Ulrike Zeitlinger: „Ich kann gar nicht nähen“

In diesem Jahr erlebt das Lebenswerk von Aenne Burda eine überraschende Renaissance. Aus "Burda Moden" wird "Burda Style". Mit Dagmar Bily kam eine neue Chefredakteurin, es gibt einen umfassenden Relaunch, das erste Heft mit neuem Namen liegt am 24. Juli am Kiosk. Und im Herbst soll es auch einen komplett neuen Online-Auftritt geben. MEEDIA sprach mit "Burda Style" Redaktionsdirektorin und "Freundin"-Chefin Ulrike Zeitlinger übers Nähen, Blattmachen und die Führungskräfte-Flut in der Style Group.

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Sind Frauenzeitschriften Krisengewinner?

Sagen wir so: Wir sehen auch in der Krise die Chancen, die sich bieten.  Und „Freundin“ gehört auf jeden Fall zu den Heften, die in Zeiten wie diesen sehr nachgefragt sind. Das hat damit zu tun, dass wir konzeptionell sehr nah am Leben der Leserin sind und dass wir guten Journalismus mit viel Nutzwert bieten. Wir sind eine Zeitschrift, die die Frauen durch den Alltag begleitet.

In der Auflage schlägt sich das nicht unbedingt nieder, dass „Freundin“ sehr nachgefragt ist. Immerhin setzen Sie mit sonstigen Verkäufen und Bordauflage mittlerweile fast so viel ab wie am Kiosk. Der Einzelverkauf ist im Fünf-Jahres-Trend um fast 30 Prozent gesunken. Bereitet ihnen das keine Sorge?

In Zeiten wie diesen fünf Jahre zurückzublicken wird so gut wie jeden Chefredakteur großer Print-Marken akut depressiv machen – das waren damals Auflagengrößen, die wird es so nie wieder geben können. Ich schaue aufs Vorjahr, schaue mir  den Gesamtmarkt an und vor allem die Mitbewerber. Und da stehen wir sehr gut da. Die wirklich harte Währung ist ohnehin die unmittelbare Kioskauflage. Und die bietet überhaupt keinen Grund zur Sorge.
Wie hat sich ihre Arbeit denn verändert, sei Sie Redaktionsdirektorin vom Freundin Verlag und vom Aenne Burda Verlag geworden sind?

Ich darf neben „Freundin“ und „Wellfit“ eine weitere wunderbare Marke mitbetreuen, nämlich „Burda Style“.

Warum wurde der alte Markenname „Burda Moden“ in „Burda Style“ geändert?

Wir haben das Heft konsequent überarbeitet und modernisiert. Wir haben quasi die von Aenne Burda vor 60 Jahren erdachte Marken-DNA genommen und in die Jetzt-Zeit übersetzt.  Der eigentliche Markenname ist ja ohnehin „Burda“ . Wir waren der Auffassung, dass der Zusatz „Style“ sehr gut ausdrückt, dass das mehr ist als nur ein Heft, sondern auch eine eigene Fashion Brand.

Was ändert sich noch am Heft, außer dem Namen?

Das Format ist etwas kompakter, nicht mehr geheftet sondern gelumbeckt, das Papier ist besser, Layout und die Optik wurden überarbeitet, die Fotosprache wurde neu gestaltet. Es ist alles klarer, frischer, emotionaler inszeniert. Wir haben mit den Trends einen neuen Heft-Einstieg und machen mehr Step-by-Step-Geschichten gerade auch für Einsteigerinnen beim Selbernähen. Wir haben konsequent alles rausgeworfen, was nichts mit Mode und Selbermachen zu tun hat.

Wie ist die Arbeitsteilung zwischen ihnen und Dagmar Bily, der Chefredakteurin von „Burda Style“?

Frau Bily führt als Chefredakteurin das Tagesgeschäft, ist erster Ansprechpartner für die Redaktion. Da unser größter Heftteil, unser Herzstück, unsere Mode ist, liegt auch da ihr besonderer Augenmerk. Sie entwirft gemeinsam mit unseren Designern für jede Ausgabe so um die 50 neue Modelle. Wir haben quasi vor dem Heft eine ganze Modefirma vorgeschaltet. Erst danach geht das normale Heftmachen los. Deswegen ist es sehr wichtig, dass „Burda Style“ eine Chefredakteurin hat, die Mode gelernt hat. Dagmar Bily hat Mode-Design und Industrielle Fertigungstechnik studiert. Sie kann mit den Designern jede Schnittführung bis in die letzte Naht diskutieren, hat ein unfehlbares Gespür für Trends. Ich habe Blattmachen gelernt – das ist der Teil den ich beisteuere. Vor allem strategisch und konzeptionell.

Begreifen sie „Burda Style“ als reinrassig journalistisches Produkt oder ist das Heft nicht viel eher ein medialer Vertriebskanal für Schnittmuster?

„Burda Style“ ist beides. Es ist natürlich in erster Linie ein journalistisch gemachtes Heft mit tollen Modestrecken.. Es ist darüber hinaus aber auch eine Modemarke, weil wir unsere eigenen Sachen entwerfen. Es ist so gesehen vielleicht ein Special Interest Titel. „Burda Style“ ist die Zeitschrift für Frauen, die sich ganz speziell fürs Selbermachen und Selbernähen interessieren.

Wollen sie mit nach dem Relaunch auch neue Zielgruppen ansprechen?

