„Qualitäts-Twitterer sollen sichtbar werden“

Der "FAZ"-Redakteur und FAZ.net-Blogger Holger Schmidt ("Der Netzökonom") hat mit Tweetranking ein eigenes Start-up gegründet, das von der Twittergemeinde in Deutschland begeistert aufgenommen wurde. Twitter-Empfehlungen laufen seither fast nur noch über Tweetranking. Auf der Seite kann man andere Twitterer empfehlen und Kategorien zuordnen. Schmidt will so den unübersichtlichen Kommunikations-Wildwuchs von Twitter gerade für Anfänger ordnen. MEEDIA sprach mit ihm über seine ersten Erfahrungen.

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In Ihren Worten: Was ist Tweetranking und warum braucht man so etwas?

Bei Gesprächen mit Leuten, die sich mit Twitter erstmals beschäftigen, tauchte immer wieder die Frage auf, wie man die interessanten Leute auf Twitter findet. Neulinge schauen immer auf die allgemeine Twitter-Timeline und sind wegen der Informationsflut verwirrt. Da rauscht so viel durch, das kann man gar nicht alles fassen. Tweetranking ist die Idee, Twitter zu ordnen und ein Verzeichnis mit Kategorien zu erstellen, das auf Empfehlungen der Twitterer selbst basiert. Auf diese Weise sollen die Qualitäts-Twitterer sichtbar werden.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich habe in meinem Blog einen Beitrag zu einer Nielsen-Studie geschrieben, die besagt, dass 60 Prozent der Twitterer nicht wiederkehren. Die Studie hat zwar PC-Programme wie Tweetdeck nicht mit einbezogen, trotzdem sollte die Aussage ernst genommen werden. Viele Einsteiger sehen den Vorteil von Twitter nicht, weil sie die Perlen nicht entdecken. Da kam mir die Idee, dass man über Empfehlungen ein sich selbst generierendes Verzeichnis erstellen könnte. Ich habe dann mit ein paar Leuten aus der Internetszene gesprochen und alle fanden die Idee gut. Also habe ich mich daran gemacht, das umzusetzen.

Haben Sie sich auch von dem US-Angebot Wefollow.com inspirieren lassen?

Wefollow.com habe ich überhaupt nicht als Vorbild genommen. Wefollow erstellt zwar auch Twitter-Ranglisten, aber rein nach der Anzahl der Follower. Alle wissen, dass man die Anzahl der Follower künstlich hochtreiben kann. Ich versuche, mit Tweetranking wegzukommen von der Anzahl der Follower als Gradmesser. Stattdessen setzt Tweetranking auf echte Empfehlungen und ich glaube, dass die Qualität der Ranglisten dadurch besser wird. Nehmen wir mal das Beispiel Ashton Kutcher. Er hat inzwischen über zwei Millionen Follower, aber ich weiß nicht, ob ihn jeder empfehlen würde. Die Zahl der Follower sagt wenig über die Qualität eines Twitterers aus und sie sagt gar nichts über dessen Fachgebiet aus.

Wenn es um Ranglisten und Empfehlungen geht, besteht auch die Gefahr des Missbrauchs und von Spam. Gleich zum Start von Tweetranking hat zum Beispiel der Autovermieter Sixt das System für Eigenwerbung missbraucht. Mittlerweile haben die das zurückgenommen und sich auch entschuldigt. Was ist da passiert?

Zwei Unternehmen, eins haben sie gerade genannt, die mit ungefähr einem Dutzend Accounts bei Twitter aktiv sind, haben sich mit diesen Accounts gleich zum Start von Tweetranking gegenseitig selbst empfohlen. Das führte dazu, dass nach drei Stunden die Kategorie Mietwagen ganz nach oben kam und dort die ersten zwölf Positionen mit einem einzigen Unternehmen besetzt waren. Das ist natürlich nicht Sinn der Sache und wurde bei Twitter auch sofort als unerwünschter Spam deklariert. Die Unternehmen haben erkannt, dass das Vorgehen in der Community sehr negativ als Spam wahrgenommen wurde und sie haben verstanden, dass das kein guter Schachzug war.

