mediengeschichte“. Philipp Ostrop von den Ruhr-Nachrichten vergleicht das Verhalten von @JO31DH gar mit dem Gladbecker Geiseldrama von 1988. Damals stieg Udo Röbel, Reporter beim „Kölner Express“ und später „Bild“-Chefredakteur, in das Auto der Geiselnehmer. „Er wollte eine gute Geschichte (‚Das war natürlich die Geilheit auf die Story‘), wurde plötzlich Teil des Geschehens und hat den Gangstern zur Flucht auf die Autobahn verholfen. Er hat sich gemein gemacht, und zwar mit einer schlechten Sache. Auch andere Medien und Journalisten haben sich während des Geiseldramas instrumentalisieren lassen.“

Wie Röbel hat auch @JO31DH ein publizistisches Tabu gebrochen, dindem er für die Polizeiaktion wichtige Informationen über das Internet verbreitet hat.

Lindner schreibt: „Mark ist dabei, wenn man nur den Zeitfaktor bewertet, richtig gut. Er ist schneller als dpa. Vor allen Medienprofis twittert er: „Gerade auf dem Polizeifunk: Täter mit Schusswaffe vor einem Haus. Polizei rollt!” dpa bestätigt Marks Nachricht um 18.22 Uhr per Eilmeldung mit Prio 2: „Amoklauf am Niederrhein – vermutlich mehrere Opfer”. Weiter bloggt Lindner: „Der Amateurfunker aus Nettetal/Germany wird damit zum Star im Warhol’schen Sinne – deutlich länger als 15 Minuten.“

Als die Polizei den vermeintlichen Täter endlich in Gewahrsam genommen hatte, zwitschert Mark: „so mal für alle die geiselnahme ist beendet es gab 3 tote ich klink mich aus danke fürs interesse.”

Was daraufhin passiert, entlarvt mehr als das Selbstverständnis mit dem @JO31DH an die seinen Livebericht heranging. Ausgelöst durch Philipp Ostrop, der den Twitterer darauf hinwies, dass er den Täter mit Informationen versorgte, entsteht eine Diskussion über @JO31DH Verhalten. Dessen Reaktion zeigt seine ganze Verantwortungslosigkeit und Grobheit. Lindner fasst die Tweets zusammen:  

  • "Mich interessert es nicht ob ich Polizeifunk hören darf oder nicht ich bin Presse ich nehm mir die Freiheit."
  • "Ich tituliere mich als Presse. Reicht doch…und jetzt Maul zu"
  • "Ich werde weiterhin Polizei und Notruf Funk Illegal abhören und hier posten und wer was dagegen hat bekommt auf die Fresse!"
  • "Egal ich hab meine 770 Besucher. Alles andere ist egal."

Mittlerweile hat @JO31DH seine Twitter-Account gelöscht.

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