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„Blick“: Dauerkrise wg. Gratis-Konkurrenz

Die Schweizer Boulevard-Zeitung "Blick", gerne die "Bild" der Schweiz genannt, kommt nicht zur Ruhe. Bereichsleiter Thomas Passen wird abgelöst. Chefredakteur Bernhard Weissberg gibt seinen Posten ebenfalls auf, ohne dass ein Nachfolger benannt ist. Grund für die personellen Verwerfungen: Die "Blick" wird durch die Gratis-Konkurrenz zunehmend unter Druck gesetzt, ein radikaler Blatt-Relaunch gilt als misslungen, die Einführung eines Newsrooms sorgt für Unruhe in der Redaktion des Ringier-Objektes.

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Der „Blick“ ist mittlerweile ein Sorgenkind für den Schweizer Verleger Michael Ringier. Die frisch gemachte Gratis-Zeitung „20 Minuten“, die mittlerweile zum Schweizer Verlag Tamedia gehört, gilt als Erfolgsstory. Um „20 Minuten“ Paroli zu bieten, hat Ringier hat die eigene Gratis-Zeitung „Heute“ zu „Blick am Abend“ umgewandelt. Die abendliche Gratis-Ausgabe des „Blick“ wird im Lesermarkt ebenfalls gut angenommen, verdient aber kein Geld. Der normale „Blick“ wird nun zwischen den beiden Gratis-Produkten morgens und abends quasi aufgerieben.
Um den veränderten Lese-Gewohnheiten gerecht zu werden, hat Ringier den „Blick“ im März 2008 auf eine Ein-Buch-Struktur und kleines Tabloid-Format umgestellt. Der beliebte Sportteil konnte von da an von hinten gelesen werden, wenn man die Zeitung auf den Kopf stellt. Der Relaunch war im Haus stets hoch umstritten. Der für die Schweiz zuständige Ringier-Geschäftsführer Marc Walder sagte Anfang 2009 in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Ich stelle mir jeden Tag die Frage, ob es richtig ist, den „Blick“ als Einbund-Zeitung zu machen, mit einem Sportteil, den man von hinten zur Mitte liest, nachdem man das Blatt auf den Kopf gedreht hat.“ Walder fragte nach eigenen Angaben langjährige Ringier-Drucker, wie ihnen der neugestaltete „Blick“ gefällt. Die Antwort der Drucker: Sie wollen ein größeres Format und einen Sportteil als eigenes Buch.

Die Wünsche der Drucker aus Adligenswil könnten erhört werden. Nur eineinhalb Jahre nach dem Relaunch tüftelt man beim „Blick“ schon wieder an einer Blatt-Reform. Das Format soll wohl wieder größer werden, eventuell kommt sogar das eigene Sport-Buch wieder. Damit einhergehend werden die Redaktionen von „Blick“, „Blick am Abend“ und „Sonntags-Blick“ in einem Newsroom zusammengefasst. Gerade die altgedienten „Blick“-Redakteure fürchten nun, dass künftig die Gratis-Leute vom „Blick am Abend“ den Ton angeben werden. Zudem wird von deutlichen Spannungen zwischen „Blick“ und „Sonntags-Blick“ berichtet. Die Redakteure der Sonntagsausgabe fürchten, dass ihr Blatt zur bloßen siebten Ausgabe degradiert wird. In der Redaktion rumort es. Schützenhilfe bekommen die rebellischen Schweizer Redaktoren ausgerechnet aus Berlin. Im preußischen Exil sitzt Frank A. Meyer, seines Zeichens Chef-Publizist bei Ringier und journalistisches Mastermind des Hauses mit direktem Zugang zum Verleger.

Meyer wird nachgesagt, kein Freund des Newsroom-Modells zu sein. Der scheidende „Blick“-Chef Weissenberg gilt als reinrassiger Meyer-Mann, weshalb sein Abgang von Kennern des Hauses mit einiger Verwunderung zur Kenntnis genommen wird. Einige Auguren werten die Personalie gar als Beleg für den schwindenden Einfluss von Meyer. Der ehemalige „Sonntags-Blick“-Chefredakteur und aktuelle Schweiz-Geschäftsführer Walder übernimmt nun die publizistische Gesamtverantwortung für den „Blick“ bis ein Nachfolger als Chefredakteur gefunden ist. Die Aufgaben des ausgeschiedenen „Blick“-Bereichsleiters Thomas Passen übernimmt Caroline Thoma. Sie war vorher Verlagsdirektorin der punkt ch AG, die die mittlerweile eingestellte Schweizer Gratiszeitung „.ch“ herausgegeben hat. Eine Frau also, die wissen sollte, wie man der Gratis-Herausforderung begegnet. Deutscher Verleger dürften mit einigem Grusel in die Schweiz blicken. Dort können sie besichtigen, was passieren kann, wenn sich die Gratis-Konkurrenz erst einmal etabliert hat.

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