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Web-Titel: Was will der „Spiegel“ sagen?

Die pointierte, distanzierte und gelegentlich respektlose Art, gesellschaftliche Phänomene einzuordnen - eine der Urtugenden des "Spiegels". Was oft gelang, geht mitten im Sommerloch indes schief. Die aktuelle Titelgeschichte "Netz ohne Gesetz" stößt bei vielen professionellen Lesern auf Kritik und Unverständnis. "Handelsblatt"-Blogger Thomas Knüwer, sonst um Worte nie verlegen, fasste seine Reaktion in drei Buchstaben zusammen: "Häh?" Der "Spiegel" und das Internet - der Versuch einer Einordnung.

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Die pointierte, distanzierte und gelegentlich respektlose Art, gesellschaftliche Phänomene einzuordnen – eine der Urtugenden des „Spiegels“. Was oft gelang, geht mitten im Sommerloch indes schief. Die aktuelle Titelgeschichte „Netz ohne Gesetz“ stößt bei vielen professionellen Lesern auf Kritik und Unverständnis. „Handelsblatt“-Blogger Thomas Knüwer, sonst um Worte nie verlegen, fasste seine Reaktion in drei Buchstaben zusammen: „Häh?“ Der „Spiegel“ und das Internet – der Versuch einer Einordnung.

Das Premium-Magazin und die Online-Welt: Das ist die Geschichte einer nicht ganz unproblematischen Beziehung. Da ist auf der einen Seite der große Erfolg und die Vorreiter-Rolle von Spiegel Online, das seit über einem Jahrzehnt bei den deutschen Nachrichtenangeboten als Marktführer wegweisend ist – nicht zuletzt durch den langjährigen Chefredakteur Matthias Müller von Blumencron. Der 49-Jährige verantwortet jedoch seit einem Jahr die Print-Ausgabe, die bekannt dafür ist, betont kritisch mit den großen zeitgeschichtlichen Phänomenen umzugehen.
Dazu zählt naturgemäß auch immer wieder das Internet. Erst im März rückte das Web mit seinen sozialen Netzwerken ins Fadenkreuz des „Spiegel“-Titels, der vor den Fallstricken nur allzu ausgiebig warnte – und etwa den aufsteigenden Microblogging-Dienst Twitter als „Schwatzbude“ abwatschte. Ungeachtet der Tatsache, dass die Online-Redaktion des Hamburger Nachrichtenmagazins selbst so erfolgreich twittert wie kein anderes deutschsprachiges Online-Medium.

Spiegel: „Längst ist das Internet ein Paralleluniversum“

Diesmal ist das Internet als das große Ganze an der Reihe – auch ohne erhobenen Zeigefinger und Verriss wie bei der letzten Geschichte. „Netz ohne Gesetz“, titelt der „Spiegel“ und stellt die These auf, „warum das Internet neue Regeln braucht“. Nun, warum eigentlich?
Weil im Zeitalter von Zensursula, Pirate Bay, YouPorn & Co alles aus dem Ruder gelaufen ist: „Längst ist das Internet ein Paralleluniversum. Die Refugien der Diebe, Rufmörder, Kinderschänder entziehen sich weitgehend der Kontrolle des Rechtsstaats“, empört sich der „Spiegel“. Mit einem Wort: Es geht um das Böse von nebenan, das im Internet längst einen „Massenspeicher für alle Übel, die Menschen sich erdenken können, vom schlichten Schmutz bis zu den schlimmsten Auswüchsen der Phantasie“, gefunden hat. Hier treibt es sein Unwesen – und zwar ungehemmt.
Thomas Knüwer fragt sich: „HÄH?“
Kein Zweifel: Wahrscheinlich jedem Internet-Nutzer, der sich im Netz der Netze verliert, ist schon einmal auf diese Schattenseiten gestoßen. Allein: Was lernt der Leser nach 14 Seiten der Titelgeschichte tatsächlich? Reichlich wenig, wie „Handelsblatt“-Blogger Thomas Knüwer reichlich verwirrt feststellt: „Tausend Fragen rasen nach wiederholter Lektüre durch meinen Kopf. Die wichtigste lautet: „HÄH?“, bringt der viel zitierte Wirtschaftsjournalist seinen Tenor auf den Punkt.

