„Steinmeier als Sexmutant aufbauen“

Superwahljahr 2009: Mit einer Penis-Collage auf dem aktuellen Titel greift die "Titanic" aktiv in den medialen Wahlkampf ein. Der Chefredakteur des Satire-Magazins, Leo Fischer, ist überzeugt, dass die Berichterstattung zu dieser Bundestagswahl besonders unerfreulich werden wird: "Warum dieser Zwang zum Seriösen, diese genaue Recherche?" Im MEEDIA-Interview übt Fischer Kritik am verkrampften Ethos der ganzen Journalisten-Berufsgruppe.

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Empfinden Sie Steinmeier wirklich als so virilen, auf sein Geschlechtsorgan fixierten Politiker?
Zumindest ist das etwas, was wir stärker von ihm sehen möchten. Er gilt als Bürokrat, als Machtmensch. Wir bei „Titanic“ haben uns sehr früh entschlossen, Steinmeier als Sex-Mutanten vom Mars aufzubauen. Diese Seite sollte die SPD stärker betonen, gerade weil das Verhältnise der Geschlechter im Wahlkampf eine große Rolle spielt. Im letzten Jahr haben wir Steinmeiers menschliche Seite ins Bild gefasst – sein pompöses Hinterteil; jetzt wollten wir noch einmal forscher herangehen und den Trumpf Steinmeiers zeigen, den die SPD bisher noch nicht ausgespielt hat.

Welche Wählerschaft, glauben Sie, mit der Penis-Collage anzusprechen?
Wir hoffen auf eine starke weibliche und schwule Käuferschaft. Das sind Kundensegmente, die wir bisher noch nicht erschlossen haben.

Spricht der Steinmeier-Titel vielleicht eher eine Zielgruppe an, die noch lange nicht wahlberechtigt ist?
Ja, aber wir bei „Titanic“ setzen uns für eine Senkung des Erstwähleralters auf 16 Jahre oder darunter ein. Wir leben in einer permissiven Zeit, da müssen Tabus abgelegt werden sowie Gender und wirre Geschlechteridentitäten eine größere Rolle spielen.

Ist das eigentlich direkte Wahlhilfe für die SPD?
Nein. Wir beziehen politisch keine Position. Wir spitzen zu und wir veranschaulichen Sachverhalte.

Die „Titanic“ gibt keine Wahlempfehlung…
Nein!

Welcher der Kandidaten hat die besten Chancen?
Über die Chancen ist ja alles gesagt. Dass die letzte verbliebene Volkspartei irgendeine Rolle spielen wird, ist klar. „Viel interessanter wird sein, wie sehr sich die Parteien bis zur Bundestagswahl noch demontieren. Wir haben mit Vergnügen zur Kenntnis genommen, dass das Thema Steuern bizarrerweise nun im Zentrum des Wahlkampfs aller Parteien steht.

Was haben Sie empfunden, als die Kanzlerin nun vor der Wahl Steuersenkungen angekündigt hat?
Große Erleichterung. Als „Titanic“-Chefredakteur gehöre ich ja zu den Spitzenverdienern – nicht nur im journalistischen Segment, sondern in Deutschland überhaupt. Ich freue mich persönlich auf die Steuersenkungen, halte sie aber aus naheliegenden Gründen für wenig wahrscheinlich.

Kann eine Partei überhaupt mir der Ankündigung von Steuererhöhungen in eine Wahl gehen?
Nun, ein paar Dumme gibt’s immer. Ich beobachte die Video-Plattform YouTube sehr ausführlich. Da ist im Bereich Politik seit Wochen ein Video Rainer Brüderles der unangefochtene Favorit. Brüderle fragt die Bürger, welche Steuern sie gerne gesenkt haben möchten. Die Antworten und Vorschläge sind ohne Zahl.

Welche Steuer wird nach der Wahl als erste erhöht?
Mit Sicherheit die Mehrwertsteuer.

