Web-Chefredakteure: Mehr Geld von Google

Publishing Hubert Burda hat das Thema noch einmal gesetzt: Er will nicht länger hinnehmen, dass Google & Co. mit Verleger-Inhalten Kasse machen, ohne die Verlage zu beteiligen. MEEDIA hat die Online-Chefredakteure wie Jochen Wegner (Focus.de), Mercedes Bunz (Tagesspiegel.de) oder Sven Scheffler (Handelsblatt.com) gefragt, ob Google sie "schleichend enteignet". Sueddeutsche.de-Chef Hans-Jürgen Jakobs sagt: "Google ist ein moderner Imperialist, der seine monopolartige Stellung nutzt und ausnutzt."

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Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur Süddeutsche.de

Fühlen Sie sich und Ihr Online-Portal „schleichend enteignet“?
Google ist ein moderner Imperialist, der seine monopolartige Stellung nutzt und ausnutzt. Jedes Unternehmen hat den Traum, Monopolist zu sein – normalerweise verhindern Gesetze und Regeln, dass diese Abschaffung der Marktwirtschaft eintritt. Da jedes Zeitungs-Webportal aus Reichweitengründen keine andere Wahl hat, machen halt alle mit beim Wettbewerb, wer am besten bei Google aufzufinden ist. Es bleibt die Erkenntnis, dass ein Multi aus Kalifornien mit wertvollen journalistischen Inhalten Kasse macht. Bei denen, die das Geld brauchen, kommt nichts an.

Hat Hubert Burda recht mit seinem Vorstoß? Sollte Google die Verlage an seinen Umsätzen beteiligen?
Burda beteiligt sich als Nachzügler an der Diskussion, aber immerhin: Es ist nie zu spät für eine richtige Erkenntnis. Vielleicht folgen auch konkrete Handlungen. Google würde sich und der Branche einen großen Gefallen tun, die Branche an den eigenen Rekordgewinnen zu beteiligen. Dann würde der Vorwurf enden, hier reüssiere ein digitaler Parasit.     

Damit die Verlage auch tatsächlich zu „fairen und überprüfbaren Konditionen“ an den Erlösen der Suchmaschinen partizipieren können, fordert Burda die Unterstützung des Gesetzgebers. Ist diese Ihrer Meinung nach tatsächlich nötig?
Monopole sind ein Fall für die Missbrauchsaufsicht. Gesetze haben den Auftrag, Monopole zu verhindern. Im Augenblick sehen wir alle die Verlage im Klammergriff: Sie liefern sich und ihre Inhalte aus, Google kassiert die Online-Werbung ab und vermarktet dann – in den USA jedenfalls – auch noch das eigene News-Angebot. Ja, die übergroße Macht einer einzigen Suchmaschine ist ein Fall für die Legislative.

Jochen Wegner, Chefredakteur Focus Online

Fühlen Sie sich und Ihr Online-Portal „schleichend enteignet“?
Google versorgt journalistische Websites heute wohl mit der Hälfte ihres Traffics, auf der andere Seite kontrolliert Google schätzungsweise bereits ein Drittel des Online-Werbekuchens. Ich sehe schon die Gefahr, dass wir von einem Monopolisten, der zwar die strategischen Punkte besetzt, sich aber aus der Produktion hochwertiger Inhalte heraushält, ausgebeutet werden. Ich finde die Debatte darüber, die es ja weltweit gibt, deshalb wichtig – wenn wir dabei nicht vergessen, dass das Internet deswegen so erfolgreich ist, weil die User frei auf freie Inhalte verlinken können. Google hat dieses Prinzip einfach wie kein anderes Unternehmen verstanden und sich zu Nutze gemacht.
 
