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Paid-Content, stern.de, der lustige Lanz

Die Paid-Content-Debatte hat die Branche im Griff. Springer-Chef Döpfner heizte die Diskussion mit der Ankündigung an, ab Herbst kostenpflichtige iPhone-Apps zu starten. Das "FAZ"-Interview, in dem er das verkündete, war dann ein Paradebeispiel dafür, wie schwierig es ist, Paid Content in der Praxis umzusetzen. Außerdem: Chris Anderson hat immer Recht, stern.de hat sich von Altlasten verabschiedet, und Markus Lanz sorgte mit einer unpassenden Gästezusammenstellung für den unterhaltsamsten Talk der Woche.

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Die Nachricht der Woche kam am Freitag: Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner verkündete via „FAZ“-Interview, dass iPhone-Programme zu Bild.de, Welt.de und weiten Angeboten des großen Springer-Hauses im Herbst starten sollen – und zwar gegen Geld! Eine Meldung mit echtem Nachrichtenwert – ganz egal, ob man Döpfners Strategie nun für gut oder schlecht hält. Entsprechend wurde über die „FAZ“-News wie wild berichtet, getwittert und verlinkt. Aber: Beim FAZ.net stand lange Zeit nur eine kurze Zusammenfassung des Interviews online. Via E-Paper konnte man als Abonnent das ganze Interview natürlich schon am Vorabend ab 21 Uhr lesen und entsprechend nachrichtlich aufbereiten. Das ist Bestandteil der „FAZ“-Internet-Strategie. Wertvolle Inhalte aus der Zeitung nicht sofort online stellen, sondern erst mit zeitlicher Verzögerung.

Nur: Zu dem Zeitpunkt, als die „FAZ“ das komplette Interview online stellte, war der Rahm schon längst abgeschöpft. Zig Websites und Tweets hatten bereits die magere Kurzfassung verlinkt. Und viele Nachrichten- und Medien-Angebote (auch MEEDIA) hatten das Interview bereits zusammengefasst und darüber berichtet. Was hat die „FAZ“ nun davon gehabt, dass sie das komplette Interview nicht gleich veröffentlicht hat? Sie hat weniger Links und damit weniger Reichweite auf die Geschichte bekommen, als möglich wäre. Was hätte die „FAZ“ tun sollen? Das ganze Interview nur zahlenden Kunden zur Verfügung stellen? Dann hätten andere Nachrichtendienste und Agenturen den Inhalt des Interviews ebenfalls zusammengefasst und veröffentlicht und die „FAZ“ hätte noch weniger Online-Reichweite generiert. Was also ist das Kalkül hinter der zeitversetzten Veröffentlichung? Denkt man, der Leser wird durch dieZusammenfassung angefixt und eilt zum Kiosk, um sich die „FAZ“ zu kaufen? Oder er schließt womöglich ein Abo ab, um künftig gleich informiert zu werden? Kaum vorstellbar. Hier hatten wir nun ein Beispiel von einem qualitativ wirklich hochwertigem und exklusivem Inhalt als Paid Content. Und wir sehen, warum die ganze Sache ganz schön schwierig ist.

A propos Paid Content. Den Gratis-Propheten und „Wired“-Chefredakteur Chris Anderson muss man wirklich bewundern. Nicht so sehr für sein jüngstes Buch „Free“, sondern für die extreme Wendigkeit seiner Thesen. Er nennt sein Buch „Free“ und predigt die Kostenlos-Kultur im Internet als neues Business-Modell. Dann interviewt ihn die good old „Zeit“ und spricht ihn darauf an, dass Rupert Murdoch jetzt alle seine Web-Inhalte hinter die Bezahl-Schranke packen will. Was entgegnet Anderson: „Murdoch folgt genau meinen Empfehlungen.“ Denn nach Andersons „Freemium“-Modell kann/darf/soll/muss man für einige Dinge, die man mit dem Etikett „Premium“ versieht, dann eben doch wieder zahlen. Mathias Döpfner spricht in dem oben angesprochenen „FAZ“-Interview auch schon von „Freemium“. Egal, was die Manager tun: Sie folgen stets dem Rat Andersons. Und wenn die ganze Pay-Kiste in die Binsen geht, kann Anderson sagen: Ihr Doofis, euer Geschäftsmodell war eben doch nicht „free“ genug. Genial!

stern.de hat relauncht und die neue Website sieht prima aus. Wenn man von den üblichen Kinderkrankheiten nach so einem Relaunch mal absieht. Allerdings fallen dann doch auch einige Dinge auf, die gar nicht mehr da sind oder die man zumindest nicht mehr sieht. Still und leise hat stern.de seine Foto-Community augenzeuge.de beerdigt und verweist Nutzer auf die Foto-Community der Schwesterzeitschrift „View“. Und was ist mit tausendreporter.de? Das Social-News-Angebot des „stern“ kam noch nie so richtig in die Pötte, und das wird es wohl auch kaum noch. Auf der neuen stern.de-Homepage fehlt jedenfalls jeder Hinweis auf die tausendreporter. Die Website selbst ist allerdings noch online.

Markus Lanz macht seine Sache als Kerner-Ersatz im ZDF eigentlich gar nicht so übel. Wer ihn noch als Moderations-Roboter von RTL „Exposiv“ in Erinnerung hat, mag den netten Onkel, der da zu später Stunde im Zweiten talkt, kaum wiedererkennen. Lanz hat sichtlich Spaß an seiner Rolle. Dass er und seine Redaktion auch aus völlig unzusammenhängenden Themen eine vergnügliche Sendung fabrizieren können, zeigte sich am Donnerstag. Da ging es um Italien und um Vernunftehen. Aufhänger für das Italien-Thema war die Verfilmung von „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“. Für „Vernunftehen“ ein entsprechendes Buch eines Paartherapeuten. An einem viel zu kleinen Tisch hockten dann neben Lanz Christian Ulmen (Hauptdarsteller), ein gelangweilt wirkender Jan Weiler (Autor), Schlager-Oma Mary Roos, Jochen Busse und Reiner Calmund. Was für eine Truppe. Da passte wirklich gar nix und vielleicht gerade deshalb war es ganz lustig. Zum Thema Vernunftehe kam dann noch der Paartherapeut dazu, Jan Weiler verschwand ohne Erklärung und Christian Ulmen becherte fröhlich Wein in seiner Ecke. Vermisst eigentlich irgendwer den Kerner?

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