„Die Unzufriedenheit kanalisieren“

Thomas Knüwer ist Blogger und Redakteur beim "Handelsblatt". In seinem Blog setzte sich Knüwer jüngst kritisch mit dem DJV auseinander. Der Verband forderte eine "konzertierte Aktion" der Verlage gegen Google. Knüwer kündigte daraufhin seinen Austritt aus dem Verband an und arbeitet nun mit anderen an einer neuen Interessensvertretung. Erster Schritt soll eine Art Manifest werden, das einen Gegenentwurf zu der "Hamburger Erklärung" verschiedener Verlage darstellt. MEEDIA sprach mit ihm über seine Pläne.

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Sie haben in Ihrem Weblog angekündigt, aus dem DJV auszutreten. Am Ende deuten Sie an, eine eigene, wie auch immer geartete Interessensvertretung ins Leben rufen zu wollen. Was hat es damit auf sich?

Der DJV hat sich in diese anhaltende Debatte um ein Leistungsschutzrecht für Verlage eingeschaltet und zu einer „konzertierten Aktion gegen Google“ aufgerufen. Dieses geforderte Leistungsschutzrecht ist a) marktwirtschaftlicher Unsinn, b) kaum durchsetzbar und c) saugt die Diskussion darüber geistige Kapazitäten ab von der wichtigeren Frage, wie wir unser Mediengeschäft künftig finanzieren wollen. Je länger diese Debatte dauert, desto mehr spüre ich Ärger aufsteigen, bei mir selbst und bei Anderen. Ich habe mir überlegt, man müsste diesen ganzen Erklärungen, der „Hamburger Erklärung“, der „Heidelberger Erklärung“, mal etwas entgegensetzen. Derzeit unterschreiben Geschäftsführer und Chefredakteure ja alles, was schon andere unterschrieben haben. Das hat mich schon überlegen lassen, in den Gebrauchtwagenhandel einzusteigen. Aber die Stoßrichtung dieser Erklärungen ist immer die gleiche: Es geht gegen das böse, böse Google. Ich bin ein überzeugter Freund der Marktwirtschaft und das geht mir komplett gegen den Strich.

Haben sie dem DJV ihre Kündigung schon geschickt?

Ja, heute morgen. Wenn man einen Brief verschicken will, merkt man erstmal, wie wenige Briefkästen es mittlerweile gibt.

Gab es eine Reaktion des DJV?

Nicht offiziell. Es gibt einen Artikel in einem Blog des DJV, das sich an freie Journalisten richtet, der sich indirekt auf meinen Beitrag bezieht.

In dem Artikel, den sie ansprechen, steht etwas von dem „vorhersehbaren Handelsblatt-Blog“. Damit sind sie gemeint.

Es ist doch schön, wenn jemand in diesen turbulenten Zeiten eine gewisse Kontinuität ausstrahlt.

Sie haben dazu aufgerufen, Ideen und Anregungen für ein Thesen-Papier an die Mail-Adresse waskommt@gmail.com zu schicken. Kam schon was?

Oh ja. Recht schnell nach dem Aufruf waren bereits rund ein Dutzend Mails da. Jetzt kommen kontinuierlich weitere. Ich sammle das und melde mich kurz bei jedem. Was weiter passiert, werden die kommenden Tage zeigen.

Wollen Sie einen Piraten-DJV gründen?

Wenn ich das jetzt sage, dann heißt es ja sofort: „der will!“ Im Ernst: Ich habe keine Ahnung, wohin das alles führen wird. Es gibt aber eine ganze Menge Menschen, auch in Verlagen, die das Internet positiv sehen. Und die sind unzufrieden, wie die aktuelle Diskussion von Verlagen und Verbänden geführt wird. Diese Unzufriedenheit manifestiert sich bisher in einzelnen Beiträgen in Weblogs. Ich würde gerne versuchen, diese Unzufriedenheit zu kanalisieren. Auch die erschreckende Inkompetenz der Politik in Sachen Internet lässt darauf schließen, dass ein wenig Interessensvertretung für das Internet von Nöten wäre.

