Online First – nur eine Marketingformel?

Vor zwei Jahren galt unter deutschen Verlagsmanagern "Online First" als einzige sinnvolle Strategie, um ihre Print-Marken in eine erfolgreiche Online-Zukunft zu führen. Die Zeit der uneingeschränkten Begeisterung scheint vorbei. Während einige Zeitungen wie das "Hamburger Abendblatt" Print- und Online stärker verzahnen, hält Sueddeutsche.de-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs – laut "Journalist" – die weit verbreitete Devise "Online first" nur noch für eine reine Marketingformel.

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Vor zwei Jahren galt unter deutschen Verlagsmanagern „Online First“ als einzige sinnvolle Strategie, um ihre Print-Marken in eine erfolgreiche Online-Zukunft zu führen. Die Zeit der uneingeschränkten Begeisterung scheint vorbei. Während einige Zeitungen wie das „Hamburger Abendblatt“ Print- und Online stärker verzahnen, hält Sueddeutsche.de-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs – laut „Journalist“ – die weit verbreitete Devise „Online first“ nur noch für eine reine Marketingformel.

„Keine einzige überregionale Tageszeitung veröffentlicht alle Texte zuerst im Internet“, zitiert das Fachmagazin den Sueddeutsche.de-Chef. Jakobs ist davon überzeugt, dass eine Printredaktion anders funktioniere als eine Onlineredaktion. „Wir haben die meisten Leser zwischen 8 und 16 Uhr. Die großen Artikel für die gedruckte Zeitung werden aber meist erst gegen Abend fertig. Es bringt dann wenig, wenn wir sie gewissermaßen als Spätlese im Netz verbreiten.“

Tatsächlich spaltet die Frage, inwieweit Print- und Online-Redaktionen und deren Textproduktionen verzahnt werden sollen, die deutsche Medienlandschaft.

Auf Seite der Kooperations-Verweigerer stehen einflussreiche Print-Köpfe wie „SZ“-Chefredakteur Hans Werner Kilz oder Dirk Ippen. So sagte der Verleger stellvertretend für viele andere Manager: „Meiner Meinung nach gehören Online und Print weiterhin getrennt.“

Zwischen den Fronten befindet sich die Spiegel-Chefredaktion mit ihrer Ankündigung, dass die Print-Redakteure auch für die Webseite mitschreiben sollen. Seit Juni gibt es deshalb in der Brandstwiete mit Carsten Holm einen speziellen Online-Koordinator, der als Ansprechpartner für die Heft-Autoren die Zusammenarbeit mit den Netz-Journalisten verbessern soll.

Holm wird keine leichte Aufgabe haben. So kommentiert Spiegel Online-Chefredakteur Rüdiger Ditz gegenüber dem „Journalisten“: „Stellen Sie sich vor, Sie müssen einen Tanker umsteuern, der einen Wendekreis von mehreren Kilometern hat.“

Beim „Spiegel“ sollen derzeit die Print-Autoren rund zehn Prozent aller Texte beisteuern. Dabei handelt es sich meist um exklusive Beiträge, Zweitverwertungen spielen kaum eine Rolle. Die neue Zusammenarbeit soll jedoch ausdrücklich nicht nach dem Prinzip „Online first“ laufen. „Nur Nachrichten, die ein Spiegel-Redakteur nicht bis zum Erscheinen der Printausgabe zurückhalten kann, soll er zuerst online veröffentlichen. Der Spiegel-Online-Chefredakteur schließt außerdem nicht aus, Rechercheergebnisse aus der Onlineredaktion zuerst an die Printredaktion zu übergeben“, schreibt der „Journalist“.

Eingeführt wurde das „Online First“-Konzept in Deutschland von der „Welt“. Der damalige Chefredakteur Christoph Keese führte dazu bereits im Mai 2006 die Print- und Online-Redaktion in einem großen Newsroom zusammen. Trotzdem hält natürlich auch die Welt Geschichten für die gedruckte Ausgabe des kommenden Tages zurück.

Noch immer gehört Springer zu den wichtigsten Vorreitern in der Multichannel-Produktion. Neuestes Beispiel ist das „Hamburger Abendblatt“. In der Hansestadt ziehen gerade die Onliner und Print-Redakteure zusammen. Für den Chefredakteur bringt ein gemeinsamer Newsroom gleich mehrere vorteile: „Erstens: Wir können Online jetzt noch schneller, aber auch hintergründiger werden. Und zweitens: Wir werden massiv davon profitieren, dass die Ressorts nebeneinander sitzen. Denken sie nur an die aktuellen Überschneidungen von Politik und Wirtschaft. Das verspricht einen zusätzlichen Gewinn an Kreativität und Inhalt.“

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