Damit die Verlage auch tatsächlich zu „fairen und überprüfbaren Konditionen“ an den Erlösen der Suchmaschinen partizipieren können, fordert Burda die Unterstützung des Gesetzgebers. Ist diese Ihrer Meinung nach tatsächlich nötig?
Ich hätte nichts dagegen, wenn Inhalte-Produzenten von Google stärker an den Erlösen beteiligt würden, ohne dass wir den freiheitlichen Geist des Netzes verändern. Ein Leistungsschutzrecht würde eine effektive Lösung vereinfachen. Wenn es stattdessen eine sinnvolle privatwirtschaftliche Einigung gibt – warum nicht?
Mercedes Bunz, Chefredakteurin Tagesspiegel.de
Fühlen Sie sich und Ihr Online-Portal „schleichend enteignet“?
Ein Teil dieser Enteignung haben wir uns meines Erachtens in der Verlagsbranche leider selbst zuzuschreiben. Wir haben damals verpasst, unsere Rubrikenmärkte online effektiv aufzustellen und diese für uns wichtige Einnahmequelle anderen Playern überlassen – Qualitätsjournalismus hat sich vom „Tagesspiegel“ bis zur „FAZ“ auf diese Weise ja traditionell querfinanziert.
 
Hat Hubert Burda recht mit seinem Vorstoß. Sollte Google die Verlage an seinen Umsätzen beteiligen?
Ich persönlich sehe das etwas anders. Man muss ja auch sehen, dass Google die spannenden Geschichten des „Tagesspiegels“ neuen Lesern zeigt – und niemand ist gezwungen, seinen Inhalt von Google indexieren zu lassen.
 
Tatsächlich gibt es meines Erachtens aber ein Problem mit Google – und das sind die Kriterien, nach denen diese mächtige Suchmaschine in ihren News neu gefundene Texte präsentiert. Sie erscheinen mir sowohl undurchsichtig als auch ungerecht. Ein Beispiel: Das Ranking ist nicht neutral, denn kleinere publizistische Einheiten wie „Der Tagesspiegel“ haben keine gleichberechtigte Chance. Augenblicklich haben bei Google News die großen Player und nicht die besseren Texte mehr Gewicht. Finden Sie das richtig?
 
Damit die Verlage auch tatsächlich zu „fairen und überprüfbaren Konditionen“ an den Erlösen der Suchmaschinen partizipieren können, fordert Burda die Unterstützung des Gesetzgebers. Ist diese Ihrer Meinung nach tatsächlich nötig?

Diese Stelle finde ich in Burdas Text so nicht wieder, das müssen Sie mir noch einmal genauer zeigen, wo das stehen soll. Burdas Anstoß ist aber definitiv wichtig. Es muss hierzulande eine Debatte über das Geschäftsmodell des Journalismus geben. Aber diese Debatte muss die neuen medialen Bedingungen für den Journalismus analysieren – und nicht nur für den Online-Journalismus.

Sven Scheffler, Chefredakteur Handelsblatt.com

Fühlen Sie sich und Ihr Online-Portal „schleichend enteignet“?
Das Wort Enteignung ist mir in diesem Zusammenhang ein wenig zu krawallig. Das Verhältnis von Nachrichtenportalen und Suchmaschinen ist zu einem gewissem Maß symbiotisch: Suchmaschinen benötigen unsere Inhalte, um das Informationsbedürfnis ihrer Nutzer zu befriedigen, und wir benötigen teilweise auch die Reichweite, die über Suchmaschinen auf journalitische Angebot kommt.  Was an diesem Verhältnis nicht stimmt, ist die Verteilung der Erlöse.
 
Hat Hubert Burda recht mit seinem Vorstoß. Sollte Google die Verlage an seinen Umsätzen beteiligen?
Die Suchmaschinen sind die großen Gewinner der Werbeinvestitionen, für Medienanbieter bleibt dabei deutlich zu wenig übrig. Da stimme ich Dr. Burda zu: Wer die Leistung anderer nutzt, muss auch dafür bezahlen. Ein angemessener Anteil an den Werbeerlösen steht den Urhebern von Nachrichten und redaktionellen Angeboten zu. Die Vereinbarung zwischen den europäischen Nachrichtenagenturen und Google könnte ein Modell auch für eine Partnerschaft zwischen Medienhäusern und Suchmaschinen sein.
 
Damit die Verlage auch tatsächlich zu „fairen und überprüfbaren Konditionen“ an den Erlösen der Suchmaschinen partizipieren können, fordert Burda die Unterstützung des Gesetzgebers. Ist diese Ihrer Meinung nach tatsächlich nötig?
Beim Ruf nach der regulierenden Hand des Staates werde ich hellhörig. Dieser kommt derzeit viel zu schnell und vor allem viel zu oft. Vor einem regulatorischen Eingriff des Staates sollte stets eine privatwirtschaftliche Lösung das Ziel sein.

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