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Anne Will oder die Aura der Müdigkeit

Es hätte ein furioser TV-Abend werden können, gestern um 21.45 Uhr im Ersten. Anne Will war nach der Sommerpause am 5. Juli wieder auf Sendung, und das Thema versprach Spannung: "Wahlkrampf statt Wahlkampf - womit haben wir das verdient?" Doch so sehr sich die Moderatorin in ihrem schicken cremefarbenen Hosenanzug auch anstrengte, die vier anwesenden Herren, die über weite Strecken seltsamerweise die Aura größter Müdigkeit verströmten, brachten das Thema nicht auf Fahrt.

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So wurde der Abend zu einem Geplänkel, das langatmig vor sich hin tröpfelte und jeglichen Spannungsbogen vermissen ließ. Dabei fing Anne Will durchaus packend an: “Deutschland hat einen neuen Polit-Star: Horst Schlämmer. Fast jeder fünfte Bundesbürger könnte sich laut einer ‚Stern‘-Umfrage vorstellen, Hape Kerkelings Kunstfigur seine Stimme zu geben … Von solchen Erfolgen kann SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier nur träumen. Woran liegt das? Warum dominieren im Wahlkampf bisher seichte Themen statt harter Inhalte?“

Ja, gute und auch aktuelle Fragen, die aber in höflichen Diskussionsbeiträgen versandeten. Finanzminister Peer Steinbrück, SPD, der wie immer mit verbissenem Gesichtsausdruck auf seinem Stuhl saß, fiel zu Horst Schlämmer dieses ein: “Schlämmer führt uns als Politiker vor. Aber: Dürfen wir Politik als Comedy verkommen lassen? Wie wirkt das auf das Publikum, wenn die Politiker als Deppen dargestellt werden?“

Es folgte eine langatmige Diskussion zwischen Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff, CDU, Jürgen Trittin, Grüne, und dem Publizisten Michael Jürgs, der Sonntag auch nicht seinen besten Tag (Abend) hatte. War es möglicherweise den Berliner Außentemperaturen von weit über 27 Grad geschuldet?

Schließlich blendete Anne Will, die mehrfach – allerdings vergeblich – versuchte, die Stimmung anzuheizen, eine Passanten-Befragung der Redaktion ein. Zitat Nummer eins: “Man weiß gar nicht mehr so genau, für was die Grünen eigentlich so stehen …“ Zitat Nummer 2: “Die SPD hat kein Profil mehr. Wie ein Auto mit abgefahrenen Reifen.“

Anschließend, wieder im Studio, kam zum ersten, aber auch zum einzigen Mal, ein Hauch von Wahlkampf-Stimmung auf. Der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Wulff sprach der SPD das Attribut einer “bürgerlichen Partei“ ab. Worauf Peer Steinbrück zurückkeilte: “Das ist eine ziemlich hochnäsige Ausgrenzung von Menschen!“ Wie war doch nochmals Anne Wills Thema? Genau, “Wahlkrampf statt Wahlkampf – womit haben wir das verdient?“

Antworten lieferte die Sendung nicht. Man könnte auch sagen, Thema verfehlt. Aber die Herren im Studio hatten offenbar keine richtige Lust auf diese Frage. Publizist Michael Jürgs schwadronierte mehrfach, dass er doch die ach so vielen Seiten aller Parteigrogramme gelesen habe. Mühsam sei das, aber notwendig. Worauf ihm Anne Will mit charmantem Lächeln schmeichelte: “Sehr gut, Herr Jürgs. Sehr gut.“

So ging es weiter, und so erschöpfte sich der Abend in leerem Geplaudere. Christian Wulff, der mit perfekt gefönter Frisur zu sehen war, konnte in einem minutenlangen Monolog noch von Deutschland reden (“Wenn wir ehrlich sind, sind wir ein ganz tolles Land in der Welt“).

Spannung, die man sich von der ARD-Sendung erhofft hatte, blitzte nur nur am Schluss auf, für einen kurzen Moment:  “Wären Sie eigentlich nicht der bessere Kanzlerkandidat?“ fragte Anne Will zum Ende ihrer Sendung Peer Steinbrück. Der konterte: “Wollen Sie mich umbringen?!“
Ach ja: Auch die Quote war blass – Anne Will hatte gestern insgesamt 3,20 Mio. Zuschauer, der Marktanteil lag bei 12,7%. Mittelmaß eben.

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