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Abhör-Skandal: 3000 Klagen gegen Murdoch?

Die "Guardian"-Enthüllungen über tausende gehackte Handys von Prominenten halten England in Atem. Die Affäre um abgehörte Mobiltelefone beim Murdoch-Sonntagsblatt "News of the World" ("NoW") entfaltet sich auf drei Ebenen: Politik und Justiz leiten Untersuchungen ein, Juristen prüfen Klagemöglichkeiten für Abhör-Opfer, und die britischen Konservativen fürchten um ihre Chancen bei den kommenden Unterhauswahlen. Denn der verantwortliche "NoW"-Chef arbeitet jetzt für die "Tories".

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Mit Andy Coulson, bis 2007 Chefredakteur von „NoW“, steht nicht nur der Kommunikationsdirektor der britischen Konservativen im Zwielicht. Coulson gilt als Insider und strategischer Kopf der Tory-Kampagne zur Ablösung der Labour-Regierung. Parteichef David Cameron stellte sich mit einer etwas zweischneidigen Begründung hinter seinen Sprecher: „Ich bin immer dafür, Menschen eine zweite Chance zu geben.“
Coulson war 2007 als Chefredakteur zurückgetreten, nachdem der „NoW“-Redakteur Clive Goodmann zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden war, weil er die Telefone von drei Mitarbeitern der königlichen Familie abhören ließ. Coulson bestand damals wie heute darauf, zwar die Verantwortung übernommen, aber nichts von den Vorgängen gewusst zu haben. Vertreter der News Group, dem englischen Zweig von Murdochs Weltkonzern News Corp., versicherten bei den folgenden Untersuchungen, Goodmann sei ein bedauerlicher Einzelfall.
Diese Behauptung hat der „Guardian“ mit seinen Enthüllungen von Donnerstag massiv in Zweifel gezogen: Nach ungenannten Quellen von Scotland Yard hätten die Ermittler Hinweise auf „zwei- bis dreitausend“ abgehörter Telefone gefunden. Zu den prominenten Opfer sollen zum Beispiel Gwyneth Paltrow, Model Elle Macpherson, aber auch der ehemalige Vize-Premier John Prescott gehört haben. Sprecher der News Group verweigerten gestern Auskunft zum Vorwurf des „Guardian“, man habe bereits mehr als eine Million Pfund zur Abwendung von peinlichen Prozessen an drei Fußball-Funktionäre gezahlt. In der Freitags-Ausgabe legt der „Guardian“ nach: Hoch bezahlte Privatdetektive, die Voicemail-Accounts hacken und vertrauliche Informationen kauften, seien im „NoW“-Newsroom flächendeckend zum Einsatz gekommen. Spektakuläre Enthüllungen – etwa über Affären von David Beckham – seien so ermöglicht worden. 
Die Londoner Polizei eröffnete gestern ein neues Ermittlungsverfahren, das der stellvertretende Polizeichef John Yates aber nach wenigen Stunden schon für beendet erklärte: Die „Guardian“-Berichte enthielten keine neuen Informationen. Die Metropolitan Police war von der Zeitung ebenfalls angegriffen worden, weil sie Hinweise nicht weiter verfolgt habe. Unabhängig davon wird wahrscheinlich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss weiter ermitteln.
Firmen-Patriarch Rupert Murdoch erklärte gestern in Kalifornien, von alldem überrascht zu sein. Wenn es zu Schweigegeld-Zahlungen gekommen wäre, „dann würde ich davon wissen“. Die Organe von News Corp. in aller Welt, darunter Institutionen wie die „Times“ in London und das „Wall Street Journal“ in New York, hangelten sich in mitunter bemitleidenswerten Drahtseilakten am Coulson-Aspekt der Affäre entlang und versuchten, die massiven Vorwürfe gegen die Spitze der britischen Abteilung auszublenden.
 Das wird den Murdoch-Blättern wahrscheinlich bald leichter fallen, wenn die Methoden der gesamten Branche ins Blickfeld geraten. Die seit jeher gefürchteten englischen „Tabloids“ waren immer wieder Gegenstand von Untersuchungen, zum Beispiel des „Information Commissioner’s Office“ (ICO), einer vom Justizministerium eingesetzten Institution, die Datenschutz und Informationsfreiheit kontrolliert. Das ICO verwies gestern auf eine Serie von Berichten zur sogenannten „Operation Motorman“ aus dem Jahr 2006: Gemäß dieser – teilweise verdeckten – Untersuchung hatten 305 Journalisten von 32 Zeitungen und Magazinen auf illegalem Weg vertrauliche Informationen erworben. Auf der Liste stehen natürlich nicht nur Murdoch-Publikationen, sondern auch die Boulevard-Rivalen von „Daily Mail“ und „Daily Mirror“.
 Die Affäre hält jedenfalls die britische Öffentlichkeit nach den Aufregungen um Spesen-Gepflogenheiten und anderweitige Raffgier von Parlamentariern und BBC-Größen weiter in Alarmstimmung. Für den ehemaligen „Sunday Times“-Chefredakteur Andrew Neil ist es sogar das wichtigste Thema, weil es „systemische Bräuche“ der Boulevardpresse offen lege: „Die Redaktion der ‚News of the World‘ ist völlig außer Kontrolle geraten.“ Der Einsatz von Privatdetektiven und kriminellen Methoden sei bei „Tabloids“ generell weit verbreitet. Der abtrünnige Murdoch-Mitarbeiter Neil malte dem Konzern im „Telegraph“ ein düsteres Szenario: Was, wenn die zwei- bis dreitausend Betroffenen eine Sammelklage nach amerikanischem Muster in die Wege leiteten?
Das, so spekulieren die nicht zu Murdoch gehörenden britischen Zeitungen, könnte sogar den viertgrößten Medienkonzern der Welt in die Knie zwingen.

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