Man hat den Eindruck, dass die Web-Welt und die Print-Welt immer stärker auseinanderdriften. Ist das so?

Ich höre aus anderen Redaktionen ganz stark, dass sich die Kluft zwischen Online und Print dort nicht schließt, sondern dass sie weiter aufgeht. Es gibt teilweise regelrechte Anfeindungen gegen Online-Redaktionen, die man eigentlich am liebsten raus hätte. Man will die Veränderungen einfach nicht wahrhaben. Das ist ungefähr so, als würde man mit dem Auto auf eine Wand zufahren, die Augen zumachen und sagen „Wird schon gutgehen.“

Wenn Sie jetzt so eine Interessensvertretung oder ein Manifest Pro-Internet anstoßen – macht das den Graben zwischen Print und Online nicht noch tiefer?

Das ist durchaus eine Frage, die ich mir auch stelle. Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass wir schlicht keine Zeit haben, weiter dieses „Lasst uns doch aufeinander zugehen“ zu praktizieren. Denn in den vergangenen zehn Jahren – und so lange reden wir über das Thema – hat es erschreckend wenig bewirkt. Meine Prognose ist, dass das Zeitungssterben der USA Ende 2010 oder Anfang 2011 Deutschland erreicht. Ich fürchte, dass die erhoffte Sonderkonjunktur während der Fußball-WM nicht stattfinden wird. Wir haben jetzt zwei Jahre hintereinander erlebt, in denen sich das Anzeigenvolumen nach dem normalen Absturz von Dezember auf Januar nicht erholt hat. Ich glaube, das wird Anfang kommenden Jahres wieder passieren. Und dann sind wir bald soweit, dass auch Sparwellen nicht mehr helfen.

Sorgt ihr öffentliches Eintreten und Auftreten in Sachen Internet manchmal auch für Reibereien mit Print-Redaktionskollegen?

Das weniger. Es gibt aber bei uns intern durchaus Meinungsverschiedenheiten, was das Thema Internet betrifft. Das finde ich ehrlich gesagt aber auch gut.

Nachdem sich Hubert Burda erstmals für einen erweiterten Leistungsschutz für Verlage ausgesprochen hat, haben sie ihn sehr hart kritisiert, manche in der Branche sagten sogar: beleidigt. Würden sie ihre Kritik an Burda heute anders formulieren?

Nein, da stehe ich vollkommen dazu. Hubert Burda ist doch selbst ein Beispiel dafür, was falsch gelaufen ist und weiter falsch läuft: Sein Haus hat vor Jahren einen Dienst angekündigt hat, der Netguide hieß. Das sollte eine Suchmaschine und ein Webkatalog sein. Eine gute Idee. Aber da wurde das Fell des Bären in Hedgefonds-artiger Hypo-Real-Estate-Manier gleich noch 20 mal beliehen und bei jeder Beleihung gab es eine große Party und was ist daraus geworden: nichts. Oder das Beispiel Lycos von Bertelsmann. Das war eine starke Marke und eine funktionierende Suchmaschine. Was ist daraus geworden: eine Pleite. Da muss man als Verleger sagen: Okay, wir haben es nicht hinbekommen. Dann aber zu denjenigen zu gehen, die es hinbekommen haben, und zu sagen: „Jetzt wollen wir einen Anteil haben“ – das ist meiner Meinung nach eine kommunistisch anmutende Haltung. Das deckt sich nicht mit meinem persönlichen Verständnis von Marktwirtschaft.

Der bekannte Mediaplaner Thomas Koch ist gerade in die Piraten-Partei eingetreten. Wann tun sie es ihm gleich?

Das ist für mich nicht vorstellbar. Ich finde, Journalisten sollten nicht in Parteien eintreten. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht meine Berichterstattung beeinflussen würde. Da ist es völlig egal, ob das die Piraten-Partei ist oder eine andere.

Was sind die nächsten Schritte bei der geplanten Interessensvertretung bzw. dem Manifest?

Ich denke, es wird ein gemeinsam erstelltes Papier geben. Wenn wir etwas hinbekommen, das wir für vorzeigbar halten, werden wir damit sicher auch an die Öffentlichkeit gehen.

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