Leistungsschutz ist keine Einbahnstraße

Leistungsschutz – was für ein schreckliches Wort. Und doch ist es derzeit in aller Munde. Verleger und VDZ-Präsi Hubert Burda, der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, alle wollen Leistungsschutz. Burda sprach sogar von einer „schleichenden Enteignung“ der Verlage durch Google. Noch einmal ganz kurz und knapp erklärt, was dahintersteckt: 1. Verlage sind sauer, dass ihre Auflagen und […]

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Leistungsschutz – was für ein schreckliches Wort. Und doch ist es derzeit in aller Munde. Verleger und VDZ-Präsi Hubert Burda, der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, alle wollen Leistungsschutz. Burda sprach sogar von einer „schleichenden Enteignung“ der Verlage durch Google. Noch einmal ganz kurz und knapp erklärt, was dahintersteckt:

1. Verlage sind sauer, dass ihre Auflagen und Anzeigenerlöse zurückgehen. Gleichzeitig sehen sie, dass Google mitten in der Krise dick Geld mit Textanzeigen online verdient. Sowas hätten die Verlage auch gerne. Leider war von ihnen niemand auf die Idee gekommen oder hätte das umsetzen können.

2. Google hat dieses Angebot Google News, bei dem kurze Anreißer und Überschriften von Online-Nachrichtenangeboten, u.a. von Verlagen, verlinkt werden. Die Verlage bezeichnen das als „Klauen“ von Inhalten.

3. Weil Google so viel Geld damit verdient, indem es das Web katalogisiert und durchsucht, haben sich die Verlage folgende verquere Logik ausgedacht: Ohne die ganzen tollen Inhalte der Verlage hätte Google auch nicht mehr zum durchsuchen und könnte kein Geld mehr verdienen.

Schlussfolgerung: Die Verlage wollen Geld von Google. Einen „faire Anteil“, nennen die Verlage das. Die Forderung der Verlage ist aus vielerlei Gründen absurd, was auch an zahlreichen Stellen im Web bereits diskutiert wurde. Zum Beispiel von Thomas Knüwer hier. Es gibt aber noch eine Reihe von weiteren Gründen, warum diese Forderung nach Leistungsschutzrecht widersinnig ist:

1. Google News wird, zumindest in Deutschland nicht vermarktet. Die News-Seite von Google enthält hierzulande gar keine Anzeigen. In den USA hat Google auf seiner News Seite zwar bereits mit Anzeigen experimentiert, zumindest derzeit sind dort aber auch keine zu sehen. Google verdient mit den angeblich „geklauten“ Inhalten der Verleger also gar kein Geld.

2. Auf eine sehr abstrakte Art und Weise haben die Verleger zwar Recht – ohne Inhalte hätte Google nix zu indizieren und würde kein Geld verdienen. Google braucht also die Anbieter von Inhalten genauso, wie diese Google (oder eine andere Suchmaschine) brauchen. Es besteht eine wechselseitige Abhängigkeit. Aber Verlage sind nicht die einzigen Inhalte-Anbieter. Weblogs, Nachrichtenagenturen, Websites von TV-Sendern könnten werden genauso von Google katalogisiert. Und Google operiert weltweit. Würden sich deutsche Verleger nun zusammentun und in einer gemeinsamen Aktion Seite an Seite Google boykottieren, wäre das in erster Linie für zwei Parteien doof: für die deutschen Verleger, deren Web-Reichweiten plötzlich radikal wegbrechen würden. Und für deutsche Internet-Nutzer, die weniger Inhalte via Google finden. Google selbst dürfte den Ausfall zwar nicht willkommen heißen, aber aufgrund des des Übermaßes an Inhalten verschmerzen können. Mal ganz abgesehen davon, dass ein solches solidarisches Vorgehen unter den Verlagen reichlich utopisch erscheint.

3. Was wäre wenn die Forderung nach Leistungsschutz ernst genommen würde? Dann müssten sich auch die Verlage selbst daran halten. Was ist eigentlich mit den ganzen Twitter-Fotos, die derzeit gerne in der People-Presse abgedruckt werden? Müsste die von Hubert Burda verlegte „Bunte“ nicht fragen, ob sie ein TwitPic-Foto vom Hausschwein Erika des Rappers Thomas D. zeigen darf? Und müsste der Burda Verlag dann nicht eventuell Thomas D. Lizenzgebühr für das Foto zahlen? Und müsste Burda dann Twitter nicht auch „fair“ an den Umsätzen beteiligen, die „Bunte“ mit der Verbreitung solcher Inhalte macht?

Wie sieht es aus, wenn People-Magazine Einträge in Artikel-Länge aus sozialen Netzwerken abschreiben und ungefragt abdrucken? So geschehen zum Beispiel mit dem MySpace-Eintrag, den Lisa Marie-Presley nach dem Tod ihre Ex-Mannes Michael Jackson schrieb. Die Urheberrechte daran gehören ja wohl Frau Presley und die Leistungsschutzrechte für die Verbreitung müssten dann ja MySpace gehören.

Jaaa, jetzt kann man ja argumentieren, das ist ja auch alles PR und die Presley hat das öffentlich gepostet und in Kauf genommen, dass das verbreitet wird. Aber wo ist denn da der Unterschied zu dem was Google News macht? Google News nimmt nur kurze Anreißer und Überschriften und leitet gleich brav weiter zur Original-Quelle. Thomas Knüwer weist in seinem Blog zudem berechtigt darauf hin, dass sich die Zeitschriftenverlage mit Vehemenz dagegen wehren, dass sie für die Veröffentlichung von Programminformationen der TV-Sender in elektronischen Programmführern (EPGs) künftig eine Gebühr zahlen sollen. Solche Programm-Infos sind auch Inhalte. Warum sollten die Programmzeitschriften-Verlage diese von anderen erstellten und verbreiteten Inhalte gratis nutzen dürfen und damit Gewinne erzielen – warum wehren sich die Verlage dagegen, die TV-Sender „fair“ an den Gewinnen zu beteiligen, die mit deren Inhalten erzielen? Weil, so die Argumentation des VDZ, die Programm-Infos ja PR für die Sender sind.

Ohne die Programm-Infos würden die Zuschauer ja gar nicht die Sendungen finden, die sie sehen wollen. Man könnte auch sagen: Die Programmzeitschriften führen den Sendern Zuschauer zu. Kommt eine das irgendwie bekannt vor? Leistungsschutz ist keine Einbahnstraße.


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