Der Beißreflex der Medien

Das Video-Projekt "Deutschland 24/30" der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) darf als PR-Schuss gelten, der nach hinten los ging. Dabei reisen drei Reporter durch Deutschland und machen Video-Tagebücher. Vorher wurden Interviews mit Promis sowie Kooperationen mit TV-Stationen und Print-Medien in Aussicht gestellt wurden. Nun entrüsten sich die Medien über die Avancen der INSM. "Neon"-Chef Timm Klotzek hat eine Unterlassungserklärung geschickt, der NDR hat sich wortreich beschwert.

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Die INSM wird nämlich u.a. von Arbeitgeberverbänden finanziert und gilt als geschickt operierende und einflussreiche Interessensvertretung des Großkapitals. Nun hat die Initiative in der Vergangenheit vielleicht ein wenig zu geschmeidig funktioniert, so dass bei vielen Medien mittlerweile eine Art Beißreflex zu beobachten ist. Sobald das Stichwort INSM auftaucht, wird zugeschnappt. Man kann sich damit so herrlich als unabhängig profilieren. Eigentlich könnte man die Idee, drei Reporter mit Videoteams einen Monat durch Deutschland zu schicken und kleine Filme über die Realitäten der Sozialen Marktwirtschaft zu drehen, ja für eine gute halten.

Die drei mehr oder weniger jungen Leute (der Mann im Trio ist 41, sieht aber noch jungspundhaft aus) wirken sympathisch und machen ihre Sache nach Ansicht der ersten drei Videos gut. Da wird eine Behindertenwerkstatt in Bayern besucht oder eine ehemalige Millionärin porträtiert, die abstürzte und sich aus eigener Kraft eine neue Existenz aufgebaut hat. Man hat schon weitaus Schlechteres gesehen, auch in deutschen Qualitäts-Medien. Wäre alles wunderbar, wenn das ganze Projekt eben nicht von dem zweifelhaften Absender INSM kommen würde. Der Verband LobbyControl und die Vereinigung freier Journalisten, Freischreiber, kritisieren die INSM und ihr Projekt: „Mit einem Jahresetat von etwa zehn Millionen Euro versucht sie, ein neoliberales Wirtschaftsklima zu schaffen: flexibler Arbeitsmarkt, weniger Staat, mehr Eigenverantwortung. Das Projekt Deutschland 24/30″, für das insgesamt drei Journalisten gesucht wurden, ist eine Art Roadshow des Wirtschaftswandels.“

Dass das Projekt nicht frei von Interessen ist, ist klar. Aber wenigstens sind die Interessen klar erkennbar, also transparent. Zahlreiche Veröffentlichungen in vermeintlich unabhängigen Medien mögen auch auf wirtschaftliche Interessen (Anzeigenkunden!), Einflussnahmen von Lobby-Gruppen oder PR-Strategen zurückgehen – der Leser/Zuschauer/Zuhörer merkt es in den seltensten Fällen. Der große Patzer der INSM war es, diesen Werbebrief im Vorfeld der Aktion an Journalisten-Schulen und -Gruppen zu verschicken. In dem Brief wurde tatsächlich der Eindruck erweckt, dass bei dem Projekt „Deutschland 24/30“ Größen aus Politik (Angela Merkel), Wirtschaft (Josef Ackermann) und Kultur (Günther Grass) befragt werden könnten, und dass eine Kooperation mit bekannten TV-Sendungen („Anne Will“) und bedeutenden Printmedien („Neon“, Tageszeitungen) anstehen könnte.

Das Ergebnis: Namentlich genannte Medien wie der NDR und „Neon“ haben sich sofort gegen die Avancen der INSM verwahrt. Die Promis haben abgewunken – sogar Deutschbanker und Großkapitalist Ackermann. Die INSM hat den Fehler bemerkt und sofort eingelenkt. Dem NDR liegt wurde mittlerweile anwaltlich erklärt, dass nicht mehr behauptet wird, ARD-Sendungen würden über die Kampagne berichten. Eine Art vorauseilende Unterlassungserklärung. Somit ist davon auszugehen, dass die „INSM“ auch die Unterlassungsaufforderung von „Neon“-Macher Klotzek abgeben wird. Der Werbebrief sei ein „internes Arbeitpapier mit ersten Vorüberlegungen, wen man ansprechen könnte“, sagt INSM-Mitarbeiter Ronald Voigt gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Man wollte wohl die jungen Leute halt mit ein paar großen Namen ködern. Nicht geschickt aber nun auch nicht extrem verwerflich.

Die böse Kampagne für ungebremsten Turbo-Kapitalismus, die nun mancherorts unterstellt wird, kann man in den bisher gezeigten Videos auf der Website des Projekts aber beim besten Willen nicht erkennen. Die INSM war angetreten, das Image der Marktwirtschaft zu verbessern. Mittlerweile müsste der Verband dringend was fürs eigene Image tun.

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