„Freemium“ als Königsweg für Verlage

Google zur Kasse bitten? Hubert Burdas Idee zur Rettung der Online-Strategien etablierter Medienunternehmen werden wenig praktische Chancen eingeräumt. "Wired"-Chefredakteur Chris Anderson hält den Gedanken einer Verleger-Allianz gegen Google sogar für "selbstmörderisch". Anderson, der seit seiner Erfindung des "Long Tail" als Internet-Vordenker gilt, sieht in "Freemium"-Modellen die einzige Lösung: Das meiste umsonst, aber Spezielles gegen Bezahlung.

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Am gleichen Tag, als Hubert Burda via „FAZ“ die „schleichende Enteignung“ der Verlage durch Google beklagte, gab der „Guardian“ ein langes Gespräch Andersons mit Chefredakteur Alan Rusbridger und Managerin Carolyn McCall vom „Guardian“ wieder – ein Gipfeltreffen journalistischer Internet-Kompetenz.
Der Gedanke hinter Burdas Vorstoß wurde – indirekt – kurz abgehandelt: 40 Prozent des „Wired“-Traffics käme von Google, erklärte Anderson. Und, als hätte er Burdas Text schon gekannt: „Manche Zeitungen halten das für Diebstahl, ich halte es für ein Geschenk.“ Google auszuschließen, etwa in einer Allianz der großen Verlage, „könnte ein selbstmörderischer Zug sein.“
Chris Anderson hat sich 2004 mit seiner Theorie des „Long Tail“ zum Vordenker einer spezifischen Web-Ökonomie gemacht: Er wies nach, dass unter den besonderen Bedingungen des Internets mit Nischenprodukten gute Geschäfte zu machen sind. Klassisches Beispiel ist Amazon, das seinen Umsatz nicht über wenige Bestseller, sondern durch die Vielzahl spezieller Medien mit kleinen Auflagen macht, die „analog“, also im Laden, nicht verfügbar sind.
Neuerdings will Anderson das Modell auf die Medien übertragen: Verlage sollten die Masse – mit den wichtigsten, aber auch überall verfügbaren Themen – kostenlos bedienen, dafür aber im „langen Schwanz“ der vertieften Spezialgebiete Bezahlung für ihre Inhalte verlangen, die dann natürlich möglichst kompetent und exklusiv geraten müssen. Mit dem Kunstwort „freemium“ – aus frei und „premium“ – hat der geschickte Ideen-Vermarkter Anderson erneut die Diskussion geprägt. Dabei macht er sich wenig Sorgen über die oft beschworene „Umsonst-Mentalität“ des Internets: „Wir werden die Leser daran gewöhnen, dass sie alles frei ausprobieren können, aber auch daran, dass sie für etwas bezahlen, wenn es ihnen etwas wert ist.“
Bei seinem „Guardian“-Besuch hielt sich Anderson, der 2001 vom „Economist“ zu „Wired“ kam, mit konkreten Vorschlägen allerdings zurück. Seine eigene Redaktion versucht es schon mit einem gemischten Modell: Freie Inhalte im Netz, fünf Dollar für das gedruckte Magazin und 80 Cent im Monat für ein „Premium“-Abo mit zusätzlichen Online-Inhalten. In Zukunft werde es noch weitaus mehr Bezahl- und Abo-Varianten geben. Kein Zweifel, dass dergleichen – auch nach dem Beispiel des „Wall Street Journal“ – momentan in allen deutschen Verlagen diskutiert wird.
Beispiele für verkäuflichen Mehrwert bleibt Anderson schuldig, bis auf Ansätze aus dem heimischen Verlag Condé Nast: „Golf Digest“ denke über eine Art Klub zum Magazin nach, und er selbst frage sich, was für einen Klub „Wired“ etablieren könne. Einen weiteren Weg sieht Anderson in „catalysed communitys“, einem fruchtbaren Zusammenspiel von redaktionellen Inhalten und Beiträgen aus der Leserschaft: „Wir sollten uns mehr als Gesprächs-Anreger und weniger als Dozenten verstehen.“
Am Ende, glaubt Chris Anderson, würden die demokratischen Aspekte der Online-Kommunikation die Medien und die Gesellschaft bereichern. Aber: „I don’t deny that it will get messy.“

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