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‚Ich bin froh, dass ich den Absprung schaffte‘

Er sang in einer Punk-Band, leitete das Satire-Magazin "Titanic", schrieb den "Besten Roman aller Zeiten". Im Mai erhielt Oliver Maria Schmitt für eine "FAZ"-Reportage den Nannen-Preis. MEEDIA hat den Autor in den USA aufgespürt: Alleine auf seiner Harley Davidson forscht er nach verschollenen Verwandten und recherchiert für neue Bücher. Da der Motorenlärm kein Gespräch erlaubte, führten wir ein E-Mail-Interview. Über seine Zeit bei "Titanic" sagt Schmitt: "Ich bin froh, dass ich den Absprung geschafft habe."

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Wo sind Sie heute gewesen? Ist etwas vorgefallen?
Gestern war ich im Criminal Records Center vom Sheriff’s Office in Columbus, Ohio, um mehr über das Vorstrafenregister meines ermordeten Cousins herauszufinden.
Heute fahre ich nach Kentucky.

Wie war es beim Sheriff? Wollen Sie uns die Geschichte Ihres Cousins erzählen?
Beim Sheriff war es sehr interessant. Ich durchstöberte alte Mikrofilm-Akten und fand etliches über meinen Cousin und seinen Kampf mit der Obrigkeit. Die Geschichte erzähle ich gerne, aber nicht MEEDIA, sondern meinem nächstem Buch, das von einer Motorradreise durch die USA handelt, von der Suche nach meinen beiden verschollenen Obama-Vettern. Sie waren die Kinder meiner Tante, die einen schwarzen Sergeant geheiratet hat. Beide Kinder sahen aus wie Obama und wären auch jetzt in seinem Alter. Der eine ist ermordet worden, nach dem anderen suche ich noch.
Auf der Fahrt nach Kentucky lernte ich dafür aber einen anderen Sheriff kennen. Er folgte mir einige Meilen mit Blaulicht und zog mich dann vom Highway. Ich war 82 statt der erlaubten 65 mit der Harley gebrettert. 130 km/h! Das ist hier ein Verbrechen!

Was Sie da über den Besuch beim Sheriff schreiben, hört sich gar nicht nach Recherche für ein satirisches Buch an. Welchseln Sie gerade das Genre? Können wir etwas für Sie tun, um Sie aus dem Gefängnis herauszuholen?
Der Cop hat es nicht geschafft, mich einzubuchten. Ich konnte ihn mit insgesamt sechs Dokumenten verwirren, die meine Echtheit und die Unbescholtenheit meiner Harley bezeugten. Er ließ mich mit einer Verwarnung ziehen. Mittlerweile bin ich sicher in Bardstown, Kentucky, gelandet, der Welthauptstadt des Bourbon. Gestern die Jim-Beam-Destillerie, heute Constellation Spirits und Marker’s Mark, morgen ist Milchtag.
Die Geschichte meiner verschwundenen Cousins ist zwar traurig, das Buch insgesamt aber nicht. Die USA sind ja auch immer alles zugleich: Seltsam, erschütternd, großartig, scheußlich, interessant und lächerlich.

Motorradfahren, Sheriffs, Whiskey – was ist mit der Musik? Gibt es lauten, schnellen, bösen Rock’n’Roll im Hillbilly-Staat?
Kann ich schlecht beurteilen, ich bin schon wieder zwei Staaten weiter: in Hannibal, Missouri, dem Jugendort von Mark Twain. Ich plane ein Jugendbuch zu schreiben, das von zwei Freunden, einem weißen und einem schwarzen Jungen handelt, von einem Mädchen namens Becky und einer Figur namens Indianer-Heinz. Die Idee ist aber noch sehr roh, ich muß mich hier erstmal inspirieren lassen. In Kentucky hörte ich ausnahmslos Hillbilly-Gezupfe und sah Frauen, die von Pferden nur schwer zu unterscheiden waren. Das einzig Angenehme an dieser Musik waren die Clubs, in denen gespielt wurde – dort durfte man nämlich rauchen.

