Medien verreißen „Erwachsen auf Probe“

Vier Teenager-Paare "mit starkem Kinderwunsch" dürfen ausprobieren, wie es wäre selbst Nachwuchs großzuziehen. Die erste Folge der RTL Reality-Doku "Erwachsen auf Probe" ist das Medienthema des Tages. Die MEEDIA-Presseschau fasst die wichtigsten Reaktionen zusammen. Stern-Autor Mark Stöhr kommt zu dem Schluss: "Die Macher von RTL haben wieder ganze Arbeit geleistet. Sie haben im Pool des Prekariats geangelt und verklappen das gefischte Personal ohne Rücksicht auf Verluste."

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Michael Hanfeld von der „FAZ“: „Liebling, ich habe das Baby gekillt
„Was soll „Erwachsen auf Probe“ sein? Tatsächlich der von RTL versprochene Eltern-Tüv für Teenager, die meinen, sie sollten schon Kinder bekommen? Oder ist es nicht eher doch, wie von manchen Kritikern behauptet, „Kindesmissbrauch“. Es ist eher Letzteres, wobei nicht nur die Kleinkinder, die nicht für Tage und Nächte, sondern für ein paar Stunden in die Hände von Teenagern gegeben werden, missbraucht werden, die jungen Leute werden es ebenfalls. Sie werden überfordert und vorgeführt, „bloßgestellt“, wie Marlis Herterich sagte. Und für was? Für eine Sendung, die, um es ganz unfeuilletonistisch zu sagen, nichts anderes ist als eine einzige Heuchelei. Der reine Dreck.“

Peer Schader von „Spiegel Online“:Platte Debatte
„Was genau der Job von „Expertin“ Katja Kessler ist, erschließt sich dem Zuschauer überhaupt nicht. Und das größte Problem der Protagonisten ist nicht, dass sie nicht auf Kinder aufpassen können – sondern dass den meisten generell eine ordentliche Portion Sozialkompetenz fehlt.

Vor dem Fernseher hat man das Gefühl, dass „Erwachsen auf Probe“ mit dem echten Leben ungefähr so viel zu tun hat wie das RTL-Nachmittagsprogramm: gar nichts. Für eine Dokusoap ist das ziemlich miserabel. RTL hätte sich seine Fernsehpädagogik ganz einfach sparen können. Und wir uns die ganze verlogene Diskussion.“

C. Keil  von Sueddeutsche.de: „Ohne schlechtes Gewissen

„Gezeigt wird mit den stilistischen Mitteln der Doku-Soap, wie Teenager mit Säuglingen die Elternrolle einüben – ein Experiment am lebenden Subjekt also. RTL hält „Erwachsen auf Probe“ für einen sozialrelevanten Beitrag. Es gehe darum, Familienkompetenz zu erlernen. So redet man sich sein Programm schön in der Krise, in der es kompromissloser als bisher darauf ankommt, gut abzuschneiden. Das heißt für RTL: überdurchschnittliche Quoten zu erzielen und damit attraktiv zu bleiben für Werbekunden.“

Mark Stöhr von Stern.de: „Teenager unter Kontrolle

„Der vorgebliche Eignungstest für Teenagereltern entpuppte sich als fiese Freakshow. Um die Leih-Babys muss man sich dabei weniger Sorgen machen. Um die Jugendlichen um so mehr.

Die Macher von RTL haben wieder ganze Arbeit geleistet. Sie haben im Pool des Prekariats geangelt und verklappen das gefischte Personal ohne Rücksicht auf Verluste. Mit den Freaks zum Kopfschütteln und Totlachen, die bislang über den Kölner Sender gingen, könnte man mittlerweile eine ganze Kleinstadt füllen.

Warum Eltern ihren Nachwuchs für ein solches Projekt hergeben, wurde auch gestern nicht klar. Auffällig war jedoch, dass sie öfter vor den Überwachungsmonitoren in einem Nebengebäude gezeigt wurden als noch in einer älteren Fassung der Folge, die RTL vor zwei Wochen bei einer Pressekonferenz präsentiert hatte. Scheinbar hat sich der Sender die massiven Vorwürfe von Kinderschutzverbänden also doch ein wenig zu Herzen genommen. An der völlig verquasten Versuchsanordnung ändert das gleichwohl nichts. Die Kinder wurden dem unnötigen Stress von Kameras und beknackten Babysittern ausgesetzt, die Teenager einmal mehr mit ihrem Unvermögen konfrontiert. Dass die Babys Schaden genommen haben, ist eher unwahrscheinlich. Der Schaden liegt eher bei Elvir und Co.. Sie haben keine Lobby im Rücken und werden ihre Reifeprüfung mit einem fragwürdigen Zertifikat abschließen: als Deppen der Nation.“

Christina Böck, Die Presse.com: Ein Baby ist schon gestorben

Das Problem von „Erwachsen auf Probe“ sind nicht die „gravierenden Menschenwürdeverletzungen, (…)Es ist dasselbe Problem, das TV-Sozialpornografie dieser Art immer mit sich bringt – und das ist diese Dokusoap, denn da ist das Casting sehr deutlich. Wie schon in der sehr ähnlichen ATV-Sendung „Teenager werden Mütter“ gibt es einen, nennen wir es mal unbekümmerten Protagonisten (dort Kinderwagendieb Gabriel, hier Dummie-Killer Elvir), der sich Unverständnis und sogar Wut der Zuseher zuziehen wird. Im Fall von „Erwachsen auf Probe“ ist eher die Frage: Ist es moralisch in Ordnung jungen, unreifen Menschen, die noch dazu deutlich sozial benachteiligt sind, dabei zuzusehen, wie sie sich zum Affen machen?

Thorsten Thissen, Welt Online: Nach der Baby-Show kann RTL kaum tiefer sinken
„Böses Fernsehen, ganz böses Fernsehen war das trotzdem, vielleicht noch ein bisschen böser als man es gewohnt ist, böser als „Germanys next Topmodel“ etwa. Aber etwas anderes als der übliche Skandal, dass Menschen, die man eigentlich vor sich selbst schützen muss, in die Öffentlichkeit gezerrt, der Lächerlichkeit preisgegeben werden, war es dann doch nicht.

Und die Sendung tut weh, weil sie über alle Maßen den Zuschauer manipuliert. Sie spielt damit, dass diesen offensichtlich problematischen, unreifen Jugendlichen Babys und später Kleinkinder sowie Schulkinder zum Fraß vorgeworfen werden.“

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