Die große Qualitäts-Lüge

Die Paid-Content-Debatte ist in vollem Gange und das wesentliche Argument lautet: Qualität kostet Geld. Die Gleichung, die von Rupert Murdoch und anderen aufgemacht wird, geht so: Durch Abwanderung von Lesern ins Internet lassen sich Print-Erzeugnisse bald nicht mehr finanzieren. Gleichzeitig gibt es nicht genügend Werbe-Erlöse online, um das auszugleichen. Ergo: Wer künftig noch Qualitäts-Journalismus will, muss online dafür zahlen. Wie aber steht es wirklich um die Qualität der Medien im Netz? Fünf Beispiele für die große Qualitäts-Lüge.

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Die Paid-Content-Debatte ist in vollem Gange und das wesentliche Argument lautet: Qualität kostet Geld. Die Gleichung, die von Rupert Murdoch und anderen aufgemacht wird, geht so: Durch Abwanderung von Lesern ins Internet lassen sich Print-Erzeugnisse bald nicht mehr finanzieren. Gleichzeitig gibt es nicht genügend Werbe-Erlöse online, um das auszugleichen. Ergo: Wer künftig noch Qualitäts-Journalismus will, muss online dafür zahlen. Wie aber steht es wirklich um die Qualität der Medien im Netz? Fünf Beispiele für die große Qualitäts-Lüge.

Beispiel Nummer 1: Medien klauen Inhalte

Medienunternehmer wie Hubert Burda fordern lautstark Leistungsschutz für ihre Medien-Erzeugnisse. Die These: Unternehmen wie Google würden sich schamlos bei den wertvollen und teuer produzierten Qualitäts-Inhalten der Medienhäuser bedienen und damit Milliarden scheffeln. Die Produzenten, also die Medien, gehen leer aus. Was die Verlage gerne ausklammern: Auch Medien bedienen sich im Netz. Nur einige Beispiele: Spiegel TV hatte einen YouTube-Film über einen Polizeieinsatz in Hamburg ungefragt verwendet. Erst als die Geschichte im Internet einigen Staub aufwirbelte, hieß es plötzlich, man habe „versäumt“ den Urheber ausfindig zu machen und bot nachträglich an, Lizenzgebühren zu zahlen.

Nach dem Amoklauf von Winnenden veröffentlichten mehrere angesehene Medien (u.a. stern.de, „Bild“) Fotos der Opfer. Diese Bilder wurden offenbar zumindest teilweise den Profilseiten der Opfer bei Online-Communities wie StudiVZ entnommen. In einer großen „Spiegel“-Geschichte über die „fremden Freunde“ in Internet-Netzwerken wurden zahlreiche Fotos aus Online-Netzwerken gezeigt. Anfragen, ob diese Privat-Bilder mit Erlaubnis der Nutzer in Millionenauflage gedruckt wurden, wurden ausweichend beantwortet.

Beispiel Nummer 2: Medien schinden online Klicks und tricksen

Sie sind verpönt und werden doch immer wieder genutzt: sinnlose Bilder-Galerien und andere Klick-Fängereien. Ganze Interviews werden zu einzelnen Frage- und Antwort-Häppchen zerlegt. Tabellen werden in Einzelteile zerstückelt, egal ob die Übersicht leidet, Kreuzworträtsel werden online angeboten, bei denen jeder Klick in ein Feld gezählt wird. All das nur, um am Ende des Monats als Klick-Sieger bei der IVW-Online-Auswertung auf dem Treppchen zu stehen. Beliebt auch: Verschiedene Angebote werden zusammengefasst, obwohl sie rein inhaltlich gar nicht zusammen gehören. Jüngstes Beispiel: N24.de zählte einfach die Klicks der Frage-Antwort-Community wer-weiss-was.de mit. Beide Angebote gehören zur ProSiebenSat.1 Media AG und weil N24.de die Wer-weiss-was-Seiten auch ordentlich ausweist ist das Ganze sogar konform mit den IVW-Regeln.

Beispiel Nummer 3: Medien vermischen PR und redaktionelle Inhalte

Oft sind Einflussnahmen von PR oder wirtschaftlichen Interessen bei Medien eher subtil und nicht nachweisbar. Manchmal findet PR aber auch sehr plump ihren Weg in die redaktionellen Teile vor allem der Online-Angebote. Ein herausragendes Beispiel, das schon etwas zurückliegt, war die unglaubliche Bilder-Strecke von „RP Online“ über eine neue Bierflasche. Auch Marktführer Spiegel Online macht sich hier und da PR-verdächtig. In der Begeisterung für klicksteigernde Bilder-Galerien werden auch schon mal reihenweise einfach die PR-Fotos der Miss Ifa aneinandergehängt und veröffentlicht.

Beispiel Nummer 4: Medien übernehmen ungeprüft Inhalte

Der Zeitdruck in Online-Redaktionen und bei Zeitungen ist groß, trotzdem lässt sich mancher Lapsus aber nur schwer erklären. Zum Beispiel, wie es geschehen konnte, dass ein falscher Text, der von der dpa zur Geschichte „Frank Schirrmacher erhält Ludwig-Börne-Preis“ von mindestens 13 Qualitätsmedien gleich falsch veröffentlicht wurde. U.a. Zeit Online und stern.de brachten unter der Überschrift „Frank Schirrmacher erhält Ludwig-Börne-Preis“ einen Text zur US-Soulsängerin Beyoncé und ihren neuen Film. Ganz offenbar hatten Online-Redakteure im Dutzend den Text, den sie da veröffentlichten, noch nicht einmal flüchtig angeschaut. Oder fließen dpa-Inhalte ungefiltert in die Web-Agebote der Qualitätsmedien ein?

Beispiel Nummer 5: Medien verfälschen und übergeigen

Die „Financial Times Deutschland“ landete einen Scoop modernen Zuschnitts mit der Meldung, dass die OSZE Wahlbeobachter zur kommenden Bundestagswahl entsendet. Was eigentlich ein eher unspektakulärer Vorgang ist, wurde von der „FTD“ in Beziehung zum aktuellen Zulassungsverbot für einige Klein-Parteien gesetzt. Nach dem Motto: Da haben die Beobachter ja jetzt ein Thema. Die Meldung wurde vorab verbreitet und sofort von Agenturen und Medien aufgenommen, weiter- und überdreht. Nun wurde es so dargestellt, als habe das Zulassungsverbot für den Satire-Verein „Die Partei“ oder Gabriele Paulis „Freie Union“, die Wahlbeobachter erst auf den Plan gerufen. Ein völlig verdrehter Ansatz, der im nachrichtenarmen Sommerloch dankbar aufgenommen und gar nicht erst hinterfragt wurde.

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