Wir wünschen uns natürlich, dass noch mehr Frauen als bisher „Burda Style“ kaufen. Die vergangenen drei, vier Hefte haben wir schon mit dem neuen Konzept auf den Markt gebracht und die haben sich auch schon deutlich besser verkauft als vorher. Wir wissen also, dass wir mit dem neuen Konzept mehr Frauen ansprechen können.

Liegt Selbermachen und Selbernähen im Trend?

Absolut. Das hat damit zu tun, dass Frauen heute ihren Modestil ganz individuell ausdrücken wollen und nicht nur Ware von der Stange kaufen.

Gibt es da auch ein gewisses Bedürfnis nach Entschleunigung bei den Leserinnen? So wird ja auch gerne der Erfolg der Zeitschrift „Landlust“ erklärt.

Entschleunigung und Cocooning sind definitiv voll im Trend.  In Zeiten der Krise bleiben die Menschen lieber zuhause und besinnen sich auf alte Werte, Tugenden und eben auch auf Traditionstechniken. Ob das jetzt das Körbeflechten, Nähen oder  Stricken ist. Es liegt einfach eine wahnsinnige Befriedigung darin, Dinge selbst zu erschaffen.

Der Verkauf von Schnittmustern ist ein reinrassiges Paid-Content-Modell. Erlebt das Heft auch deshalb gerade so eine Aufmerksamkeit, weil Paid-Content in den Augen der Verleger so etwas wie eine Renaissance erlebt?

Das Heft ist vor allem stets deshalb im Fokus der Aufmerksamkeit, weil es das Lebenswerk von Aenne Burda ist und unserem Verleger natürlich sehr am Herzen liegt. Mit dem neuen Konzept wollen wir aber durchaus auch Anzeigen für „Burda Style“ haben. Ich denke, das wird sich positiv entwickeln.  Was „Burda Style“ natürlich auszeichnet ist, dass da mehr produziert wird als „nur“ journalistische Inhalte. Wir stellen diese Schnitte tatsächlich her und entwerfen echte Kleider. Wir haben im ersten Halbjahr weltweit etwas über eine Million und online in Deutschland um die 30.000 Schnitte verkauft. Etwa zehn Prozent der Schnitte, die in Deutschland verkauft werden, werden online verkauft. Da ist Luft nach oben, da ist Musik drin. Ich glaube fest, dass wir auch da zulegen werden.

Bisher gibt es zwei Schnittmuster-Onlineangebote aus dem Hause Burda: burdafashion.com ist die deutsche Website, burdastyle.com die us-amerikanische Schnittmuster-Community. Kann man davon ausgehen, dass beide Online-Marken nun zusammengeführt werden?

Davon dürfen sie ausgehen. Wir werden das natürlich zusammenführen. Das wird auch weiterhin sicherlich einen sehr starken Community-Charakter haben. Das neue gemeinsame Online-Angebot soll im Herbst fertig sein.

Bei der Burda Style Group, wozu sie mit ihren Titeln auch gehören, werden gerade alle Online-Redaktionen zusammengelegt. Wie können Sie als „Freundin“-Chefredakteurin eigentlich dafür sorgen, dass der Online-Auftritt Freundin.de, der künftig aus einer Gemeinschaftsredaktion kommt, noch etwas mit ihrem Heft zu tun hat?

Der neue Head of Brand der gemeinsamen Online-Redaktion ist Susanne Frank, die sich gezielt um die Marken kümmert, die Print-Konferenzen besucht und den Austausch mit den jeweiligen Chefredakteurinnen pflegt. So gesehen werden wir alle gut versorgt und betreut werden. Außerdem war sie vor kurzem noch Head of freundin.de – ich muss mich also wirklich nicht sorgen…

Gibt es nicht mittlerweile schon zu viele Köpfe in der Burda Style Group? Da sind die Chefredakteurinnen zwei Redaktionsdirektorinnen, eine Herausgeberin, und nun zwei Online-Heads, einen Geschäftsführer. Und es soll ja wohl auch noch ein Ober-Online-Chefredakteur dazu kommen. Gibt es da kein Kompetenz-Gerangel?

Wenn bei uns im Verlag eines ganz groß geschrieben wird, dann ist das Teamwork. Wir gehen da ganz stark alle gemeinsam Hand in Hand. Es gibt keine Kompetenzrangeleien. Ich finde also auch absolut richtig, dass es einen eigenen Online-Chefredakteur geben wird.

 Muss bei „Freundin“ gespart werden?

Wir wirtschaften bei „Freundin“ ohnehin sehr sparsam und haben in den vergangenen Jahren schon viel eingespart. Sparmaßnahmen beim Personal stehen jedenfalls nicht an.

Wie bringt sich Patricia Riekel als Herausgeberin der Style Group bei „Freundin“ und „Burda Style“ ein?

Frau Riekel ist die erfolgreichste Blattmacherin und Chefredakteurin in diesem Land. Jeder Input, den sie gibt, ist unendlich wertvoll.

Wann haben Sie selbst zuletzt genäht?

Heute Morgen einen Knopf an. Gilt das?

Wenn man beide Augen zudrückt…vielleicht.

Ganz ehrlich – ich kann nicht nähen. Deswegen ist es auch so wichtig, dass „Burda Style“ von Dagmar Bily geführt wird, die das wirklich beherrscht. Ich kann ein gutes Heft machen aber ich kann nichts fundiertes über einen Schnittmusterbogen sagen. Aber wir sprechen bei „Burda Style“ jetzt ja auch verstärkt Einsteigerinnen an – insofern gibt es für mich Hoffnung.

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