Sie sind hauptberuflich Redakteur bei der „FAZ“ – ist Tweetranking nur ein Hobby oder sehen sie langfristig auch eine Möglichkeit, damit Geld zu verdienen? Immerhin sind sie bei der „FAZ“ ja der „Netzökonom“…

Heute ist Tweetranking ein reines Hobby. Es hat mich gepackt, die Idee auszuprobieren. Aber natürlich kann man sich auch vorstellen, irgendwann damit Geld zu verdienen. Wenn man ein Verzeichnis mit vielen Kategorien hat, ist zum Beispiel Google Adsense als Monetarisierungsmodell vorstellbar. Auf lange Sicht ist auch nicht ausgeschlossen, Anzeigen innerhalb der Rankings zu platzieren. Aber das ist Zukunftsmusik. Ich bin mit Leib und Seele Redakteur und Blogger bei der „FAZ“ und werde dies auch bleiben..

Mussten sie ihr Engagement bei Tweetranking mit der „FAZ“ abstimmen?

Ich habe Tweetranking ganz normal als Nebentätigkeit beantragt und es wurde auch genehmigt.

Haben Sie Investoren an Bord?

Nein, das ist ein reines Projekt von mir und wird auch von mir finanziert.

Was sind ihrer Meinung nach die Vorteile und was die Nachteile von Twitter?

Twitter ist meiner Meinung nach ein effizientes und schnelles Tool, um Informationen zu verbreiten und an Informationen zu kommen. Man stößt, wenn man den richtigen Leuten zuhört, auf Informationen, die man alleine nicht gefunden hätte. Für mich als Journalist hat Twitter schnell eine wichtige Rolle als Nachrichtenquelle gespielt. Gleichzeitig ist Twitter aber auch sehr wichtig als Rückkanal zu den Lesern. Ich habe neulich eine Studie gesehen, laut der zehn Prozent der Twitterer für 90 Prozent der Tweets verantwortlich sind. Twitter wandelt sich also so ein bisschen vom Kommunikations- zum Publikationsmedium. Der Nachteil von Twitter ist in der Tat, dass es unübersichtlich ist. Es ist sehr schwer, die richtigen Leute zu finden, bei denen es lohnt, Follower zu werden. Aber genau dafür habe ich ja Tweetranking gegründet.

Sie beobachten schon lange die Web2.0-Szene. Star-Firmen wie Twitter, Facebook oder YouTube gelten als Meister im Geldverbrennen. Glauben Sie, man wird irgendwann das Ei des Kolumbus finden, wie man mit dem Social Web Geld verdient?

Im Moment liegt das nicht auf der Hand, wie man im Social Web Geld verdienen kann. Wenn man aber sieht, welche zentrale Rolle Facebook bereits jetzt im Internet spielt, wieviel Traffic und Kommunikation über Facebook läuft – dann kann man sich kaum vorstellen, dass Facebook kein Monetarisierungmodell findet. Das wird kommen, ob es nun Werbung ist oder ein E-Commerce-Projekt. Bei YouTube ist es interessant zu sehen, wieviel Geld das Unternehmen für seine Infrastruktur ausgeben muss. Aber deren Traffic und deren Marktposition wird man eines Tages auch gewinnbringend vermarkten können. Da bin ich sehr optimistisch.

Was ist ihr liebstes Twitter-Tool, abgesehen von Tweetranking natürlich?

Tweetie auf dem iPhone und auf dem PC nutze ich am liebsten Tweetdeck.

Und wer sind ihre drei Lieblings-Twitterer?

Pete Cashmore von Mashable, Kara Swisher von „All Things D“ und Mirko Lange von der PR-Agentur Talkabout.

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