„Massen-Aufstand gegen Google proben“

Die Diskussion, wie Journalismus im digitalen Zeitalter finanziert werden kann, ist in vollem Gange. Gerade hat Verleger Hubert Burda in der "FAZ" von einer "schleichenden Enteignung" der Verlage durch Google gesprochen und den Gesetzgeber aufgefordert, einzugreifen. An der privaten Macromedia Fachhochschule für Medien in Berlin befasst sich der Journalistik-Professor Stephan Weichert schon seit längerem mit dem Thema. MEEDIA sprach mit ihm über Subventionen, Finanzierungsmodelle und Hubert Burdas Thesen.

Anzeige

Verleger verdammen öffentliche Staatshilfen. Sie haben aber nichts dagegen, von indirekten staatlichen Förderungen, wie reduzierter Mehrwertsteuersatz oder Kurzarbeit, zu profitieren. Sind deutsche Verleger Heuchler?

Soweit würde ich nicht gehen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass viele Verleger sich jahrzehntelang die Taschen voll gemacht haben – und das auch dank steuerlicher Vergünstigungen. Ich denke, wir werden schon bald einen Sinneswandel in der Diskussion um öffentliche Hilfen erleben. Doch dann müssen wir stärker über Inhalte und Journalismus diskutieren als darum, ob ein aussterbendes Massenmedium subventioniert wird.

Hubert Burda hat gerade gefordert, dass Verlage an den Umsätzen von Google beteiligt werden müssten und dabei auch den Gesetzgeber in die Pflicht genommen. Was halten Sie von diesem Vorstoß?

Hubert Burda ist ein weiser, von mir hochgeschätzter Unternehmer und Verleger, der die Zeichen der Zeit in punkto Internet schon vor etlichen Jahren erkannt hat. Wenn er dies fordert – und er tut dies natürlich nicht nur als Vordenker, sondern auch als Verleger und VDZ-Präsident, dann sollte uns dies als Medienschaffenden schon zu denken geben. Bisher wurde ja immer so getan, als sei die Krise des Journalismus noch unendlich weit weg, geografisch wie zeitlich. In Diskussionen mit deutschen Verlagsmanagern und Chefredakteuren von Tageszeitungen erlebe ich immer wieder, dass sie Horrorszenarien, wie wir sie derzeit in den USA erleben, als Schwarzmalerei oder Unfug abtun: „Auf Deutschland nicht übertragbar“, heißt es dann oder „andere Leser- und Vertriebsstrukturen“ und ähnliches. Als ich aber den Text von Hubert Burda heute in der „FAZ“ las, dachte ich: Okay, das ist jetzt der Hilferuf, den endlich mal einer von den Good Old Boys öffentlich publiziert. Ob sich allerdings ein Machtkonglomerat wie Google von einer solchen Initiative, die ja grundsätzlich zu begrüßen ist, beeindrucken lässt, bezweifle ich.

Burda sprach sogar von einer „schleichenden Enteignung“ der Verlage durch Google. Übertreibt der „Good Old Boy“ hier nicht ein wenig?

Burda spricht da ganz offen die Achillesferse der deutschen Verleger an, denn genau das widerfährt ihnen gerade: eine schleichende Enteignung. Noch treffender – und auch ehrlicher – fände ich in dem Zusammenhang allerdings Begriffe wie „Entmachtung“ oder „Verlust der journalistischen Deutungshoheit“, denn meines Erachtens lässt Burda die Perspektive des Publikums völlig außer Acht: Wenn wir weiterhin auf die Marktlogik vertrauen, werden die Nutzer alleine bestimmen, ob Journalisten in 20 Jahren noch gebraucht und für ihre Arbeit bezahlt werden. Demnach müssten aber nicht die Verleger, sondern die Massen – wir alle – den Aufstand gegen das Monopol von Google proben!

Kann Journalismus auf lange Sicht nur noch subventioniert stattfinden?

