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Gutmenschen, Revoluzzer, „Spiegel“-Fechter

Bernd Kundrun hat seinen CEO-Job bei Gruner + Jahr an den Nagel gehängt und sprach diese Woche erstmals über sein neues Engagement bei dem Gutmenschen-Portal Betterplace.org. Die Vokabeln, die er dabei benutzt, sind freilich die alten geblieben. Was sonst noch auffiel: Die Axel Springer AG will die eigene Rolle während der 68er-Unruhen in einem - Schock - Tribunal geklärt wissen, Nadja Benaissa definiert ihr Verhältnis zu Persönlichkeitsrechten neu und Stefan Aust kämpft gegen seine Vergangenheit.

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Der ehemalige Gruner + Jahr Vorstandschef Bernd Kundrun grüßt jetzt neuerdings als der gute Herr aus Hamburg. Er engagiert sich für das Startup Betterplace.org, eine Art Online-Marktplatz für den guten Zweck. Kundrun hat Geld gespendet und Sinn gefunden. Diese Woche hat er erstmals ausführlich über sein neues Engagement gesprochen. Die Worte, die er bei seiner neuen Beschäftigung wählte, sind freilich die alten geblieben. Es gehe um „Shareholder Value in Form von Sinn, nicht von Geld“, teilte er mit. Er plant Medienkooperationen und einen Vermarktungs-Leitfaden. Ein BetterplaceLab soll neue Ideen voranbringen und die Website wird selbstredend mit neuesten Multimedia-Tools aufgemotzt. Medienmanager-Sprech wie aus dem Bilderbuch. Old habits die hard. Aber immerhin dient es diesmal der guten Sache.

Man kann es langsam nicht mehr hören: Axel Springer und die 68er. Jetzt lädt Springer-Chef Döpfner allen Ernstes zum „Tribunal“. Dort soll zwar niemand einen Kopf kürzer gemacht werden, doch es darf diskutiert werden, bis die Köpfe glühen. Die ehemaligen Leitfiguren der 68er-Proteste sollen im Oktober bei einem „Springer Tribunal“ in der Verlagszentrale über die Rolle der Springer-Blätter während der Studentenunruhen 68 sprechen. Die Idee zum „Springer Tribunal“ stammte ursprünglich von den Revoluzzern selbst. Damals sollte freilich die publizistische Macht des Springer-Konzerns diskutiert werden. Springer lädt zum Tribunal, Alt-68er Thomas Schmid führt die „Welt“. Die Zeiten ändern sich. Wichtig: Wer zum Tribunal pilgert – Hallo-Wach-Tabletten nicht vergessen!

Jetzt hat sie selbst geredet. No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa gab Günther Jauch in „stern TV“ ein ausführliches Interview, wobei auch ihre HIV-Infektion und der damit zusammenhängende Prozess thematisiert wurden. Wir erinnern uns: Vor wenigen Wochen noch verschickte der Anwalt der Sängerin Pressemitteilungen, in denen Medien darauf hingewiesen wurden, dass jede Berichterstattung über den Fall rechtswidrig sei. Der Anwalt erwirkte sogar eine einstweilige Verfügung gegen „Bild“, die von der Boulevard-Zeitung schlicht ignoriert wurde. Vergangene Woche schließlich ließen die Anwälte von Frau Benaissa einen Gerichtstermin wegen der einstweiligen Verfügung platzen. Laut Anwalt hatte das lediglich „strategische Gründe“. Dass Nadja Benaissa eine Woche später bei Günther Jauch sitzt und munter über ihr Intimleben Auskunft gibt, legt die Vermutung nahe, dass es keine weiteren Klagen wegen der Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte geben wird. Promotion für die für Sommer angekündigte neue „No Angels“-CD und Persönlichkeitsrechte wollen halt nicht so Recht zusammenpassen.

„Eigentlich treten wir ja beide gegen unsere eigene Vergangenheit an“, sagte Sabine Christiansen bei der Vorstellung des neuen Polit-Talk-Formats mit ihr und Stefan Aust, das von Sat.1 sonntags gegen „Anne Will“ programmiert wird. Christiansen moderierte die Vorgängersendung in der ARD, Aust selbst war auf dem Sendeplatz bei Sat.1 vor Jahren mit „Talk im Turm“. Man konnte den Spruch mit der Vergangenheit im Falle von Ex-„Spiegel“-Chef Aust aber auch anders lesen. So wurde diese Woche bekannt, dass Aust in Diensten der WAZ-Gruppe an neuen Zeitschriften-Konzepten tüftelt. Auch ein Wochenmagazin sei nicht ausgeschlossen, hieß es in Medienberichten. Wenn Männer allzu sehr gegen ihre Vergangenheit kämpfen, kommt dabei selten Gutes raus.

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