In so einem Superwahljahr bricht immer auch ein Wettstreit der Medien aus. Was erwarten Sie von der Berichterstattung?
In unserem Juni-Heft haben wir bereits darauf hingewiesen, dass sich bei den Journalisten eine gewisse Wahlberichterstattungs-Müdigkeit eingestellt hat und sie sich verstärkt feuilletonistischen beziehungsweise literarischen Themen widmen, weil der Wahlkampf inzwischen zu einer zähen und lähmenden Pflichtübung für die Redaktionen geworden ist. Ich glaube, dass die Berichterstattung zu dieser Bundestagswahl besonders unerfreulich werden wird.

In einer Meldung hatte die „Titanic“ geschrieben: „…eine Wahl überflüssig und uninteressant … wie etwa kürzlich die der EU“. Wie könnte der Wahlkampf in Deutschland interessanter gestaltet werden?
Indem die Kandidaten auch einmal ablegen. Indem sie sich aus Befangenheiten lösen und stärker mit ihrer Persönlichkeit trumpfen. Sowohl Steinmeier als auch Merkel sind Bürokraten und Vertreter der Funktionselite. Wenn mehr Homestorys zu sehen wären – Merkel beim Holzhacken, Steinmeier beim Wäschebügeln – dann könnte für diesen Wahlkampf noch eine interessante mediale Aufbereitung gelingen.

Haben die Medien da irgendeinen Einfluss?
Früher schien das eher zu gelingen. Ich erinnere mich an „Bunte“-Homestorys mit Kinkel oder die berühmten Scharping-Planschbilder. Warum jetzt dieser Zwang zum Seriösen, diese genaue Recherche? Da scheint mir auch eine große Verkrampftheit bei den Journalisten zu herrschen.

Kann es nicht sein, dass auch die PR-Apparate gelernt haben?
Das glaube ich schon. Ich finde zum Beispiel im Foto-Portal der dpa schon seit längerer Zeit keine unvorteilhaften Merkel-Bilder mehr. Stichwörter wie „Merkel kurios“ oder „Merkel Mimik“ fördern nicht mehr den Quell der Freude früherer Zeiten zutage. Offenbar funktioniert der Spin beider Kandidaten wie geschmiert.

Welche Talk-Show im Fernsehen inspiriert Sie? Welcher Moderator verschafft die tiefsten Einsichten?
Tatsächlich schaue ich überhaupt nicht fern. Ich lasse mir gelegentlich von Mitarbeitern Zusammenfassungen von Fernsehsendungen geben oder Dossiers schreiben.

Welche Zeitung ist für Sie die wichtigste, welcher Zeitung vertrauen Sie?
Selbstverständlich lese ich die großen Tageszeitungen wie die „FAZ“ und die „Süddeutsche“. Seit neuestem habe ich das Journal „Cicero“ für mich entdeckt – phänomenal! Das scheint eine Art Analphabetenschule zu sein. Ich finde es aber begrüßenswert, dass Menschen mit Lese- und Schreibschwäche in unserem Medienbetrieb noch eine Chance erhalten. Das lese ich mit großem Vergnügen.

…weil trotzdem die entscheidenden Informationen hindurchblinken?
Nein, eher indirekt über das Fehlen von Informationen: Was hat der Autor nicht berücksichtigt, was wurde nicht gesehen, wo hat die Aufmerksamkeitsmaschine wieder versagt.

Die neue Chefredakteurin der „taz“, Ines Pohl, hat angekündigt, die Zeitung wieder „weiter links positionieren“ zu wollen. Könnte das zu einer stärkeren Konkurrenz für die „Titanic“ werden?
Das glaube ich nicht. Die „taz“ ist ja eine wenig ernstzunehmende, unseriöse Satire-Zeitung. Wir dagegen bieten Nachrichten, Informationen und einen großen Service-Teil. Ich glaube, wir operieren auf verschiedenen Ebenen.

Was haben die Leser in den nächsten drei Monaten von der „Titanic“ zu erwarten?
Wir werden den Wahlkampf weiterhin begleiten und personalisieren. Ansonsten bereiten wir uns auf die Bundestagswahl auch mit unserem politischen Organ „Die Partei“ vor.

Mit welchem Programm treten Sie an?
Mit dem Gründungsprogramm. Dieses Programm wurde damals von unserem Parteijustiziar aus allen Programmen sämtlicher Parteien zusammengesetzt. Da das Beste darin versammelt ist, können wir gar nicht scheitern.

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