„Spiegel“ gewinnt Last-Minute-Duell

Der Tod von Michael Jackson machte Magazine zu Tageszeitungen. „Spiegel“ und „Focus“ haben den Todesfall in letzter Minute ins Blatt gehoben und zur Titelgeschichte gemacht. Der „Spiegel“ titelt „König Einsam - Triumph und Tragödie des Michael Joseph Jackson“. „Focus“ schreibt: „Der letzte König des Pop“. Der „Spiegel“ widmet dem Tod Jacksons neun Seiten, „Focus“ bringt es auf 14. MEEDIA vergleicht, wie „Spiegel“ und „Focus“ die Herausforderung gemeistert haben.

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Dem „Spiegel“ kommt bei solchen Ereignissen zu Gute, dass er ohnehin über ein monothematisches Cover verfügt. Das Bild des silbrig-weiß gekleideten Michael Jackson mit ausgebreiteten Armen vor schwarzem Hintergrund wirkt beeindruckender und treffender als die Nahaufnahme von Jacksons Gesicht, für die sich die „Focus“-Redaktion entschieden hat. Bei „Focus“ werden zudem oben noch weitere Themen der Woche angerissen. Bei einer derart dominanten Geschichte wie dem Tod Jacksons wirken diese Titel-Teaser eher störend.

Die „Spiegel“-Story wurde von acht Autoren gezeichnet, angeführt von Klaus Brinkbäumer und Lothar Gorris und bietet auf ihren neun Seiten „Spiegel“-typische Qualität, der man die Eile, die während der Produktion geherrscht haben muss, nicht anmerkt. Die optische Aufmachung ist gelungen mit der tollen Zeile „Der Mann, der niemals lebte“ und einem stimmigen Schwarzweiß-Foto von Jackson in einer seiner Fantasie-Uniformen, das die gesamte zweite Seite einnimmt. Optisch ist die Story ansonsten unspektakulär ohne Info-Kästen oder Interviews. Hier bietet der „Focus“ ein bisschen größere Vielfalt mit einem Kasten zur Familiengeschichte der Jacksons und einem Interview mit dem Musik-Manager George Kerwinski dazu zu stellen, der Jackson auf seinen Tourneen durch Deutschland begleitet hatte.

Die „Spiegel“-Geschichte liest sich als packende Chronologie. Ausgehend von den dramatischen Ereignissen des Todestages wird Jacksons Leben aufgerollt. Von der knüppelharten Erziehung durch den Vater über den frühen Welt-Ruhm und die tragische Wandlung vom Superstar zum Superfreak. Der Artikel enthält zwar nichts, was man nicht schon wusste oder woanders schon mal gelesen, gesehen oder gehört hatte. In ihrer Info-Dichte und exzellent formuliert ist „Der Mann, der niemals lebte“ aber eine würdige „Spiegel“-Titelgeschichte geworden.

Auch der „Focus“ erzählt die Michael-Jackson-Story in einem langen Stück. Vergleicht man die beiden großen Geschichten in „Spiegel“ und „Focus“ direkt, so muss man sagen, dass der „Spiegel“ klar den besseren Job abliefert. Die „Focus“-Story hakt zwar auch alle relevanten Passagen aus Jacksons Leben ab, erreicht stilistisch aber nie die Eleganz des „Spiegel“.

Außerdem stören beim „Focus“ Ungenauigkeiten im Text. So wird in dem „Focus“-Artikel so getan, als sei „Thriller“ das erste Album gewesen, bei dem Jackson mit dem Produzenten Quincy Jones zusammengearbeitet hatte. Die Vorgänger-Platte „Off the Wall“, ebenfalls ein riesiger Hit, kommt im Text nicht vor.

Den größten Fauxpas leistet sich der „Focus“ aber, weil er nicht erwähnt, dass Jackson zweimal wegen des Vorwurfs des Kindesmissbrauchs Probleme bekam. Im ersten Fall 1993 ließen sich die Vorwürfe noch durch eine millionenschwere Zahlung aus der Welt schaffen. Im zweiten Fall 2005 kam es dann zu einem aufsehenerregenden Verfahren. Beim „Focus“ liest sich das, als habe es sich um einen einzigen Vorgang gehandelt. Mit dem „Spiegel“ war man als Leser über den Tod von Michael Jackson sowie sein Leben und Werk deutlich besser informiert.

Nachtrag und Korrektur:

In obigen Text wurde ursprünglich kritisiert, dass „Focus“ die Buchmacherwetten, ob Jackson seine Tournee tatsächlich antritt falsch widergegeben hätte. Hier lag der „Focus“ allerdings richtig. Die Wett-Quoten standen, so, dass man bei einem Platzen der Tour für ein Pfund Einsatz fünf Pfund Gewinn einstreichen konnte. Hätte die Tour planmäßig stattgefunden, hätte es für einen Einsatz von neun Pfund einen Gewinn von einem Pfund gegeben. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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