Journalismus ist ja, wenn Sie so wollen, schon immer in irgendeiner Weise subventioniert gewesen: durch Werbeanzeigen, Kleinanzeigen, Vertriebsberlöse, Mehrwertsteuerrabatte und so weiter. Auch war es schon immer so, dass die Rechercheabteilungen oder die Auslandskorrespondenten über andere Ressorts quersubventioniert waren. Wenn Sie bei dem Wort Subventionen aber an den Staat denken, der nach dem Gießkannenprinzip Medien-Abwrackprämien verteilt, wäre doch erstmal die Frage zu stellen, auf welche Weise der Journalismus überhaupt subventioniert werden könnte. Es gibt ja viele medienpolitische Stellschrauben, an denen gedreht werden kann, es muss ja nicht gleich bedeuten, dass Bundesminister wahllos Geldkoffer in die Verlagsetagen schicken.

Gibt es sinnvolle Finanzierungsmodelle für Journalismus außer Bezahl-Inhalten und Werbung?

Mein Kollege Leif Kramp und ich haben kürzlich mehrere Szenarien diskutiert, welche Alternativen es für die Zeitungsindustrie geben könnte. Mein persönlicher Favorit sind Stiftungsmodelle, wonach entweder bestehende Zeitungsverlage in Stiftungen umgewandelt werden, um unabhängiger vom Markt und ohne Renditedruck wirtschaften zu können wie die FAZIT-Stiftung, die die „FAZ“ herausbringt, oder der britische Scott Trust, Herausgeber des „Guardian“. Oder umgekehrt, wenn reiche Geldgeber Stiftungen gründen, die dann wiederum eine Zeitung herausgeben, so wie die Journalistenschule Poynter Institute die „St. Petersburg Times“ in Florida publiziert. Eine ganz ähnliche Lösung sehe ich darin, Zeitungen den Status von Non-Profit-Organisationen oder Bildungsträgern anzuerkennen, wie kürzlich von einem demokratischen Senator aus Maryland vorgeschlagen, so dass sie ihre Umsätze nicht mehr versteuern müssten und zudem Spenden leichter absetzen könnten. Natürlich muss die Debatte irgendwann unabhängig vom Datenträgermedium Papier geführt werden, sprich: Im Kern geht es natürlich um Finanzierungsalternativen für guten, unabhängigen Journalismus, den aber momentan vor allem gut ausgestattete Zeitungshäuser und die öffentlich-rechtlichen Rundunkfanbieter betreiben. Und diese Art von Qualitätsjournalismus halte ich für absolut schützenswert.

Gibt es „gute“ und „schlechte“ Subventionen für Journalismus?

Das ist wie so oft eine Frage der Perspektive. Es kommt halt darauf an, ob und welche Intentionen hinter einer Subvention stecken. Aber diese Frage ließe sich auch auf alle möglichen Bereiche erstrecken, die – von wem auch immer – subventioniert werden.

Gerne wird argumentiert, Journalismus sei nicht mit trivialen Produktionsgütern, Würsten oder Schrauben werden häufig als Beispiele genannt, vergleichbar. Ist das so?

Es enttäuscht mich, dass Sie als Journalist diese Frage stellen: Journalismus ist weder ein „Produkt“ noch eine „Dienstleistung“, auch wenn er sich größtenteils über Werbeprodukte finanziert und mittels Medienprodukten transportiert wird, die sich am freien Markt behaupten müssen. Eine Dienstleistung ist es nur in einem Sinne, wenn wir nämlich von einem „Dienst am Leser“ sprechen, aber nicht im volkswirtschaftlichen Sprachgebrauch – weil Journalismus sich nicht an einem Marktwert bemessen lassen darf! Deshalb verstehe ich auch Manager wie den Zeitschriftenvorstand von Gruner+Jahr, Bernd Buchholz, nicht, die offenbar darauf hoffen, dass Leser immer bereit sein werden, für Journalismus zu bezahlen – ob für guten oder schlechten. Journalismus ist für mich eine wichtige Säule, ein Motor unserer Demokratie. Ein guter Journalist sollte recherchieren, aufdecken, aufklären – und sich nicht um finanzielle Fragen kümmern müssen.