Auch der Netzaktivist Markus Beckedahl geht mit der Aufmacher-Geschichte kritisch ins Gericht: „Der Titel ‚Netz ohne Gesetz – Warum das Internet neue Regeln braucht‘ ist wieder gewohnt reißerisch und spielt mit dem beliebten Vorurteil, dass das Internet ein rechtsfreier Raum ist. Schade, das hätte man auch besser machen können“, resümiert der 32-Jährige Grünen-Politiker.
Noch härter rechnet der Blogger Felix Schwenzel ab: „Nachdem ich die Spiegel-Titelgeschichte zwei Tage reflektieren konnte, ist mir aufgegangen, wie affektiert und großkotzig sie stellenweise ist.“

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So weit, so kritisch. Das Problem der 57.000 Zeichen starken Titelstory lässt sich bereits an ihrer Headline greifen: Was will uns der Spiegel mit „freiheit@unendlich.welt“ sagen? Das Spiel mit dem @-Symbol kommt so 90er-Jahre-like daher wie „Tomorrow“ oder „Online Today“-Cover aus den Goldgräber-Tagen des Webs.

Vor allem illustriert die Headline die Beliebigkeit und Ziellosigkeit des Internet-Titels. Hier die Geschichte vom „dog shit girl“, dort das Ende der alten Binsenweisheit „On the Internet nobody knows you’re a dog“ – an allen Ecken und Ecken liest man dem 14-Seiter an, dass fünf Autoren an diesem Sommerloch-Thema gestrickt haben und dabei meist nur Bekanntes aufwärmen.

Zwischen globaler Netzdemokratie und Unregierbarkeit
Ja, nach den jüngsten Gesetzesbeschlüssen hat der Staat dank Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchungen die Möglichkeit, so umfassend Daten auszuspähen wie nie zuvor, ja, „im Internetreich der Mitte herrschen andere Regeln als im Rest des Netzes“, und ja, Reputation-Manager haben es sich zur Aufgabe gemacht, „den angeschlagenen Ruf von Privatpersonen, Firmen und Marken im Netz zu reparieren“.

Ja, Ja. Ja. Alles richtig und häufig erzählt. Wirklich interessant wäre die große Frage gewesen, wie es einer „transnationalen Instanz gelingen kann, Ordnung zu schaffen“. Das skizzierte Ziel der Netzdemokratie bleibt mit der Icanns (Internet Corporation für Assigned Names and Numbers) bislang nur eine vage Vision, der in der Geschichte gleich mehrfach widersprochen wird: „Das Netz ist unregierbar“, folgert der „Spiegel“ an anderer Stelle.

Was bleibt, ist also digitaler Anarchismus. „Kinderpornografie, Gewaltdarstellung – all das, was im echten Leben nicht möglich ist, scheint im Netz zu gehen“, brachte die junge Spiegel-Redakteurin Kerstin Kullmann, die nicht als Autorin unter dem Artikel steht, die Quintessenz des Titels gestern im „ZDF Morgenmagazin“ auf den Punkt.

Und genau hier offenbart sich das ganze Problem der Geschichte: Auf 14 Seiten beschreibt das Hamburger Traditionsnachrichtenmagazin das Internet als ein Mysterium, das es nicht ist. Das Internet ist eben keine abgetrennte eigene Welt, kein Paralleluniversum, es ist ein Kommunikationskanal, über den all das transportiert wird, was sich seit Jahrhunderten auf diesem Erdball abspielt – auf der grünen Wiese wie in dunkeln Winkeln.

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