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„Mithilfe westdeutscher Wettbewerber“

Mit seinen Äußerungen zu Spendenzahlungen liberaler Verleger und Chefredakteure an die studentische Apo der 60er Jahre hat Schriftsteller Peter Schneider, einer der damaligen Aktivisten, für Gesprächsstoff aber auch Unruhe in den Großverlagen gesorgt. Bei der Aufarbeitung der Rolle des Springer-Verlags bei den 68er-Protesten könnten die Vorgänge leicht zum Politikum im gerade derzeit nicht immer einfachen bilateralen Verhältnis der Medienhäuser werden. Das will niemand, aber ignorieren lassen sie die Dinge auch nicht.

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Deswegen ist es interessant, wie die Verlagsspitzen mit der Situation umgehen. Der „Spiegel“ ging vergangene Woche zunächst quasi mit sich selbst in Klausur und überprüfte die Akten aus dem Jahre 1967. Peter Schneider hatte davon berichtet, dass Rudolf Augstein die Anti-Springer-Kampagne finanziell unterstützt habe, in dem er einem Komitee-Mitarbeiter in zwei „Tranchen von je 25000 DM“ Bargeld zugesteckt habe. Daneben sollen „Stern“- und „Zeit“-Verleger Gerd Bucerius wie auch „Stern“-Gründer Henri Nannen „beträchtliche Summen“ für „Enteignet Springer“ gezahlt haben.
Die Reaktion des „Spiegel“ ist in der heutigen Ausgabe nachzulesen. Sie findet sich aber weder im Medien- oder Deutschland-Ressort noch in einer „In eigener Sache“-Stellungnahme der Hausmitteilung. Statt dessen wird eine Passage des FAZ-Artikels von Peter Schneider vom 3. Juni im „Rückspiegel“ zitiert, gefolgt von einer längeren Anmerkung der Redaktion.
Darin werden nicht die Zahlungen von Augstein über 50000 Mark bestritten, wohl aber der Zweck für den diese bestimmt gewesen seien. So konstatiert die Redaktion zwar einen „losen Austausch“ des „Spiegel“-Verlegers mit Köpfen der Studentenbewegung und stellt zudem fest: „Die Publizisten sympathisierten mit vielen der studentischen Forderungen nach Reformen und sie waren bereit, Dutschke und seine Mitstreiter zumindest in der Anfangsphase der Bewegung finanziell zu unterstützen.“
Was wie ein Eingeständnis wirkt, ist jedoch tatsächlich ein Dementi. Denn Schneider, so der „Spiegel“-Text, sei bei Augstein mit seiner Bitte um Hilfe für ein Anti-Springer-Tribunal abgeblitzt: „Von einem Tribunal hielt Augstein gleichwohl nichts, es sei ‚unnütz, ja schädlich‘.“ Augstein habe in einem Brief an die Studenten empfohlen: „… der Gedanke an ein Tribunal (muss) aufgegeben werden.“
Das liest sich eindrucksvoll, nur: Darauf hatte sich Schneider gar nicht bezogen. Der Schriftsteller am Montag zu MEEDIA: „Ich bestreite nicht, dass sich Augstein im Brief so geäußert hat. Aber das Springer-Tribunal war ja nicht identisch mit der Anti-Springer-Kampagne.“ Augstein habe sich auf den damals geplanten Schau-Prozess nach Vorbild des Vietnam-Tribunals bezogen, der „Enteignet Springer“-Kampagne aber wohlwollend gegenüber gestanden.“ Schneider bleibt dabei: „Es ist damals von Seiten der Verleger eine ganze Menge Bargeld geflossen.“
Bei Axel Springer, wo man sich derzeit bemüht, die politische Rolle des Medienkonzerns in den 60er aufzuarbeiten, dürften Enthüllungen über eine diskrete Anschubfinanzierung der Studentenproteste durch die Konkurrenz aufhorchen lassen. Doch zu einer Breitseite gegen Ikonen der deutschen Mediengeschichte scheint man sich auch dort nicht durchringen zu können. So äußerte sich Vorstandschef Mathias Döpfner am Wochenende in einem langen Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zwar ausführlich zu dem „Unrecht“, was dem Verlagshaus bezüglich seiner Feindbildfunktion in Apo-Zeiten widerfahren sei. Die liberalen „Enteignet Springer“-Unterstützer aus der Branche nennt Döpfner jedoch nicht, er beschränkt sich auf den kiebigen Halbsatz, dass die aus dem Osten gesteuerte Diffamierungskampagne „zum Teil sogar unter engagierter Mithilfe westdeutscher Wettbewerber“ florierte.
Gruner + Jahr  hatte zunächst auf die  Äußerungen Schneiders nicht reagiert, obwohl neben „Stern“-Gründer Nannen und seinem damaligen Stellvertreter Manfred Bissinger (der als Geldbote fungierte) auch „Stern“-Verleger Gerd Bucerius zu den Unterstützern der Kampagne gehört haben soll. Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete war nach dem Verkauf seiner G+J-Anteile auch Aufsichtsratsvorsitzender der Bertelsmann AG. Dabei hat Manfred Bissinger die Zahlungen von Bucerius offenbar auch dem „Spiegel“ auf Anfrage bestätigt. Am Freitag veröffentlichte der Verlag dann in Abstimmung mit der „Stern“-Chefredaktion ein Statement: „Der ‚Stern‘ hat bezüglich der ‚Enteignet Springer‘-Kampagne nichts mitfinanziert. Ob Henri Nannen in dieser Sache privat Geld gegeben hat, können wir leider nicht sagen und auch nicht mehr feststellen.“
Vermutlich endet damit die Geschichte, zumindest der offizielle Teil. Die maßgeblichen Protagonisten von einst, Augstein, Nannen und Bucerius, können sich nicht mehr erklären. So verbleibt auch die Einschätzung von Peter Schneider im freien Raum der individuellen Deutung. „Es wird aus heutiger Sicht oft verkannt, dass die Anti-Springer-Kampagne zumindest in den Anfängen bei liberalen Intellektuellen äußerst populär war. Und ich glaube nicht, dass sich Augstein, Nannen oder Bucerius im Nachhinein für ihr Handeln geschämt hätten.“

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