Journalismus, der sich nicht um finanzielle Fragen kümmern muss – ist das nicht eine utopische Vorstellung?

Es behauptet ja niemand, dass sich Journalisten nicht dafür interessieren sollten, ob sich ihre Angebote am Markt behaupten, ob es überhaupt eine Zielgruppe für ihre Inhalte gibt. Aber Journalismus muss frei von ökonomischem Denken bleiben und darf sich niemals abhängig machen von Umsätzen und Renditen – dafür ist die Schlüsselrolle des Journalismus für unsere Demokratie viel zu gewichtig. Und Journalisten, die ausschließlich unternehmerisch denken, gehören ins Management und in keine Redaktion! Wohin der Ökonomisierungswahn im Journalismus führen kann, können Sie an einigen US-Zeitungshäusern sehen, die unter dem Druck der Wall Street zusammengebrochen sind.

Es gibt auch das Denkmodell einer so genannten Kultur-Flatrate. Wäre das ihrer Meinung nach ein Weg zur unabhängigen Finanzierung?

Eine Kultur-Flatrate ist sicher keine unsympathische Lösung: Die Grundidee wäre hier eine Zugangsgebühr gesetzlich festzulegen, ähnlich der „Vergnügungssteuer“ im Kino- und Musiksektor, die entweder von Internet-Providern und Kabelnetzbetreibern pauschal entrichtet werden oder sich über den Verkauf von Hardware finanzieren müsste. Doch erscheint mir diese Lösung vor allem in einem Punkt recht kompliziert. Vorausgesetzt das ließe sich juristisch durchsetzen: Wer schüttet an wen wie viel Geld aus? Hier wären natürlich Verwertungsgesellschaften wie GEMA oder VG Wort denkbar, die diese Gebühr auf Basis von statistischen Richtwerten der Online-Nutzung erheben. Ob es allerdings dem Qualitätsjournalismus nutzt, wenn Bild.de ein Hundertfaches der digitalen Kultur-Gebühren erhält wie etwa Sueddeutsche.de oder Meedia.de, ist fraglich. Eine gerechte Ausschüttung der Mittel ohne plausible Qualitätskriterien ist also eher schwierig.

Manche Verleger hoffen auf einen Wechsel zu Bezahl-Inhalten im Internet. Ist das realistisch?

Das ist vor allem eine Sache der Gewöhnung. Die meisten Verleger haben vor einigen Jahren – nachdem erste Bezahlmodelle grandios geflopt sind – ihren kompletten Content im Netz zur freien Verfügung gestellt. Jetzt, da sich die Nutzer an diese Gratiskultur im Internet gewöhnt haben, wird es natürlich verdammt schwer werden, sie wieder umzuerziehen. Hinzu kommt die aktuelle Krise, in der die Menschen eher überlegen, ihre Zeitungsabonnements abzubestellen als zusätzliches Geld für Presseerzeugnisse aufzuwenden. Allerdings ist der Wunsch der Verleger, für guten Journalismus auch gutes Geld zu verlangen, nur recht und billig. Auch wir – die etablierten Journalisten und Publizisten – dürfen nicht zulassen, dass die gesamte Internet-Gemeinschaft ihr Informationsbedürfnis auf Kosten der nächsten Journalistengeneration stillt. Außerdem zeigen Bezahlmodelle wie das des „Wall Street Journal“, dass es bei bestimmten Inhalten, in diesem Fall Wirtschafts-News, durchaus funktionieren kann. Rupert Murdoch denkt derzeit sogar darüber nach, die kostenpflichtige Nutzung auf seine britischen Web-Ableger von „Times“, „Sun“ und „News of the World“ auszuweiten. Bezahlmodelle lassen sich aber längst nicht bei allen Inhalten anwenden.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige