„Einfach nur hübsch hilft keinem weiter!“

Unter diesem - zugegebenermaßen radikal klingenden - Motto verpasst Gruner + Jahr seinem Kunstmagazin "Art" ein Redesign. Keine Sorge: es sieht immer noch ganz hübsch aus. Das Blatt wurde "sanft und zum Besseren hin" überarbeitet, wie Chefredakteur Tim Sommer im Editorial der Juli-Ausgabe verspricht. Konkret heißt das: Neuer Titel samt Logo, andere Schriften und Formate und ein neues Inhaltsverzeichnis. Die neue "Art" soll Seriosität und Wertigkeit des Titels "noch akzentuierter hervorheben".

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Seriosität und Wertigkeit also. Zwei Worte, die in Zeiten rapiden Werteverfalls am Kunstmarkt eher abwegig erscheinen. Doch Gruner + Jahr weiß, dass gerade jetzt der Zeitpunkt ist, um dem Lesern zu zeigen: Hier ist jemand, auf den man sich verlassen kann, durch alle Höhen und Tiefen hinweg. Immerhin: Das Kunstmagazin gibt es mittlerweile seit 30 Jahren. Hier will also niemand etwas vormachen.

Es fällt allerdings auf, dass sich gerade jetzt, da der Kunstmarkt gleichzeitig mit der Finanzwirtschaft den Bach runter zu gehen scheint, die deutschen Kunstmagazine im neuen Layout präsentieren. Offenbar setzen Redaktionen und Marketing-Leute auf einen einfachen Effekt: Neues macht Altes vergessen. Da liest sich das Motto, unter dem das Redesign stattfand, gleich noch mal anders: „Einfach nur hübsch hilft keinem weiter“ – als Aufforderung an Künstler wie Sammler, sich auf Inhalte zu konzentrieren. Und die Erneuerung des Kunstmarkts – ganz seriös – voranzutreiben.

Was ist aber wirklich anders an der neuen, von Art Director Karsten Henning und Kommunikatiosdesigner Andreas Homann verantworteten „Art“? Das Cover hat plötzlich mehr Weißfläche, direkt unter dem geschrumpftem Logo sind nun auf weißem Grund die Highlights der Ausgabe vermerkt. Darunter, auch in einer Schrumpf-Variante, das Titelbild. Sehr klar, sehr aufgeräumt. Im Heft-Inneren wird weiter mit neuen Typos und Seitenaufteilungen versucht, Ordnung zu schaffen. Hier kann der Eindruck allerdings nicht vollends überzeugen, gerade im hinteren Teil, der „Agenda“ getauft wurde, bekommt „Art“ die Anmutung eines Stadtmagazins: frisch und ein bisschen auf jung gemacht – und deshalb unfreiwillig altbacken.

„Agenda“ fasst alle Informationen zusammengefasst, die den jeweiligen Kunstmonat betreffen. Die wichtigsten Ausstellungen werden als Kritik oder als Vorschau gebündelt. Zudem gibt es zwei neue Rubriken: Unter „Durch den Monat mit“ stellt ein Akteur des Kunstbetriebs seinen ganz persönlichen Terminplan vor, und das „Update“ beleuchtet ein Zentrum der Kunst, das derzeit einen Besuch lohnt. Auch in der Tonalität von „Art“ soll sich etwas ändern: „Wir gehen großzügiger mit dem Raum um und arbeiten erzählerischer, literarischer mit Überschriften“, so Chefredakteur Sommer.

Die nächste große Neuerung bei „Art“ wird zeitgleich mit dem Redesign verkündet: Ab Oktober wird das Format „Art Plus“ erstmals erscheinen. Das eigenständige Produkt wird – mit eigener Titelseite – in „Art“ fest integriert und am Ende des Hefts, hinter der Vorschau auf die kommende Ausgabe, platziert sein. „Art Plus“ ist als monothematisches Spezial zu bestimmten Events konzipiert. Die erste Ausgabe des Supplements startet zur „Kunstszene Berlin“ mit Galerie- und Museumsführer, Club-, Hotel- und Promitipps.

Auch „Art“ muss mit einem Auflagenrückgang kämpfen: derzeit werden gut 55.000 Exemplare im Gesamtverkauf abgesetzt, 44.000 davon als Abonnements. Ein Minus von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Fünf-Jahres-Trend musste Europas größtes Kunstmagazin im gesamtverkauf ein Minus von 16 Prozent hinnehmen, davon fällt allerdings der größte Teil auf die sonstigen Verkäufe.

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