Allein in der Fremde – vermissen Sie eigentlich auch ihren Schreibtisch? Sehnen Sie sich überhaupt einmal nach dem Radaktionsalltag von früher in der Titanic zurück?
Meinen Schreibtisch habe ich ja leider immer dabei, so dass ich auch als Reisender für alle Spam-Versender dieser Welt jederzeit erreichbar bin. Nur nicht für die Titanic-Redaktion. Ich bin froh, dass ich den Absprung geschafft habe, ich war einfach zu jung für diesen Job, zu unschuldig. Ich wollte ja ursprünglich Jugendbücher schreiben, keine Satiren. Fünf Jahre hat die Suche nach einem wesentlich älteren Nachfolger gedauert – dann habe ich an Martin Sonneborn übergeben.

Können Sie über die „Titanic“ noch lachen? Welchen mutigen Rat könnten Sie dem Chefredakteur der „Titanic“ geben?
Ja, verblüffenderweise immer wieder. Dabei glaubte ich doch, schon alle Witze selbst gemacht zu haben.
Niemals auf öffentlich vorgebrachte mutige Ratschläge zu hören.

Trotz Ihrer Distanzierung von dem Satire-Magazin: Ihre bisherigen Bücher trugen stets starke satirische Züge. Wird das bei dem Jugendbuch, an dem Sie arbeiten, nun ganz anders?
Ja, Kinder verstehen keine Ironie. Sie sind dazu nicht in der Lage, weil sie so klein und dumm sind, und daran sind nur sie selbst schuld. Sie tun mir regelrecht leid.

Sie sind in Mark Twains kleiner Stadt am großen Mississippi – könnten Sie sich vorstellen, dort besser zu leben als in Frankfurt?
Hannibal ist ein entspanntes Nest. Aber Mark Twain wusste schon, warum er es verließ. Ich bin inzwischen auch schon weitergezogen, nach Saint Louis, wo die deutschamerikanische Brauerei Anheuser-Busch ein phantastisches Bier braut, es heißt „Budweiser“, ein echter Geheimtipp.

Aus irgendeinem Grund sehe ich Sie auf Ihrer Harley mit Fransenjacke und üppigem Vollbart. – Fallen Sie auf, wenn Sie in eine Stadt einfahren?
Ja. Ich bin der einzige Harleybiker weit und breit, der nicht über und über mit Harley-Davidson-Schriftzügen markiert ist, und Fransen lehne ich aus ideologischen Gründen ab. In jeder Form. Aber egal wie laut man in eine Kleinstadt einknattert – man erntet überall nur freundliche Blicke und bekommt pausenlos Komplimente für die schöne Maschine. Vor allem von älteren Leuten! Motorisierung in jeder Art findet man hier grundsätzlich gut. Kein Wunder, daß der Smart hier für eine illegale Art von Gocart gehalten wird.

MEEDIA möchte natürlich unbedingt wissen, wie Sie als Medien-Protagonist sich unterwegs informieren – durch illustrierte Magazine? Radio? Gibt es noch gedruckte Zeitungen da in Staaten? Und wenn: machen die Sie glücklich?
Die gedruckten Zeitungen hier sind sensationell uninformierend. Jedenfalls über das Weltgeschehen. Hingegen werden alle Verhaftungen der städtischen Polizei vom Vortag penibel genau (mit Namen!) aufgelistet. Im Fernsehen gibt’s hauptsächliche lokale Verbrechensberichte, Tornadowarnungen und christliche Haßprediger. Alle zurechungsfähigen Leute, die man trifft, informieren sich über NPR, National Public Radio, ein reiner Wortsender, der Ähnliches liefert wie bei uns die Wortprogramme der Öffentlich-Rechtlichen. In den USA ein absolutes Unikum, weil werbefrei. Ansonsten hat das dem Internet geschuldete Zeitungssterben hier längst die Ausmaße erreicht, die es in Deutschland erst in fünf Jahren haben wird.

Für Ihr Realsatire-Stück für die „FAZ“ erhielten Sie kürzlich sogar den Nannen-Preis. Bedeutet Ihnen diese Auszeichnung etwas?
Ja, Henri Nannen war schon immer mein Vorbild. Er hat mit dem „Stern“ gezeigt, daß man mit der Kombination aus Nazi-Grusel und geschmackvollem Tittenjournalismus eine Qualitätszeitschrift machen kann. Das versuchen wir bei „Titanic“ ja auch immer.

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