Anderson erklärt dem „Spiegel“ die Krise

Er ist der lustlose King unter den Nörglern. So präsentiert sich "Wired"-Chefredakteur Chris Anderson im aktuellen "Spiegel". Der Lösungsvorschlag des Web-Experten auf die aktuelle Medienkrise lautet: "Ich habe keinen". Es wäre auch seltsam, wenn Anderson ein Konzept liefern könnte. Das brächte ihn erst recht in Erklärungsnöte. Denn mit Anzeigenverlusten von über 40 Prozent, ist "Wired" noch härter getroffen als die meisten anderen US-Monatsmagazine. Trotzdem: Wenn Anderson spricht, lohnt das Zuhören.

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Er ist der lustlose King unter den Nörglern. So präsentiert sich „Wired“-Chefredakteur Chris Anderson im aktuellen „Spiegel“. Der Lösungsvorschlag des Web-Experten auf die aktuelle Medienkrise lautet: „Ich habe keinen“. Es wäre auch seltsam, wenn Anderson ein Konzept liefern könnte. Das brächte ihn erst recht in Erklärungsnöte. Denn mit Anzeigenverlusten von über 40 Prozent, ist „Wired“ noch härter getroffen als die meisten anderen US-Monatsmagazine. Trotzdem: Wenn Anderson spricht, lohnt das Zuhören.

Bereits die erste Antwort des Autoren („the long Tail“, „Free“) und Journalisten zeigte die Attitüde, mit der er an das Interview ran ging. Der „Spiegel“ fragte: „Mr. Anderson, lassen Sie uns über die Zukunft des Journalismus sprechen!“ Der Chefredakteur antwortet: „Das wird jetzt ein nerviges Interview – denn das Wort Journalismus benutze ich nicht.“ Weitere No-Go-Begriffe für den „Wired“-Macher sind „Nachrichten“ und „Medien“. „All diese Wörter haben doch längst ihre Bedeutung verloren. Sie definierten das Verlagsgeschäft im 20. Jahrhundert. Heute sind sie nur eine Bürde. Sie stehen uns im Weg wie eine Kutsche ohne Pferd.“

Anderson glaubt, dass sich die Mediennutzung gerade grundlegend ändert. So hält er selbst nicht mehr aktiv Ausschau nach Nachrichten. Denn die News finden ihn. Ob via E-Mail, Twitter oder RSS-Feeds. Für Anderson ist es kein Widerspruch trotzdem bestens informiert zu sein: „Ich lese viele Artikel aus den Massenmedien, nur auf deren Webseiten gehe ich nicht. Ihre Storys landen irgendwie auf meinem Bildschirm. Und genau das ist heute ziemlich weit verbreitet. Mehr und mehr Leute benutzen für ihren Nachrichtenkonsum soziale statt professionelle Filter.“

Anderson sieht eines der grundsätzlichen Probleme darin, dass die traditionelle Art, „in der Journalisten Artikel für Magazine verfassen, nicht mehr zählt“. Denn die gelernten Reporter und Redakteure sind heute in der Minderheit. Sie haben ihr Monopol verloren. Die Arbeit der Amateur-Schreiber ist mittlerweile genauso nützlich, wie die der News-Profis. „Es wird uns ein, zwei Jahrzehnte kosten herauszufinden, wie es mit uns weitergeht.“

Der Chefredakteur glaubt, dass Aufmerksamkeit mittlerweile der wichtigste Rohstoff ist. Nur wer sich mit Hilfe von Aufmerksamkeit einen guten Ruf erarbeitet, wird sein Angebot auch kommerzialisieren könne. Jedoch hält Anderson Geld nicht mehr für den wichtigsten Faktor: „Aufmerksamkeit und Reputation bilden zwei nichtmonetäre Wirtschaftssysteme. Die meisten Menschen schreiben online umsonst, denen geht es nicht um Geld, sondern um Anerkennung und Spaß.“

Eine Lösung für die aktuellen Medien-Herausforderungen liefert Anderson nicht: „Das Geschäftsmodell des 21. Jahrhunderts wird anders aussehen als das des 20. Jahrhunderts. Vielleicht ist unser Business nicht mehr das Verkaufen von Anzeigen. Vielleicht geht es um das Bilden von Online-Communitys.“ Der US-Amerikaner hält es für wahrscheinlicher, dass die Verlage mit Veranstaltungen und Events ihr Geld verdienen. „Ganz ähnlich wie in der Musik, wo vielleicht die alten Plattenlabels untergehen, während Apple mit seinen iPods und iPhones Erfolge feiert.“

Anderson versteht sich bestens auf die Technik der meisten US-Web-Experten: Brilliant in der Analyse, aber ohne praktikable Lösungskonzepte. Aber vielleicht ist es wirklich noch zu früh, um seriöse Antworten auf die Medienkrise zu geben.

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