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TV 2009: Abschied von der Innovation

Mit großer Gelassenheit diskutieren die deutschen Fernsehmacher beim Medienforum NRW über die eigene Wichtigkeit – und sind sich sicher: Das Internet kann uns nichts anhaben. Dabei hängt die Branche immer noch von Innovationen aus dem Ausland ab. Auch – und gerade – in der Krise. Und das Fernseh-Forum zeigt auch: Neue Ideen oder Visionen für die Zukunft des Fernsehens gibt es in Köln derzeit keine. Es droht ein schleichender Abschied von der Innovation und Weiterentwicklung.

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Wenn alles wie geplant läuft, kann Dieter Bohlen bald noch mehr Talente begutachten. Während sich RTL hierzulande mit „Deutschland sucht den Superstar“ Quotenträume erfüllt, probt das Fernsehen in den USA schon den nächsten Trend. Wieder eine Castingshow. Wieder mit Sängern. Bloß ohne Musik. „Strictly Vocal“ heißt die Talentshow, die in diesem Jahr beim US-Network NBC starten soll, und in der acht Teams darum kämpfen, den Wettbewerb als beste A-Capella-Gruppe zu gewinnen. Wenn das erfolgreich ist, werden auch die deutschen Sender Interesse zeigen. Denn wenn unser Fernsehen für eines bekannt ist, dann dafür, dass es lieber Ideen im Ausland einkauft anstatt selber welche zu entwickeln.
Dabei gibt’s längst Ausnahmen: „Genial daneben“ ist dieses Jahr in Schweden gestartet, „Schlag den Raab“ nach Kroatien exportiert worden, und in den Niederlanden wird es „Help, I’m Broke“ geben, eine Variante des RTL-Erfolgs „Raus aus den Schulden“. Im Vergleich mit der Kreativität der Produzenten in Großbritannien und den Niederlanden ist das allerdings geradezu lächerlich: Die Menge der Formate, die allein im europäischen Ausland getestet wird, ist hierzulande unvorstellbar.
Und genau aus diesem Grund ging der erste Tag des Internationalen Fernsehkongresses beim Medienforum NRW in Köln am Montagabend mit dem Thema „Was die Welt so unterhält“ zu Ende – einer Übersicht ausländischer Formatideen, von der Psychoquizshow, in der sich drei Kandidaten in Sekunden auf eine ungleiche Gewinnaufteilung einigen müssen, über die Öko-Dokusoap bis zur neuesten Datingshow-Variante „Dating in the dark“, bei der die Teilnehmer ihr Gegenüber erfühlen und ertasten dürfen, aber erst nach einigen Tagen zu sehen bekommen.
Einiges davon ist makaber, manches geschmacklos – aber alles geht auf das Prinzip zurück, neue Ideen ausprobieren zu müssen, um dem Publikum immer wieder neue Angebote zu machen. So viel Kreativität darf hierzulande niemand erwarten. Deutsche Fernsehmacher versuchen sich durch die Krise zu retten, indem sie sich gegenseitig bestätigen, wie sehr sie doch „Leitmedium“ sind, dem auch das Internet nichts anhaben könne – zumindest vorerst.
„Wenn ich eine Fernsehentwicklung entwickle, dann entwickele ich die fürs Fernsehen“, stellte Vox-Geschäftsführer Frank Hoffmann in der Runde „Was alle immer überall sehen wollen!“ am Mittag eine einfache Regel auf. n-tv-Moderatorin Leo Busch hatte eigentlich eine Runde zur „Auferstehung des Contents“ moderieren wollen, es wurde dann aber doch bloß ein Austausch gegenseitiger Gewissheit, wie sehr die eigene Arbeit Maß aller Dinge ist. Mag ja sein: Junge Leute sehen nicht mehr soviel fern. Und, hey, dieses Internet ist auch irgendwie wichtig, deshalb hat ja inzwischen fast jeder Sender seine eigene Mediathek (ab 1. Juli auch Vox, wie Hoffmann ankündigte). Aber Internet bedeutet für viele Sender immer noch bloß: Zweitverwertung.
„Das Internet hat etwas Flüchtiges. Große Geschichten sind dafür nicht wirklich geeignet“, stellte WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff ein für allemal klar, so als habe sich die ARD aufs Fähnchen geschrieben, das Netz höchst selbst zu beerdigen. In jedem Fall sei der Aufwand, mit dem derzeit fürs Fernsehen produziert werde, unmöglich aufs Netz zu übertragen, und genau deshalb werde die ARD auch keine eigenen Sendungen für Online produzieren.
Da hat Kulenkampff natürlich Recht – aber eben auch noch nicht gemerkt, dass im Internet längst viel weniger aufwändig produziert wird und das nicht immer schlechter sein muss als das, was ARD und ZDF mit ihren Gebühren anstellen.
Während Matthias Alberti, Ex-Sat.1-Chef und stellvertretender Chef der German Free TV-Abteilung von Pro Sieben Sat.1 laut über die Natur des „Viewsers“ nachdachte (die Verschmelzung von Viewer und User), verbreitete ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut ein weiteres Mal das Märchen von der nicht existierenden Konvergenz – wenn auch mit einer lustigen Formulierung: „Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten – außer im Programm.“ Sagt der Mann, dessen Sender Anfang Juli den Sat.1-Oldie „Kommissar Rex“ wiederbelebt.
Und Kulenkampff ist fest davon überzeugt, dass die ARD mit ihren „starken Marken“ fit für die nächsten Jahrzehnte ist. „Tagesschau“, „Sportschau“, „Tatort“: „Das ist ein Wert an sich.“ Jan Peter Lacher, Leiter der strategischen Programmplanung bei RTL, erklärte im Strategieworkshop derweil das Hauptanliegen seines Senders in einem Satz: „Wir möchten, dass die Zuschauer und die Werbekunden zu jeder Zeit genau wissen, was sie bei RTL erwartet.“ Für den einen ist das ein Erfolgsprinzip – für den anderen der schleichende Abschied von Innovation und Weiterentwicklung.
Neue Ideen oder Visionen für die Zukunft des Fernsehens gibt es in Köln derzeit keine. Es sind sich nir alle einig: Irgendwie geht’s weiter. Das ist ernüchternd – aber irgendwie auch erwartbar in einer Branche, die soviel Angst hat, mutig zu sein, dass sie sich mit der eigenen Wichtigkeit beruhigen muss. Am Dienstag kommt dann Simon Sutton, Chef des US-Bezahlsenders HBO („Sex and the City“, „The Sopranos“) nach Köln, um zu erklären, „Was uns das Ausland zeigen kann“. Laut Programm hat er eine Stunde Zeit. Das wird ein hartes Stück Arbeit.

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