„Talk to go“: Hollywood als Monstershow

Die WAZ-Gruppe testet ihr lang angekündigtes Klatschblatt "Talk to go". Mit einem Kampfpreis von 90 Cent will der Verlag den People-Markt aufmischen und sich Bauers erfolgreichem "InTouch" nähern – in jeder Hinsicht von unten, wie ein Blättern der Erstausgabe zeigt. Grell, hämisch, billig ist das Konzept. Den Stars gönnt man nichts, nicht einmal das gewohnte Hochglanz-Papier. Mögliche Zielgruppe: Teenies, die zwischen "Bravo" und Nintendo pendeln – und gerade 90 Cent für das WAZ-Blatt klein haben.

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Dafür bekommen sie etwas geboten, was es so an deutschen Kiosken noch nicht gab: ein wöchentliches People-Magazin auf Zeitungspapier, das die Stars zu Spott-Objekten degradiert. Hier finden sich keine Glamour-Gesichter, auf dem billigen Papier wirkt hingegen sogar Angelina Jolie wie ein pickliger C-Promi. Der WAZ-Titel ähnelt in Aufmachung und Tonalität den angelsächsischen Yellows und Gossip-Magazinen mit ihrer ätzenden Berichterstattung.
„Talk to go“ klingt eigentlich nach einem neuen Handy-Tarif von T-Mobile und leistet sich die sinnleere Subline „Stars zum Mitnehmen“, als wäre zum Mitnehmen ein Unterscheidungsmerkmal zu anderen Printprodukten. Offenbar gehört es zum Konzept, dass alles im Heft flüchtig und für den zweiten Gedanken untauglich ist. Auch die Optik knallt: viel Foto, wenig Text, grelle Sternchen und Pfeile im Kuli-Kritzel-Look, stilvoll wie ein Anzeigenflyer des lokalen Supermarktes.

„Wir sehen alles“ droht das Blatt (hier angebliche Kokain-Spuren in der Nase von Lindsay Lohan), findet Jennifer Lopez „leblos“, mokiert sich über die Wirkung der Schwerkraft auf Star-Brüste („Die Abhänger“), weidet sich am unvermeidlichen Kirstie Alley-Report („Diät-Unfall: In 18 Monaten wieder 39 Kilo zugenommen“), konstatiert gönnerhaft: „Auch Stars trinken zuviel“ (natürlich mit Fotostrecke). Da wirkt es fast wie eine Drohung, wenn die Redaktion im Service-Teil (Welcher Hollywood-Typ bist du?) eine Anleitung platziert: „In nur fünf Schritten zum Star.“
Sabine Ingwersen, die von 2007 bis 2008 „Frau im Spiegel“ (damals noch Gruner + Jahr) verantwortete, hat „Talk to go“ für den Westdeutschen Zeitschriftenverlag, eine WAZ-Tochter entwickelt. Einige ihrer Ideen für das neue Promi-Magazin hat sie sich offenbar im Internet abgeguckt: Das Heft wirkt wie die Print-Ausgabe von Perez Hiltons klatschsüchtigem Hollywood-Blog. Hier ein hingekritzelter Pfeil, der auf Heidi Klums Babybäuchlein verweist, dort eine Sprechblase, die auf vermeintlich Gesagtes aufmerksam macht. Ansonsten viel pink, gelb und ein wenig blau.

Die MTV-Generation, für die „Talk to go“ konzipiert wurde, soll sich in dem Blatt wiederfinden: Die Aufmerksamkeitsspanne, die man fürs Durchblättern benötigt, gleicht in etwa der, die man für ein bis zwei MTV-Clips braucht. Die spannende Frage lautet, ob der Versuch, den Trash auf die Spitze zu treiben und das Produkt zum Dumpingpreis anzubieten, ein neues Segment im übervollen People-Markt eröffnen kann. Oder ob es (wie vor Jahren bei den Programmies) gelingt, über den Preis auf die doppelt so teure Konkurrenz („Intouch“ kostet 1,80 Euro) Boden gut zu machen.

„Talk to go“ wird derzeit einem Markttest unterzogen. Erst vor wenigen Tagen hieß es allerdings, der fest terminierte Test sei abgeblasen. Sabine Ingwersen wollte sich offenbar nicht dauerhaft an das Projekt binden. Dann folgte die Kehrtwende: Die WAZ-Gruppe testet das neue Magazin jetzt drei Mal in Ballungsgebieten, die Druckauflage liegt bei jeweils 100.000 Exemplaren. Ob Ingwersen dabei bleibt oder nicht, ist allerdings noch nicht bekannt.

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