Nichts ist so alt wie die Zeitung von heute

Gerade bei „Zeit Online“ den ellenlangen aber lesenswerten Artikel über den wirtschaftlichen Niedergang der „New York Times“ gelesen. Anschließend die „FAZ“ aus dem Zeitungsrohr gezogen und am Kopf gekratzt. Eigentlich bin ich ja Fan der gedruckten Tageszeitung. Ich halte die gedruckte Zeitung, gerade auch im unhandlichen nordischen Format, für ein Kulturgut ersten Ranges. Eigentlich. In […]

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Gerade bei „Zeit Online“ den ellenlangen aber lesenswerten Artikel über den wirtschaftlichen Niedergang der „New York Times“ gelesen. Anschließend die „FAZ“ aus dem Zeitungsrohr gezogen und am Kopf gekratzt. Eigentlich bin ich ja Fan der gedruckten Tageszeitung. Ich halte die gedruckte Zeitung, gerade auch im unhandlichen nordischen Format, für ein Kulturgut ersten Ranges. Eigentlich. In jüngerer Zeit merke ich aber trotz der grundsätzlichen Sympathie, dass sie für mich persönlich immer überflüssiger wird. Die „Nachrichten“ und Diskussionsbeiträge auf Papier sind eben auf altem Stand. Die Tageszeitungen hecheln dem News-Fluss immer noch hinterher, während Wochen-Publikationen wie „Zeit“ oder die Magazine wie der „Spiegel“ sich vom schnellen Abbilden Nachrichten-Geschehen erfolgreich abgekoppelt haben. Die „Zeit“ pflegt erfolgreich ihre zeitlose Debatten-Kultur. Der „Spiegel“ schafft es, mit seiner konkurrenzlosen redaktionellen Ausstattung, Nachrichten eher zu erzeugen und zu schaffen, statt ihnen hinterherzurennen.

Die „Zeit“ erscheint mir sogar oft regelrecht „zeitlos“. Ich habe kein Problem damit, auch eine zwei, drei Wochen alte Ausgabe durchzublättern und stoße meist auf etwas Interessantes und immer noch aktuelles. Natürlich haben auch Tageszeitungen mittlerweile viele Artikel, die im guten Sinne zeitlos sind. Die finden sich aber eist in thematischen Beilagen, wie dem immer noch ganz hervorragenden „Technik & Motor“-Teil der „FAZ“. Aber die Mehrheit des dort Geschriebenen ist, zumindest meinem Eindruck nach, eben an den Tag gebunden. Es ist halt eine Tageszeitung. Das ist vielleicht das strukturell schwerwiegendste Problem der Gattung: Die Zeitung erscheint zu oft, wird darum von den immer schneller werdenden Ereignissen vor sich hergetrieben, kommt nicht zu einer wirklich ausgeruhten Betrachtung, erreicht aber auch niemals das Tempo von Internet, Fernsehen oder Radio.

Allzu oft wandert die abonnierte Zeitung bei mir zu Hause ungelesen ins Altpapier. Es ist ja nicht nur so, dass die Tageszeitung morgens nur den alten Stand vom Vortag abbildet. Oft komme ich erst am Abend dazu, hineinzuschauen und dann sind die Artikel und Ansichten dort schon wieder mehrfach überholt. Quasi fast schon von vorgestern. Dafür kann die Zeitung nichts, aber ihr gedrucktes Angebot entspricht einfach nicht mehr meinem Medienkonsum-Bedürfnis.

Früher gab es den Spruch „Nichts ist so alt wie Zeitung von gestern.“ Heute gilt leider immer mehr „Nichts ist so alt wie die Zeitung von heute.“ Die Tageszeitungen werden gewiss noch viele Jahre existieren, aber in ihrer gedruckten Form kämpfen sie eigentlich nur noch Rückzugsgefechte. Wir werden wohl in den kommenden Jahren den einen oder anderen Tod einer Tageszeitung beweinen müssen. Aber vielleicht dürfen wir uns auch über die eine oder andere Neugründung einer Wochenzeitung freuen. Neben der überaus erfolgreichen „Zeit“ und dem meinungsfreudigen neuen „Freitag“ gibt es gewiss noch Platz.

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