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„New York Times“ sondiert Web-Abo

Es gibt Anzeichen, dass die "New York Times" ihre Website oder Teile davon künftig nur noch gegen Bezahlung zur Verfügung stellt. Der Verlag der "Times" hat Print-Abonnenten gefragt, ob fünf Dollar pro Monat für die Nutzung der Website angemessen wären. Zur Debatte steht auch ein Modell, bei dem Print-Abonnenten nur 2,50 Dollar pro Monat für das Web-Angebot zahlen müssten. Vorbild der Pläne ist offenbar das erfolgreiche Bezahl-Modell des "Times"-Konkurrenten "Wall Street Journal".

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Die Argumente für und gegen Bezahl-Modelle sind bekannt. Web-Vordenker wie Jeff Jarvis propagieren stets, dass die höhere Reichweite und die damit potenziell zu erzielenden Werbe-Erlöse für eine komplett frei zugänglichen Website viel vorteilhafter sind als beschränkte Erlöse aus Web-Abos. Sollte ein Nachrichten-Angebot wie die „New York Times“ also die „Bezahl-Schranke“ runterlassen, würde ihre Website und damit die Medienmarke an Relevanz und letztlich auch an Umsatz verlieren.

Die Befürworter von Bezahl-Inhalten, meistens Leute aus dem Verlags-Umfeld, haben ebenfalls gute Argumente. Teure Inhalte haben einen Wert, der bezahlt werden muss, argumentieren sie. Indem man die Inhalte im Web verschenkt, werden sie entwertet. Mit dem Einführen einer „Bezahl-Schranke“ werden zwar die Reichweiten möglicherweise drastisch reduziert, aber die Zielgruppe wird gleichzeitig geschärft. Für Anzeigen-Kunde wären die Leser, die für die Inhalte der „New York Times“ tatsächlich zahlen womöglich sogar die wertvollere Zielgruppe. Man könnte also mit einem Bezahlmodell vielleicht mehr Premium-Werbung verkaufen. Außerdem würden womöglich weniger Leute ihr Print-Abo kündigen, weil sie nun im Web ja auch zahlen müssten.

Das große Vorbild für alle, die in Zeiten der Werbe-Flaute nach Bezahl-Inhalten lechzen, ist das „Wall Street Journal“. Die Website der US-Wirtschaftszeitung nutzt höchst erfolgreich ein Hybrid-Modell. Inhalte und Nachrichten, die überall verfügbar sind, sind auch auf der Website des „Journal“ frei zugänglich. Exklusive Inhalte gibt es nur für Abonnenten. Gratis sind in solchen Fällen nur kurze Anreißer-Texte. Welcher Text frei zugänglich ist und welcher nur für Abonnenten, wird von Fall zu Fall entschieden. Als Rupert Murdoch mit seiner News Corp. das „Wall Street Journal“ übernahm, kündigte er zunächst vollmundig an, das Abo-Modell zu Gunsten von höheren Werbe-Erlösen zu kippen. Ganz im Sinne der Link-Ökonomie des Google-Zeitalters.

Als er sich tiefer in die Bilanzen des „Journal“ eingearbeitet hatte, wurde der Plan schnell ad acta gelegt. Offenbar funktioniert das zweigleisige Abo-Modell des „Journal“ einfach zu gut, um darauf zu verzichten. Und in der aktuellen Anzeigen-Krise ist eine Abkehr vom Bezahl-Modell beim „Journal“ ohnehin kein Thema mehr. Auch die „New York Times“ war einst kostenpflichtig mit dem Online-Angebot „Times Select“. Anders als beim „Wall Street Journal“ entschied man sich dort aber für eine totale Öffnung. Ein Schritt, der heute bitter bereut wird. Denn umso schwerer ist es nun für die „Times“, das Rad zurückzudrehen und erneut Geld für Online-Texte zu verlangen.

Um für Online-Inhalte Geld zu verlangen, müssen diese möglichst exklusiv sein. Dies trifft sicherlich auf beide Publikationen, „Wall Street Journal“ und „New York Times“, zu. Der Vorteil des „Journal“ ist allerdings, dass das Bezahl-Modell hier durchgezogen wurde, selbst als alle Welt spottete und Online-Werbung als die einzig gewinnversprechende Methode pries. Die Nutzer des „Wall Street Journal“ im Web haben sich über Jahre an das Abo-Modell gewöhnt. Die große Frage für die „New York Times“ lautet: Würden sich ihre Nutzer erneut daran gewöhnen, für Online zu zahlen, und wenn ja, wie schnell? Die wirklich gültige Antwort darauf kann nur die Praxis geben. Vieles spricht dafür, dass die „New York Times“ demnächst diesen Praxis-Test angeht. Sie braucht das Geld.

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