Verhärtete Fronten im Bertelsmann-Vorstand

Offiziell schweigen alle Beteiligten. Aber immer mehr Indizien sprechen dafür, dass die Tage von Thomas Rabe als Bertelsmann-Finanzchef gezählt sind. Der in Unternehmskreisen bestens vernetzte "Manager Magazin"-Autor Klaus Boldt lokalisiert im "extrem starken Anführungsdruck" des CFO das Grundproblem, weist aber auch auf problematische wie folgenreiche Entscheidungen Rabes hin. Der hatte für Schlagzeilen gesorgt, weil er wiederholt mit anderen Konzernen über einen Top-Job verhandelte.

Anzeige

Offiziell schweigen alle Beteiligten. Aber immer mehr Indizien sprechen dafür, dass die Tage von Thomas Rabe als Bertelsmann-Finanzchef gezählt sind. Der in Unternehmskreisen bestens vernetzte „Manager Magazin“-Autor Klaus Boldt lokalisiert im „extrem starken Anführungsdruck“ des CFO das Grundproblem, weist aber auch auf problematische wie folgenreiche Entscheidungen Rabes hin. Der hatte für Schlagzeilen gesorgt, weil er wiederholt mit anderen Konzernen über einen Top-Job verhandelte.
„Der Fall des Ikarus“ titelt das „Manager Magazin“ in seiner heute erschienenen Ausgabe und fasst den Tenor der Story in der Vorzeile kompromisslos zusammen: „Der überehrgeizige Finanzchef Thomas Rabe hat sich im Vorstand isoliert. Nun soll er weg.“ In der Tat ist es schon ein starkes Stück, was sich das Finanz-Ass in den letzten Monaten geliefert hat: Nach seinem Versuch, als ProSiebenSat.1-Chef ausgerechnet zum RTL-Konkurrenten zu wechseln, verhandelte Rabe im Frühjahr erneut mit einem Konzern: Er empfahl sich als Spitzenkraft beim Handelshaus Haniel. Das Treuebekenntnis, das der 43-Jährige wenige Wochen vorher gegenüber Bertelsmann abgelegt hatte, erwies sich als reine Makulatur.
Dass ein Vorstand mitten in der gewaltigsten Krise, die das Unternehmen derzeit schüttelt, so penetrant auf Abwanderung aus zu sein scheint, würde Führungskräften in allen großen Häusern die Karriere verbauen. Offenbar hat Rabe mit seiner andauernden Unlust, nur die Nummer zwei im Vorstand zu sein, aber auch gepokert und dabei gehofft, dass das Unternehmen ihn für unverzichtbar hält und an die Spitze befördert. Alles spricht dafür, dass Rabe dabei die tatsächlichen Machtverhältnisse und Einschätzungen seiner Verdienste verkannte und wohl auch übersah, dass ein Weltkonzern sich in Krisenzeiten nichts weniger leisten kann als unklare Führungsverhältnisse.
Mit Verwunderung hatten unternehmensnahe Kreise einen Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ registriert, in dem der Eindruck erweckt wurde, nicht Rabe, sondern Vorstandschef Hartmut Ostrowski „wackele“. Zitat aus dem Artikel von „SZ“-Medienautor und Sueddeutsche.de-Chef Hans-Jürgen Jakobs: „Zudem fehlt dem geradlinigen Vorstandschef Ostrowski in den Augen seiner Kritiker gesellschaftlicher Glanz, Wachstumsfantasie und Kosteneffizienz.“ Rabe hingegen wird in dem Bericht vom 3. Juni („Rosskur in Gütersloh“) als entscheidungsstarker Manager und „Ober-Sanierer“ gewürdigt.
Das „Manager Magazin“ listet dagegen unerbittlich auf, was in der Bilanz des Finanzchefs negativ zu Buche schlägt: die 400 Millionen Euro schwere Abwicklung des Internet-Projekts Napster etwa, die für Bertelsmann viel zu teuer gekommen sei. Oder der Rückkauf des 25,1 Prozent-Anteils des Gesellschafters Albert Frère, die 4,5 Milliarden Euro kostete und das Unternehmen „nahezu handlungsunfähig“ gemacht habe. Andere Projekte seien erst gar nicht realisiert worden – insgesamt also mehr Schatten als Licht im Wirken Rabes.
Dies und die sowohl den Arbeitnehmervertretern wie Aufsichtsräten übel aufgestoßenen „Fluchtversuche“ sollen nun eine zeitnahe Entscheidung über den Verbleib Rabes herbeiführen, der bei Bertelsmann noch bis 2011 unter Vertrag steht und jahrelang als Hoffnungsträger galt. Dass Dissonanzen im Vorstand ein derart widersprüchliches Echo in den Medienbeiträgen finden, dürfte ebenfalls zu Verstimmungen geführt haben sowie zur Frage, wer hier eigentlich mit wem und zu welchem Zweck „off the record“ spricht.
Fairerweise sollte man hinzufügen, dass eine 4,5 Milliarden-Investition sicherlich nicht nur das Werk eines Finanzvorstandes sein kann. Doch wer mit seinen Interpretationen richtig liegt, scheint inzwischen überflüssig. Bei Bertelsmann, so hat es Anschein, kann es nur einen geben – und alles andere als ein klares Bekenntnis der Gesellschafter zu Hartmut Ostrowski und seinem Sanierungskonzept scheint unrealistisch. Für seinen bisherigen Finanzchef heißt dies, dass Gesprächen über vakante Top-Jobs in anderen Unternehmen bald nichts mehr im Wege stehen dürfte.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige